Digitalisierung Oft kopiert, wenig erreicht

Unter Digitalisierung versteht der Literaturbetrieb vor allem den Nachbau der vertrauten Welt mit den Bausteinen 0 und 1: digitale Höhepunkte der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Von Nicolas Freund

Unter Digitalisierung wird in den meisten Fällen Kopieren verstanden. Texte aller Art, die heute noch immer als erstes und vor allem auf Papier gedruckt erscheinen, werden in die bisher etablierten digitalen Formen des E-Books und der Website übertragen so dargestellt, als wären sie gedruckt worden: schwarz auf weiß, von oben nach unten scrollbar, wie eine Schriftrolle. Dafür gibt es gute Gründe, aber diese Nähe zum Kopieren zeigt auch, dass die digitale Umsetzung von Inhalten fast immer sekundär gedacht wird, ausgehend von einem bedruckten Blatt Papier. Unter Digitalisierung versteht der Literaturbetrieb vor allem den Nachbau der vertrauten Welt mit den Bausteinen 0 und 1.

Viele Startups mischen einfach bekannte Erfolgsrezepte

Das bestätigen die angeblichen digitalen Highlights, die bei einem Rundgang über die Buchmesse vorgestellt wurden. Da gibt es die Social-Media-Plattform Litnity, eine Art Facebook für Bücherleser, die dort ihre Rezensionen und literarischen Vorlieben hochladen sollen, um von einem Algorithmus eine personalisierte Empfehlungsliste ausgespuckt zu bekommen. Irgendwann soll man dort auch Bücher kaufen können. Diese Mischung aus Buchladen, Lesekreis und Facebook klingt nach einer hübschen Idee. Genau dieses Konzept verfolgt aber schon seit vielen Jahren der Internethändler Amazon mit seinen sehr vielen und sehr aktiven Rezensenten. Die werden kaum zu Litnity umziehen - und daran zeigt sich eines der Probleme, die fast alle auf der Buchmesse vorgestellten digitalen Konzepte haben: Die Startups, die dort ihre Ideen bewerben, mischen einfach bekannte Erfolgsrezepte und in den wenigsten Fällen wird klar, warum sie nun besser sein sollen als die etablierten Originale. Ganz neue Formen bietet fast niemand, aber es gibt einige zaghafte Ansätze.

So versucht die Plattform Sgrol.io ganz konsequent das bei Musik und Fernsehen gerade sehr erfolgreiche Konzept des Streamings auf E-Books anzuwenden. Sgrol.io funktioniert, ähnlich wie Netflix, und das in jedem Browser. Man kann also sein Buch auf jedem internetfähigen Gerät jederzeit weiterlesen. Das E-Book wird aber - eben wie ein gestreamtes Video - nie ganz heruntergeladen. Das soll dem Problem der Piraterie vorbeugen, dafür kann es aber sein, dass bei keinem oder schlechtem Internetempfang das Buch nicht mehr weitergelesen werden kann. Ein Problem, das Internetnutzern mit Texten bisher erspart geblieben ist.

Wer liest zu welcher Uhrzeit welche Texte und bis zu welcher Stelle?

Auch Sgrol.io möchte natürlich Daten über das Nutzungsverhalten der Leser erheben. Wer liest zu welcher Uhrzeit welche Texte und bis zu welcher Stelle? Wo blättern Leser mehrmals hin, wo hören sie auf zu lesen? Dass diese Daten über die tatsächliche Beziehung eines Lesers zum Text - der ihn zum Beispiel in einem gedruckten Buch möglicherweise ganz anders lesen würde - nur mit Einschränkungen Auskunft geben, hat man bei Sgrol.io schon erkannt. Konstantin Diener von der Mutterfirma Cosee wünscht sich deshalb eigene Inhalte für die Plattform, zum Beispiel Kurzgeschichten mit genau der von den meisten Nutzern gewünschten Länge. Wo diese Inhalte herkommen sollen, ist noch nicht klar, aber der Ansatz, Texte als Inhalte in digitaler Form so von Grund auf neu zu denken, geht weiter als viele Konzepte der Konkurrenz. Zum Problem für Sgrol.io könnte nur werden, dass der E-Book-Markt schon seit einigen Jahre stagniert und seit kurzem sogar schrumpft. Die Leser greifen lieber zum Original, statt zur digitalen Kopie, die doch bis jetzt nur das Abbild eines richtigen Buches ist.