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"Die Sterne":Flucht und Flüchtchen

Die Sterne

Die Sterne Die Sterne Christoph Leich (Schlagzeug) Frank Spilker (Gesang, Gitarre) Thomas Wenzel (Bass) v.l.n.r.

(Foto: Die Sterne)

Unangepasst. Rebellisch. Die Sterne legen mit "Flucht in die Flucht" ihr zehntes Album vor - psychedelisch und voller existenzieller Fragen. Im Interview erklärt Songwriter Frank Spilker, wie er mit Druck umgeht und weshalb keine Zeit für Proben bleibt.

Interview von Martin Pfnür

Diskursrock. Kluge Texte. Links sein. Unangepasst. Dagegen. Sich abgrenzen. Wenn von der "Hamburger Schule" die Rede ist, geht es auch um ein Stück Musikgeschichte. Mitte der Neunzigerjahre etablierte sich der Begriff für eine lose Ansammlung Hamburger Bands. Neben Tocotronic und Blumfeld gehören auch Die Sterne dazu. Im 22. Jahr ihres Bestehens legt die Band mit "Flucht in die Flucht" (Erscheinungsdatum: 29. August) ein psychedelisches Album voller existenzieller Fragen vor. Im Gespräch mit Süddeutsche.de erklärt Songwriter Frank Spilker, wie er mit Druck umgeht, warum Kneipenabende für ihn Alltag sind und weshalb kaum noch Zeit für Proben bleibt.

SZ.de: Herr Spilker, das neue Album der Sterne trägt den Titel "Flucht in die Flucht" - um welche Flucht geht es?

Frank Spilker: Der Titelsong ist als Aufhänger selbsterklärend, da geht es um die kleine abendliche Flucht in die Kneipe. Primär geht es auf dem Album jedoch darum, was mit der Psyche passiert, wenn sie unter Druck gerät. Was hat jemand für Möglichkeiten, der dem omnipräsenten Dauerdruck nicht standhält? Flucht ist bedeutet grundsätzlich, dass man erstmal abschaltet

Das spiegelt sich auch im sehr psychedelischen, manchmal fast Trance-fördernden Sound des Albums wider.

Ja, für mich bedeutet diese psychedelische Note, dass man aus der Alltagsbeobachtung rausgeht, hinein in psychische Zustände. Ein Stück wie "Innenstadt Illusionen" erklärt das am besten, weil auch auf der textlichen Ebene genau das passiert: eine Entwicklung von der sprachlichen Analyse hin zu einem Zustand, wo die Semantik aus den Fugen gerät.

Flüchtet man heute seltener als früher?

Ich glaube nicht. Im Gegenteil: Das klassische Verhalten von Leuten, die sehr angepasst sind, besteht in einem Ausgleich, der oft Flucht bedeutet. Der typische Besucher des Wacken-Festivals ist im normalen Berufsleben ein Versicherungskaufmann, der am Wochenende richtig die Sau rauslässt.

Sie sind eher nicht der Typ Versicherungsmakler.

Richtig. Den Indie-Bohemien stellt man sich als jemanden vor, der nicht arbeiten geht, der seinen künstlerischen Neigungen nachgeht und sich auf prekäre Weise durchschlägt. Für solche Leute ist das Modell "Anpassung-und-ausgleichendes-Freakverhalten" nicht wirklich anwendbar. Der normale Kneipenabend ist für uns Alltag (lacht). Wenn man aus solch einer Position heraus über Flucht berichtet, muss man das auch begründen.

Früher haben sie Alben aus Jam-Sessions heraus entwickelt. Dieses Mal haben sie die Stücke fertig geschrieben und dann mit der Band eingespielt. Ist das auch eine Auswirkung des Drucks?

Ja. Wir können nicht mehr viel Zeit in Proben investieren. Wir sind dabei immer wieder an einen Punkt gekommen, an dem unsere musikalischen Motive schon so alt waren, dass wir keinen Bezug mehr dazu hatten. Der Faden ist immer wieder verloren gegangen. Irgendwann war klar, dass wir es auf andere Weise versuchen müssen, um als Band weiter bestehen zu können.

Musikmarkt unter Druck

Den rebellischen Gestus ihrer Texte halten Sie auch auf "Flucht in die Flucht" aufrecht. Immer wieder treten Sie provokant in Opposition, am drastischsten in "Ihr wollt mich töten". Kommt so etwas nach 22 Jahren Bandexistenz noch von innen heraus?

Ich bin jemand, der in seiner bürgerlichen Existenz einem gewissen Druck ausgesetzt ist. Wenn ich zur Bank gehe und um einen Kredit bitte, um das neue Album zu finanzieren, und die die Frechheit besitzen zu sagen, "Warum machen Sie denn nicht etwas anderes? Da kommt doch eh nichts dabei rum", dann kommen natürlich bestimmte Gefühle hoch.

Die man musikalisch kanalisiert?

Natürlich versuche ich so etwas allgemeiner zu fassen. In "Ihr wollt mich töten" funktioniert das wie in einem Johnny-Cash-Song. Es geht um diese Outlaw-Position, in die man durch Ausgrenzung und sozialen Druck gerät. An diesem Punkt ist es nicht mehr wichtig, wie es dazu kam und wer das Gegenüber ist, oder wer wen töten will.

Hat eine Situation wie die in der Bank auch mit dem stark veränderten Musikmarkt zu tun?

Der Musikmarkt war früher ungleich größer, es war mehr Geld im Spiel - und es gab vor allem noch einen musikalischen Mittelstand wie uns. Leute, die sich nicht nach den Spitzenplätzen der Charts gereckt haben, sondern versucht haben ihre künstlerische Vision zu verwirklichen. Wir hatten einen Spielplatz, auf dem man sich ausprobieren konnte. Heute geht es entweder gleich in die Charts wie bei Kraftklub oder man ist weg vom Fenster.

In den Neunzigern gab es nicht sehr viele Informationskanäle für ein alternatives Publikum. Haben Sie das Gefühl, dass es leichter war, mit einer Botschaft zu vielen Leuten durchzudringen?

Die Mechanismen sind heute anders. Es gibt viel mehr Potenzial für eine Vielzahl an kleineren Events, aber das sind nicht die großen, breiten Kanäle. Wenn man in den Neunzigern auf VIVA2 gelaufen ist, hatte das einen Rieseneffekt. Das ist nicht zu vergleichen mit einem Post - auch nicht auf hundert Blogs.

Jochen Distelmeyer, der derzeit mit Blumfeld auf einer Reunion-Tour ist, hat gesagt, dass die Band "auserzählt" sei. Wie vermeiden Sie diesen Zustand?

Wenn man sagt: "Die Geschichte einer Band ist auserzählt", greift ein Konzept nicht mehr. Man meint, eine Marke kreiert zu haben, die man ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr verändern möchte. Wir haben unsere Marke aus den Neunzigern, als uns die meisten Leute kennengelernt haben, immer wieder musikalisch umdefiniert. Gleichzeitig haben wir uns eine starke personelle Identität bewahrt. Letztlich bleiben nur zwei Formen der Veränderung: Entweder man löst die Band auf und gründet eine neue - oder man bleibt im Wandel. Wir ändern lieber unsere Musik als unseren Namen.

Das Album "Flucht in die Flucht" erscheint am 29. August 2014. Im Oktober sind Die Sterne auf Deutschland-Tour.

© SZ.de/cag/ahem/leja
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