Diskussion über Google Street View Unscharf, Baby

Seit diesem Donnerstag ist Google Street View online - und plötzlich sind, Datenschutz hin oder her, doch viele enttäuscht, dass ihr Haus in den Augen der Welt nur eine Blubberblase ist.

Von Katharina Riehl

Der Donnerstag, daran besteht wohl kein Zweifel, ist für viele Menschen ein sehr trauriger Tag gewesen. Traurig für alle jene, die anstelle ihres Hauses im Internet nur einen verwaschenen Fleck gefunden haben. All diejenigen, deren Bürokollegen sich grinsend näher an den leicht vergilbten Vorhang ihres Nachbarn heranlehnten - und die selber nur auf eine windelweiche Blubberblase blickten. Google Street ist an diesem Tag (nach schier unendlichen Diskussionen über den Datenschutz und das Unternehmen Google) online gegangen. Und wirklich keiner braucht zu behaupten, er hätte nicht auch zumindest einmal nachgesehen.

Nein, mein Dach darf keiner sehen: ein zur Hälfte verpixeltes Haus bei Google Street View.

(Foto: AFP)

Jetzt gibt es unter den traurigen Menschen natürlich zwei Kategorien: Da sind diejenigen, die selbst eine dieser berühmten E-Mails an Google geschickt haben, in der sie - wie von den deutschen Politikern empfohlen - das Unternehmen dazu aufforderten, das eigene Heim unkenntlich zu machen und es vor den neugierigen Blicken der übergriffigen Internetgemeinde zu schützen.

Und dann gibt es die anderen Traurigen: Die, die vom Leben nicht mit dem Luxus eines freistehenden Einfamilienhauses belohnt wurden, die Dach und Mülltonnenhäuschen mit Fremden teilen müssen - und dann auch noch mindestens mit einem, der ungefragt für die Verpixelung des ganzen Hauses gesorgt hat.

So war es also kein Wunder, dass in den sozialen Netzwerken (den Orten also, in denen erstaunlicherweise niemand Angst zu haben scheint, zu viel von seiner Hausfassade, seinen Kindern oder seiner letzten Urlaubsreise preiszugeben) derzeit viele enttäuschte Meldungen zu lesen sind. Bei Facebook zum Beispiel beschwerte sich ein enttäuschter Mehrfamilienhausbewohner über die Verschandelung seines Hauses - und hatte auch gleich einen Verdächtigen für diese Missetat parat: Das waren bestimmt diese Soziologie-Studentinnen aus dem dritten Stock, die sich ständig wegen irgendwelcher Männergeschichten anbrüllen und damit das ganze Haus unterhalten, vermutete er.

Das sind die Posts, die all denen, die so traurig vor ihren verpixelten Häusern stehen, ein Lächeln auf die Lippen zaubern dürften. Weil sie jetzt wissen, wo die Spießer wohnen. Auf Google Street View hätte die Welt erfahren, dass die Herrschaften aus dem dritten Stockwerk, in diesem Haus, in dieser Straße, in dieser Großstadt, drei ziemlich verhungert aussehende Kakteen im ungeputzten Fenster stehen haben.

Jetzt erfährt man eben, was hinter den besagten Fenstern geschieht.

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