"Victoria" im Kino:Eine absolute Wahrheit, die sich entfaltet

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Den ganzen Prozess aber, den aus dem Leben natürlich jeder kennt, wenn zwei Menschen sich eine Stunde lang unterhalten und trinken und lachen und durch die Stadt laufen und am Ende etwas Magisches passiert, was noch keiner schlüssig erklären konnte, den sieht man im Film sonst nie. Denn die wirklich wichtigen Momente finden halt zwischen den Bildern statt, die stellen wir Zuschauer uns vor - immer bereit, dort auszuhelfen, wo das Kino nicht mehr wirklich liefern kann.

Kein Regisseur hat das besser verstanden als Ernst Lubitsch, der uns nicht nur mit Schnitten ausgesperrt hat, sondern sogar mit Türen. Legendär vor allem deshalb, weil dahinter dann die unglaublichsten Dramen, Enthüllungen und Sexszenen stattfanden - aber eben nur in unseren Köpfen. Auf dieses ultimative Machtmittel des Kinos verzichtet Sebastian Schipper, wenn er die komplette Evidenz seines Films in den Bereich des Sichtbaren zerrt: What you see is what you get.

Und es wirkt, als hätten diese künstlich erschwerten Extrembedingungen vor allem in den Schauspielern etwas befreit, das anders, im üblichen Stop-and-go-Betrieb des Filmemachens, meistens gefangen bleibt. Da ist jeder Gang, jeder Einstieg ins Auto, später auch jeder Schuss und jede Fluchtbewegung zwar exakt geplant - im Detail bleibt aber doch nur das Reagieren, das Improvisieren, die totale Verausgabung im Augenblick.

Es kommt also wirklich auf alles an: auf das Wippen von Laia Costas Pferdeschwanz genauso wie auf das Kichern, mit dem sie sich an einem schlafenden Kioskbesitzer vorbeischleicht, oder auf den Mutwillen, mit dem sie auf die Brüstung eines Hochhausdachs klettert.

Auf die winzigen Missverständnisse zwischen ihr und Frederick Lau, die hinter dem Schwätzer und Geschichtenerzähler auch einen Träumer zeigen, der dem Mephisto-Walzer von Franz Liszt lauscht und sich vollkommen darin verliert - noch so eine eher unwahrscheinliche Wendung des Films, die aber aus dem Moment heraus eine absolute Wahrheit entfaltet.

Sebastian Schipper war immer ein Regisseur, und sein Werk spiegelt das auch, der nicht an stetige und berechnende Fleißarbeit glaubt. Wie die Helden in seinem Debütfilm "Absolute Giganten" macht er sich manchmal die Sache so schwer wie möglich. Er ist der Mann für den irren Spielzug, der jeder Wahrscheinlichkeit Hohn spricht, für den Wahnsinnsschuss mit Ansage, der fast immer komplett in die Hose geht. Bis er dann, eines Tages, eben doch voll ins Schwarze trifft.

Victoria, D 2014 - Regie: Sebastian Schipper. Buch: Schipper, Olivia Neergard-Holm, Eike Schulz. Kamera: Sturla Brandth Grøvlen. Mit Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski. Senator, 139 Minuten.

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