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Fortsetzung von "The Handmaid's Tale":Was hätten sie tun sollen?

Die Kostüme der unterjochten Frauen, wie sie die Fernsehserie nach Atwoods "Der Report der Magd" darstellte, wurden zur Ikone der Frauenbewegung.

(Foto: Hulu)
  • "Die Zeuginnen" von Margaret Atwood erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die in einem misogynen Kommandantenhaushalt aufwächst und nichts kennt als Unterdrückung.
  • Insgesamt ist der Roman temporeicher und dichter als sein Vorgänger "Der Report der Magd", der vor 34 Jahren erschien und zum Bestseller wurde.
  • Nur der konventionelle feministische Diskurs erfährt eine wenig spannende Verarbeitung: Männer haben in "Die Zeuginnen" nichts als indifferente Nebenrollen.

Die Zeuginnen" von Margaret Atwood wird zugeklebt geliefert, was erst mal wie eine Art makabrer Gag wirkt. Schließlich ist in der misogynen Diktatur Gilead, dem Schauplatz des Romans, fast allen Frauen das Lesen untersagt. Spielt der Berlin-Verlag im Zuge der internationalen Megakampagne für das Buch mit dieser schrecklichen Vorstellung, die nebenbei bemerkt dem Buchmarkt den Tod bringen würde? Aber nein, der Aufkleber ersetzt umweltfreundlich die früher übliche Plastikverpackung des Buches und ist mit Werbung bedruckt: "The Handmaid's Tale - Staffel 3. Jetzt nur bei Magenta TV". Es geht um die Fernsehserie, die aus Atwoods Klassiker entstand, dessen Fortsetzung der neue Roman ist. Die Information ist vielleicht nicht irrelevant, denn "Die Zeuginnen" ist doppelt so dick wie "Der Report der Magd". Zwei Abende Binge-Watching einer hochwertigen Serie könnten da für manche Leserin zur interessanten Übersprungshandlung werden.

Was den Zeitvertreib angeht, kann das Buch es allerdings mit jeder Fernsehproduktion aufnehmen: "Die Zeuginnen" übertrifft den Vorgänger in Tempo, Handlungsreichtum und Dialog, es ist flotter geschrieben, stringenter gebaut, und es lässt keine Fragen offen. Und ist aus all diesen Gründen die weniger interessante Lektüre und die im politischen und intellektuellen Sinn weniger wichtige.

"Die Zeuginnen" schließt - jedoch nicht nahtlos - an den "Report der Magd" an. Beide Romane sind vermeintlich in Form historischer Dokumente überliefert, und schließen ab mit dem fiktiven Vortrag eines Historikers des 22. Jahrhunderts, der sich auf die "Gilead-Ära" spezialisiert hat. Gilead ist der Name eines Regimes, das sich nach ökologischen Katastrophen in Nordamerika etabliert hat, und auch als Folge gesellschaftlicher Liberalisierung und einer Geschlechtergleichberechtigung, die auch die menschliche Fortpflanzung zum Erliegen brachte. Männer herrschen in diesem System über Frauen, die in dienende Kasten eingeteilt sind. Eine davon sind die Mägde, die in mächtigen Familien rituell vergewaltigt und zur Leihmutterschaft gezwungen werden. Das Leben eines Säuglings ist da immer mehr wert als das Leben einer Mutter, und wer Mutter sein darf, entscheiden Männer.

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"In der Schule hatten wir das Thema Gilead schon dreimal durchgenommen."

Als "Der Report der Magd" im Jahr 1985 erschien, wurde der Roman als überzogen, unrealistisch und gelegentlich auch als langatmig kritisiert. Er machte zunächst eine langsame Karriere und erlebte dann eine rasante kulturelle Aufwertung im Zusammenhang mit der Wahl eines erklärten Grapschers zum US-Präsidenten. "Der Report der Magd" ist - auch im verglichen mit der Serie - ein eher verhaltenes Buch. Es enthält viele luftarme Beschreibungen von Vorhängen, Stoffen und weich gekochten Eiern und Dialogszenen, in denen praktisch nichts gesagt wird. Die Action lässt auf sich warten. Doch aus dieser Spärlichkeit zieht der Roman die Wirkung, die er auf Generationen von Leserinnen ausgeübt hat. Denn das Leben der Ich-Erzählerin Desfred ist arm an Luft und Handlungsoptionen. Es gibt nur schwanger werden oder sterben. Und Reue, Leere und den Verlust des eigenen Kindes, Partners, Namens und der eigenen Kleidung. Desfred darf weder lesen noch Nachrichten hören, sie darf nicht kochen oder putzen, nicht einmal Körperpflege betreiben, und ihre wenigen Beziehungen zu anderen Menschen sind von Macht, Missbrauch und Paranoia geprägt. Als sie endlich gefragt wird, was sie will, hat sie nur zwei Wünsche: Eine Handlotion und "wissen, was los ist". Hinzu kommt, dass Desfred als Person nur insofern außergewöhnlich ist, als dass es ihr gelingt, mit dem richtigen Mann eine heimliche Liaison anzufangen; ansonsten hat sie sich für den Weg des geringsten Übels entschieden, nämlich der Unterwerfung. Was hätte sie sonst tun sollen? Ihr Schicksal bleibt offen, der Roman endet mit einer Auslieferungsszene.

