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"Die Sterne":Musikmarkt unter Druck

Den rebellischen Gestus ihrer Texte halten Sie auch auf "Flucht in die Flucht" aufrecht. Immer wieder treten Sie provokant in Opposition, am drastischsten in "Ihr wollt mich töten". Kommt so etwas nach 22 Jahren Bandexistenz noch von innen heraus?

Ich bin jemand, der in seiner bürgerlichen Existenz einem gewissen Druck ausgesetzt ist. Wenn ich zur Bank gehe und um einen Kredit bitte, um das neue Album zu finanzieren, und die die Frechheit besitzen zu sagen, "Warum machen Sie denn nicht etwas anderes? Da kommt doch eh nichts dabei rum", dann kommen natürlich bestimmte Gefühle hoch.

Die man musikalisch kanalisiert?

Natürlich versuche ich so etwas allgemeiner zu fassen. In "Ihr wollt mich töten" funktioniert das wie in einem Johnny-Cash-Song. Es geht um diese Outlaw-Position, in die man durch Ausgrenzung und sozialen Druck gerät. An diesem Punkt ist es nicht mehr wichtig, wie es dazu kam und wer das Gegenüber ist, oder wer wen töten will.

Hat eine Situation wie die in der Bank auch mit dem stark veränderten Musikmarkt zu tun?

Der Musikmarkt war früher ungleich größer, es war mehr Geld im Spiel - und es gab vor allem noch einen musikalischen Mittelstand wie uns. Leute, die sich nicht nach den Spitzenplätzen der Charts gereckt haben, sondern versucht haben ihre künstlerische Vision zu verwirklichen. Wir hatten einen Spielplatz, auf dem man sich ausprobieren konnte. Heute geht es entweder gleich in die Charts wie bei Kraftklub oder man ist weg vom Fenster.

In den Neunzigern gab es nicht sehr viele Informationskanäle für ein alternatives Publikum. Haben Sie das Gefühl, dass es leichter war, mit einer Botschaft zu vielen Leuten durchzudringen?

Die Mechanismen sind heute anders. Es gibt viel mehr Potenzial für eine Vielzahl an kleineren Events, aber das sind nicht die großen, breiten Kanäle. Wenn man in den Neunzigern auf VIVA2 gelaufen ist, hatte das einen Rieseneffekt. Das ist nicht zu vergleichen mit einem Post - auch nicht auf hundert Blogs.

Jochen Distelmeyer, der derzeit mit Blumfeld auf einer Reunion-Tour ist, hat gesagt, dass die Band "auserzählt" sei. Wie vermeiden Sie diesen Zustand?

Wenn man sagt: "Die Geschichte einer Band ist auserzählt", greift ein Konzept nicht mehr. Man meint, eine Marke kreiert zu haben, die man ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr verändern möchte. Wir haben unsere Marke aus den Neunzigern, als uns die meisten Leute kennengelernt haben, immer wieder musikalisch umdefiniert. Gleichzeitig haben wir uns eine starke personelle Identität bewahrt. Letztlich bleiben nur zwei Formen der Veränderung: Entweder man löst die Band auf und gründet eine neue - oder man bleibt im Wandel. Wir ändern lieber unsere Musik als unseren Namen.

Das Album "Flucht in die Flucht" erscheint am 29. August 2014. Im Oktober sind Die Sterne auf Deutschland-Tour.

© SZ.de/cag/ahem/leja
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