Deutscher Film "Zwei Leben" bei den Oscars Fluchtpunkt Norwegen

Über Georg Maas' Familiendrama "Zwei Leben" liegt gleich der doppelte Schatten von Nationalsozialismus und Stasi. Die deutsche Auswahljury hat entschieden: Damit würden wir gern in das Oscarrennen ziehen.

Von Rainer Gansera

Welcher deutsche Film wird ins nächste Oscarrennen geschickt? Viele tippten auf Jan-Ole Gersters mehrfach prämierte Sinnkrisenmeditation "Oh Boy!". Es kam anders. Die Jury entschied sich für Georg Maas' "Zwei Leben" als deutschen Kandidaten in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film". Eine überraschende Entscheidung, aber sie hat gute Gründe für sich: Erfahrungsgemäß schenkt die Academy einem deutschen Vergangenheitsbewältigungsfilm mehr Aufmerksamkeit als einem hübschen Zeitgeistdrama. In dem nach wahren Begebenheiten erzählten "Zwei Leben" sind es gleich zwei Dunkelfelder deutscher Vergangenheit, die sich über das Schicksal einer Frau legen und ihr Glück bedrohen.

Auf der Erzähloberfläche ist "Zwei Leben" ein spannender Agententhriller, dazu ein Familiendrama mit historischer Gewissenserforschung. In seinem emotionalen Kern jedoch geht es um die Standfestigkeit fragiler Lebensentwürfe. Gibt es vielleicht doch ein richtiges Leben im falschen - ein privates Glück, das sich dem Räderwerk des Unrechts entwindet?

In Shakespeares Stücken findet sich oft die Konstellation, dass böse Intriganten Misstrauen säen, um ein Liebespaar auseinanderzubringen. Der Neid auf die Glücklichen ist eines seiner großen Themen. Da fiebert man dann mit den Liebenden und hofft, ihr gelebtes Glück möge sie gegen die Intrigen immunisieren. Muss denn nicht das Vertrauen, das Menschen einander tagtäglich schenken, ein Bollwerk gegen alle Anfechtungen sein? Die besten Szenen in "Zwei Leben" drehen sich um genau diese Frage.

Enthüllungsdrama um falsche Identitäten

Allerdings ist die Heldin (Juliane Köhler) kein Unschuldslamm. Sie erscheint als Opfer und Täterin zugleich, sie hat peinigende Wahrheiten ihrer Vergangenheit verdrängt, verschwiegen, kaschiert - aber Vergangenheit vergeht nicht. Sie heißt Katrine Evensen Myrdal, und ihre Geschichte beginnt im Norwegen des Jahres 1990 mit drei Akkorden, die Regisseur Georg Maas immer wieder neu variieren wird.

Zuerst das Gruppenbild von Katrines familiärer Idylle mit Ehemann, Mutter Åse (bewegend, Ingmar Bergmans Star Liv Ullmann wieder auf der Leinwand zu sehen) und einer erwachsenen, alleinerziehenden Tochter. Liebenswerte Menschen, die zarten Umgang miteinander pflegen, dazu eine imposante Felsküstenlandschaft am Rand des Städtchens Bergen.

Dann Schnitt. Tonfall und Rhythmus ändern sich, es beginnt der Thriller, der sich als Enthüllungsdrama falscher Identitäten entpuppen wird. Katrine reist ins wiedervereinte Deutschland, nach Ostdeutschland. Auf der Flughafentoilette verkleidet sie sich, streift eine Perücke über wie eine Spionin im Kalten Krieg. Sie verschafft sich Zugang zu einem Archiv, in dem man sie dann alte Dokumente manipulieren sieht.

Rückblenden fächern die Vorgeschichte auf. Katrine kam als Tochter einer Norwegerin und eines deutschen Soldaten während der Zeit der deutschen Besetzung Norwegens zur Welt. Ein doppelt verhängnisvolles Schicksal: von den Norwegern verachtet und ausgegrenzt als "Deutschenkind", von den Nazis als "rassisch wertvoll" in ein Lebensborn-Heim nach Sachsen verbracht. Als Mittzwanzigerin entfloh sie der DDR, um ihre leibliche Mutter wiederzufinden.