Dokumentarfilm Dieser sanfte teutonische Akzent

Werner Herzog vergibt zum ersten Mal seinen eigenen Filmpreis - an den Afrika-Dokumentaristen Hubert Sauper mit "We Come As Friends".

Von Tobias Kniebe

Jeder Autorenfilmer, der seinem Nachruhm nicht ganz teilnahmslos gegenübersteht, gründet heutzutage seine eigene Stiftung. Werner Herzog hat diesen Schritt im letzten November getan, in enger Verbindung mit dem Münchner Filmmuseum. Hauptzweck der Herzog-Stiftung ist, neben der Bewahrung und Pflege seines Werks, die jährliche Veranstaltung eines Herzog-Workshops bei gleichzeitiger Verleihung des Herzog-Filmpreises. Beides findet an diesem Wochenende in München zum ersten Mal statt. Der Empfänger der Ehrung ist der 50-jährige österreichische Dokumentarfilmer Hubert Sauper mit seinem Film "We Come as Friends".

Kolonialismus der Gegenwart: Hubert Saupers "We Come as Friends".

(Foto: Sauper)

Die erste Frage ist dabei natürlich, wie Herzog - legendenumwehter Einzel- und Eisgeher, Rogue-Filmer und stolzes Nichtmitglied in allen nur denkbaren Institutionen, Akademien und Kollektiven - nun andere Filmemacher auswählt, die einen Preis mit seinem Namen verdient haben. Seine Website nennt "Mut, Entschlossenheit und Visionen" als Grundvoraussetzung, wobei Mut vermutlich nicht umsonst an erster Stelle geht. Wer beim Filmemachen nicht mindestens Kopf und Kragen riskiert, braucht sich wahrscheinlich gar nicht zu bewerben - wobei, das macht die Website auch klar: Bewerben kann man sich ohnehin nicht. Außer Werner Herzog gehören noch vier weitere Personen der Jury an. Ihre Wahl war einstimmig, was schon deshalb sehr plausibel ist, weil man sich in keiner Weise vorstellen kann, dass Werner Herzog sich im Fall der Fälle überstimmen ließe.

Fragt man dagegen andersherum, welchen derzeit lebenden und arbeitenden Filmemacher man ohne jede Hemmungen als "herzogesk" bezeichnen könnte, ist Hubert Sauper eindeutig die erste Wahl. Für "We Come as Friends" war er im Südsudan unterwegs, einer allzeit gefährlichen und von Kriegen verwüsteten Region. Sauper erkundete die Weite des Landes mit einem winzigen Kleinflugzeug, das er auch noch selbst gebaut hatte. Eine solche Idee hätte von Herzog selber stammen können, da stimmen schon einmal die äußeren Voraussetzungen. Noch eindeutiger wird die Sache, wenn man in den ersten Minuten die Voiceover-Erzählung hört, die Sauper selbst auf Englisch spricht. Der sanfte teutonische Akzent, die dramatische Ausdrucksweise, all das weckt sofort Erinnerungen an einen gewissen anderen Filmemacher. Da fliegt dann beispielsweise das Flugzeug über einem Zug entlang, der auf schnurgeraden Gleisen durch eine endlose Einöde fährt, und Sauper erzählt die Geschichte der britischen Kolonialisierung: "Eine Linie aus Stahl wurde in den Sand geschnitten, direkt gen Süden, ins Herz des Kontinents." Die Jury würdigt nun dementsprechend sein "tiefes Empfinden für Poesie". Noch Fragen?

Tatsächlich enthüllen Saupers Interviews und Beobachtung auf dem Boden des afrikanischen Alltags dann die krassen Mechanismen des neuesten Kolonialismus durch westliche Konzerne, Investoren und Missionare - ganz ähnlich wie schon sein viel gerühmter Vorgängerfilm "Darwin's Nigthmare." Diese Szenen sprechen so sehr für sich, dass das Voiceover dann einfach verstummen darf.

"We Come as Friends" hatte seine Premiere 2014 auf dem Sundance Festival, wurde von der Kritik gefeiert und hat dort (und auf vielen weiteren Festivals) bereits bedeutende Auszeichnungen gewonnen. Was kann der neue Herzog-Preis dem noch hinzufügen? Im Idealfall schafft er ein Bewusstsein dafür, dass man so außergewöhnliche Filme dann auch jenseits der Festivals in die Kinos bringen muss. In Deutschland hat der Film leider nie einen Start bekommen.