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Dokumentarfilm:Das clevere Molekül

Alkohol

Was wäre das Oktoberfest ohne Alkohol? Eben.

(Foto: Tiberius)

Eine Doku wirft einen nüchternen Blick auf die gefährlichste Droge unserer Zeit: "Alkohol".

Von Martina Knoben

Gerade erst haben wieder Millionen Menschen aufs neue Jahr angestoßen. Silvester ohne Sekt oder Champagner? Das erschiene vielen wohl ebenso prickelnd wie ein Oktoberfest ohne Bier oder eine Hochamt ohne Messwein.

Andreas Pichlers Doku über Europas liebste Volksdroge beginnt mit heiteren Trinkszenen. Sein Film entpuppt sich jedoch als schiefe Ebene, die - wie in der Wirklichkeit manchmal auch - vom geselligen Trinken zu den weit weniger harmlosen Spätfolgen des Alkohols führt. Pharmakologen, Psychologen, Suchtberater und Ex-Trinker kommen zu Wort und lassen keinen Zweifel daran, dass Alkohol tatsächlich eine Droge ist und kein Genussmittel. "Alkohol" ist ein nüchterner Blick auf einen so faszinierenden wie gefährlichen Stoff, den der britische Psychiater und Psychopharmakologe David Nutt eine "wunderbar clevere Droge" nennt: "Das kleine Molekül gelangt schnell ins Gehirn und schaltet eine ganze Reihe verschiedener Gehirnbereiche ein oder aus."

Die Folgen, von Entspannung und guter Laune über die zunehmende Enthemmung bis zur Atemlähmung, sind eigentlich bekannt. Und doch wird der Begriff "Droge" meist nur für illegale Rauschmittel verwendet "um der Alkoholgesellschaft zu versichern, wir haben kein Drogenproblem", wie ein Suchtberater erklärt. Dabei sterben laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation von 2018 jährlich rund drei Millionen Menschen weltweit an den Folgen von Alkohol. Bezieht man nicht nur die individuellen, sondern auch die gesellschaftlichen Folgen wie etwa Unfälle oder Gewaltdelikte ein, ist Alkohol die gefährlichste Droge Europas.

In seinem letzten Film "Das System Milch" hatte Grimme-Preisträger Andreas Pichler das Bild der guten Milch von glücklichen Kühen kräftig entzaubert. Ebenso ernüchternd ist hier sein Blick auf die Getränkeindustrie und ihre aggressiven Marketingstrategien, auf wirtschaftliche und politische Zusammenhänge. Seine Erklärung, warum sich die meisten Staaten trotz hoher Kosten so alkoholfreundlich verhalten, bringt den Zuschauer ebenso ins Grübeln wie der Blick auf angebliche Präventionsmaßnahmen von Brauereien, die tatsächlich Alkoholwerbung sind, oder auf zweifelhafte Werbemaßnahmen in einem neuen Markt wie Nigeria.

Dass sich der Alkoholfluss in gesündere Bahnen lenken lässt, zeigt das Beispiel Island.

Formal ist der Film bieder; wenn etwa einer der vielen Experten darlegt, dass die kulturelle Fähigkeit, einen Alkoholrausch schichtweise aufzubauen, in Deutschland schon früh beigebracht wird, schneidet der Regisseur auf Bilder vom Oktoberfest. Wer sich keine Feier und kein Fußballspiel ohne Bier oder Wein vorstellen kann, sollte sich diese Doku trotzdem ansehen. Eltern sowieso.

Alkohol - Der globale Rausch, Italien/D 2019 - Regie, Buch: Andreas Pichler. Kamera: Martin Rattini. Schnitt: Florian Miosge. Verleih: Tiberius, 87 Min.

© SZ vom 14.01.2020
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