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Dokumentarfilm:Der notorische Lügner

Waldheims Walzer

Kurt Waldheim war 1938 der SA beigetreten.

(Foto: Edition Salzgeber)

Lehrbeispiel für Fake News: Ruth Beckermann erzählt in "Waldheims Walzer" von der Waldheim-Affäre.

Von Martina Knoben

"Der Mann, dem die Welt vertraut", unter diesem Motto trat Kurt Waldheim 1986 bei der Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten an. Der ehemalige UN-Generalsekretär wollte als heimatverbundener Weltmann gesehen werden. Dann kam im Wahlkampf heraus, dass der Kandidat ein notorischer Lügner war. Dass er schon früh, nämlich 1938, der SA beigetreten war und in einer Einheit diente, die schwere Kriegsverbrechen verübte, hatte er in seinem Lebenslauf konsequent verschwiegen.

Die Wahl gewann Waldheim bekanntlich trotzdem. Die österreichische Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann, selbst Tochter zweier Holocaust-Überlebender, gehörte zu den denjenigen, die gegen den zweifelhaften Bewerber damals auf die Straße gingen. Mit einem der ersten tragbaren Videorekorder hat sie die Protestaktionen und teils heftigen antisemitischen Reaktionen darauf dokumentiert. 30 Jahre später kombiniert sie diese Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit Interviews und Nachrichtenbildern aus internationalen Fernseharchiven zu einem frappierend aktuellen Essayfilm. Wie gewinnt man eine Wahl? Und wie ist eine Nation gestrickt, die einen notorischen Lügner und Opportunisten zu ihrem ersten Repräsentanten macht? Diese Fragen sind leider wieder aktuell. "Waldheims Walzer" ist ein politisches Lehrstück, wie populistische Parolen, "alternative Fakten" und das Schüren von Ressentiments ein fatales Wir-Gefühl erzeugen. Dabei ähneln die Fake News von gestern denen von heute; scheinbar sind die Strategien, die für den Rechtsruck einer Nation verantwortlich sind, dieselben geblieben.

Ruth Beckermann rekonstruiert mit Hilfe einer klugen Montage minutiös, wie der Lügner entlarvt wird - und wie er damit umgeht. Immer wieder modifiziert Waldheim die "Wahrheit", passt die Aussagen über seine Vergangenheit erkennbar unwillig dem Stand der Ermittlungen an. Er verschweigt, verharmlost, rückt gerade so viel über seine Vergangenheit heraus, wie er muss. Und als die Beweislast immer größer wird, geht er zum Angriff über. Den Medien und dem Jüdischen Weltkongress, die seine Lügen aufgedeckt hatten, wirft er eine "Schmutzkampagne" vor: "Wir lassen uns von niemandem Hass und Zwietracht in unser Land hineintragen."

Entlarvend ist auch die Körpersprache des Kandidaten. Wenn er im Wahlkampf spricht, eine Blaskapelle dirigiert oder in Interviews gestikuliert, scheinen Waldheims Hände mit den feingliedrigen Fingern die Menschen nosferatuhaft greifen, sie spinnenhaft umgarnen oder wie ein Marionettenspieler dirigieren zu wollen. Und sein Lächeln ist nicht nur das professionelle Dauerlächeln eines Diplomaten, es signalisiert auch die Arroganz eines Mannes, der jede kritische Frage als Anmaßung empfindet.

Auf der Berlinale wurde "Waldheims Walzer" zurecht mit dem Preis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet; die politisch scharfsichtige Doku ist außerdem Österreichs Einreichung für den Auslands-Oscar. Sehr gut bekommt dem Film die Distanz zum Thema, die daraus entsteht, dass die Filmemacherin eine 30 Jahre alte Affäre verhandelt, dazu ausschließlich Material aus dieser Zeit verwendet.

Eine beschwingte Lässigkeit liegt nun über den Bildern. Den antiautoritären, spielerischen Geist, der in den von Beckermann gefilmten Protestaktionen gegen Waldheim zum Ausdruck kommt, strahlt auch der jazzige Soundtrack aus, ja die ganze Montage von "Waldheims Walzer". Sie folgt der Chronologie der Affäre, aber eben nicht nur. Immer wieder mäandern die Gedanken, führen assoziativ etwa von der "Familiy of Men", der Familie der Menschheit, wie sie in der Botschaft der Voyager-Sonde verkündet wird, zum Kreuz in den österreichischen Schulklassen und weiter zur Familie des Kandidaten Waldheim. Damit nimmt sich der Film die Freiheit einen Schritt zurück zu treten, sich aus vermeintlichen Zwängen zu befreien - was auch ästhetisch ein anderer Geist ist als der, für den Waldheim steht.

"Man kann alle Leute eine Zeit lang an der Nase herumführen und einige Leute, die ganze Zeit, aber nicht alle Leute die ganze Zeit", zitiert Beckermann Abraham Lincoln. Waldheim wurde zwar zum Bundespräsidenten gewählt, aber der Sieg brachte eine Wende in Österreich. Das Land, das sich gern als "Hitlers erstes Opfer" sah, konnte seine Vergangenheit nicht länger verdrängen.

Waldheims Walzer, Österreich 2018 - Regie, Buch: Ruth Beckermann. Schnitt: Dieter Pichler. Edition Salzgeber, 93 Minuten.

© SZ vom 04.10.2018

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