In "Die Zeuginnen" nun lässt Atwood Agnes erzählen, eine junge Frau, die nichts kennt als Unterdrückung. Sie wächst in einem Kommandantenhaushalt auf und lernt als Kind, dass ihr Körper eine "kostbare Blume" ist, die Männer in Raserei versetze, schon auf dem Spielplatz: "Wegen unserer Röcke, die vom Wind hätten hochgeweht und Einblick hätten gewähren können, durften wir an Schaukeln nicht einmal denken. Nur Jungen durften sich diese Freiheiten leisten." Außerdem spricht die sechzehnjährige Daisy, die sich im neutralen Kanada an Demos gegen Gilead beteiligt: "In der Schule hatten wir das Thema Gilead schon dreimal durchgenommen: Eine ganz schreckliche Welt war das, wo Frauen nicht arbeiten und nicht Auto fahren durften und wo die Mägde gezwungen wurden, schwanger zu werden - wie Kühe, nur dass Kühe ein deutlich besseres Leben hatten. Was waren das nur für Menschen, die Gilead in Schutz nahmen? Vor allem die weiblichen darunter?"

Am Ende bleibt nichts ungeklärt. Manche Atwood-Freaks werden das als Genugtuung empfinden

Damit ist die Arbeitsfrage des Romans gestellt, die vor allem "Tante Lydia" beantworten soll. Aus dem ersten Roman und der Serie kennt man die brutale Oberbefehlshaberin über das Leben der Frauen. Jetzt erzählt sie von dem "Leben - sage ich mir immer - das ich notgedrungen habe führen müssen". Lydia leitet das "Haus Ardua", in dem die Frauenzurichtungsmiliz der "Tanten" ausgebildet wird. Diese Kapo-Einheit des Regimes hat sie mitgegründet, nachdem sie Folter überstanden und sich an einer Massenhinrichtung beteiligt hat. Doch Lydia ist fest entschlossen, zumindest zum Teil das Heft in der Hand zu behalten, in diesem Fall ist es vollgeschrieben mit belastenden Informationen über die Gilead-Elite. Atwood buchstabiert mit Lydia - wie vorher mit Desfred - aus, wie wenig individuelle Verantwortung einem Individuum in Gefangenschaft bleibt. Und wie viel aus dem bisschen zu machen ist. Die "Was hätte sie sonst tun sollen"-Frage wird zugleich bestätigt und ad absurdum geführt, eine feine Übung in Ambiguitätstoleranz.

Der neuen Roman ist aber vor allem eine Befreiungsgeschichte. Die drei Protagonistinnen sind verbunden über "die kleine Nicole", ein Baby, das von seiner Mutter, einer Magd, 15 Jahre zuvor über die Grenze nach Kanada gebracht worden ist. Trotz - oder gerade wegen - Atwoods zwanghaften Einsatzes von Vorahnungen, "wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß", wird jede, die den "Report" gelesen hat, bald verstehen, wer "die kleine Nicole" ist. Tante Lydia, die ein geheimes genealogisches Archiv betreibt, weiß auch, wie Gilead Nicole zurückbekommen kann. Der Roman besteht dann aus Geheimnissen, die Kapitel für Kapitel gelüftet werden, Undercover-Manövern, spektakulären Fluchten und dem ein oder anderen Blutopfer. Am Ende bleibt so gut wie nichts ungeklärt. Manche Atwood-Freaks werden das als Genugtuung empfinden. Literarisch hat hier ein Verlustgeschäft stattgefunden, denn eine spannende Lektüre ist eben nicht dasselbe wie eine aufwühlende Lektüre. Die Lücken im "Report" machten nicht nur erzählerisch Sinn, weil Desfred eben nicht weiß, "was los ist"; die Detailüberfrachtung in "Die Zeuginnen" ist durch Lydias Allwissen begründbar, hat aber mehr mit einem entfesseltem Nerdvortrag gemein als mit einer guten Geschichte.

Auch die wuchernde Handmaid-Fan-Fiction-Gemeinde mag sich um ihr Material gebracht fühlen. Wobei es da doch noch eines zu klären gäbe: Was das eigentlich für Männer sind, die in Gilead herrschen, dienen und sexuell auf eine andere Weise unterdrückt werden. "Der Report der Magd" enthält relativ differenziert beschriebene männliche Protagonisten, "Die Zeuginnen" schildert eine reine Frauenwelt, in der Männer nur als Superschurken, indifferente Handlanger oder kanadische Frauen-Unterstützer vorkommen. Damit spiegelt Atwood den konventionellen feministischen Diskurs auf bestürzende und etwas öde Art. Im "Report" war es formal und erzählerisch konsequent, das Leid einer Frau zur Frauenerzählung zu machen. In "The Testaments" fällt die fehlende Dimension der Welt Gileads plötzlich stark auf. Was hält diese Herrschaft am Laufen? Wie funktioniert Misogynie? Was ist mit dem Sohn, der seine Mutter vermisst, was mit dem Mann, der sich verliebt? Das wären mindestens so interessante Geschichten wie die der Einzelnen, die nur mutig und verschlagen genug sein müssen, um die Welt zu ändern. Aber wer weiß: Die Unterdrückung von Frauen wird so schnell nicht aus der Mode kommen, und auch nicht der Wunsch, darüber mehr zu erfahren. Vielleicht hat Margaret Atwood nach der Aufregung um "Die Zeuginnen" noch Zeit für einen Teil drei.

Margaret Atwood: Die Zeuginnen. Roman. Aus dem Englischen von Monika Baark. Berlin Verlag, Berlin 2019. 575 Seiten, 24 Euro.

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