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Deutscher Alltag:Tastaturen - die Slips der Poesie

Egal ob Lyrik oder Prosa, zur Dichtkunst gehören Stift und Papier, so wie zur Erotik nicht Unterhosen, sondern Dessous gehören. Trotzdem gibt es überall die elenden Tastaturen, die an Computern, auf Mobiltelefonen und in digitalen Denkbrettern wohnen. Doch die Poeten wissen sich zu helfen.

Kurt Kister

Dinge, die man nicht braucht, sind oft sehr begehrenswert, fast so begehrenswert wie Dinge, die man braucht, aber nie kriegt. Seit ein paar Jahren gibt es in vielen Buchläden Notizbücher jeder Art und Größe zu kaufen.

Computerprogramme als Journalisten, automatische Berichterstattung statt Tastatur
(Foto: ddp)

Eigentlich sollte man in Buchläden keine leeren Bücher angeboten bekommen, weil das ungefähr so ist, als wenn der Metzger statt Wurst ein lebendes Schwein verkaufte. Der Buchhändler aber sagt mit verdrossenem Gesicht, er mache mit non-books an manchen Tagen ein Viertel seines Umsatzes.

Non-books sind Grußkarten, Kalender, erschreckend niedliche Kleinsouvenirs oder eben Notizbücher, letztere gerne in Schwarz mit Gummizug. Hemingway hat auf seinen Reisen solche Dinger mitgeführt, Ryszard Kapuscinski natürlich auch, und Evelyn Waugh hat sie mutmaßlich in Abessinien benutzt, bevor er später den größten Journalistenroman der Weltgeschichte namens Scoop schrieb. Leider sind die drei schon tot, was man dem Journalismus auch anmerkt.

Trotzdem sind diese Notizbücher sehr faszinierend. Es gibt sie kariert und liniert, blank und gepunktet. Man kann sie auch als Skizzen- oder Aquarellierbücher kaufen. Ach, wie schön wäre es, könnte man zeichnen und setzte sich dann mit so einem non-book unter den Baum in Monteriggioni und zeichnete den Mauerring.

Anschließend nähme man das Schreib-Notizbuch zur Hand und schriebe eine toskanische Elegie oder wenigstens eine poetische Beschimpfung der Geschäftsführung jenseits der Alpen. Leider kann man nicht zeichnen. Leider hat man ungefähr 17 dieser Notizbücher, ohne auch nur in eines mehr hineingeschrieben zu haben als: "Istanbul, im April".

Das hat damit zu tun, dass man sich das Schreiben mit der Hand allmählich abgewöhnt. Überall gibt es die elenden Tastaturen, die an Computern, auf Mobiltelefonen und in digitalen Denkbrettern wohnen. Alles nützliche Geräte. Aber zur Poesie, auch zur Tagespoesie, ganz egal ob Lyrik oder Prosa, gehören Stift und Papier, so wie zur Erotik nicht Unterhosen, sondern Dessous gehören. Tastaturen sind die Unterhosen der Poesie.

Die Notizbücher also üben ihre Faszination aus, weil sie allein durch ihre Existenz zeigen, was man sein könnte, wenn man das machte, was man gerne wollte, könnte man es denn. Man stellt sich vor, im Jahre 2025 fände die unermüdliche Literaturagentin im Nachlass die erwähnten 17 Notizbücher, randvoll mit dem einen, dem großen Roman. Er würde veröffentlicht. Es gäbe hymnische Kritiken, auch weil Geschriebenes von einem Toten Rezensenten besser gefällt als das Buch eines Lebenden. Schon allein wegen dieser Möglichkeit, die keine ist, wird man weiter die Notizbücher kaufen.

© SZ vom 25.06.2011/pak
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