Deutscher Alltag Mit dem Alten im Exil

Würde Kaiser Wilhelm II. noch leben, er wäre vielleicht zusammen mit Heiner Geißler Bahnhofsschlichter. Nun ist Wilhelm II. aber schon tot und sowieso nimmt die Zahl der Könige rapide ab. Doch sie sind nicht die einzige Spezies, die vom Aussterben bedroht ist.

Von Kurt Kister

Erlebnisse beim Aufräumen der Bücherregale. Ein Kollege, es kann nur der Herr Meyer gewesen sein, hinterließ zwei Bände, Sigurd von Ilsemann: "Der Kaiser in Holland". Ilsemann war der letzte Flügeladjutant von Wilhelm Zwo, der mit dem Alten die Jahre des Exils in Doorn bis 1941 zubrachte. Er schrieb Tagebuch und verzeichnete kundig, listig, bisweilen sogar lustig das Leben des vom Thron gefallenen Monarchen. Beim Blättern stellt man fest, dass es dem Kaiser a.D. so ging wie vielen älter werdenden Männern, nicht nur einst mächtigen, die in ihrem virtuellen oder tatsächlichen Exil immer selbstsicherer und oft herablassender werden. Lebte Wilhelm II. heute noch, wäre er entweder gegen Stuttgart 21 oder vielleicht sogar gemeinsam mit Heiner Geißler Bahnhofsschlichter.

Im Exil sei der Kaiser a.D. immer selbstsicherer und herablassender geworden. Sein Verhalten wurde von seinem Flügeladjutant schriftlich festgehalten in "Der Kaiser in Holland".

(Foto: dpa/dpaweb)

Flügeladjutant kann ein schöner Beruf gewesen sein, jedenfalls klingt die Berufsbezeichnung so. Leider gibt es wohl nur noch wenige Flügeladjutanten, weil auch die Zahl der Könige stark abgenommen hat. Hätte man heute zu wählen zwischen, beispielsweise, Chefredakteur irgendwo in Süddeutschland und Flügeladjutant des bayerischen Königs, gäbe es den denn noch, würde man allemal lieber Flügeladjutant sein. Einerseits hätte man dann eine prächtige Uniform. Andererseits müsste man sich nicht so viele Gedanken über das Handeln seines Arbeitgebers machen, weil man von einem König sowieso nicht erwartet, dass er als Oberchef besonders qualifiziert sein muss. Hauptsache, er strahlt Würde aus.

Nicht nur die Flügeladjutanten sterben aus, sondern leider auch die Tagebücher, die gebundenen, einzuschließenden. Mehr noch: Das Schreiben mit der Hand wird allmählich eine bedrohte Kulturtechnik. Hat der Mensch einmal die Schule verlassen, tippt er das, was er aufschreiben will, meistens nur noch über eine Tastatur in irgendwelche elektrischen Merkhilfen. Dies wird auf kurz oder lang dazu führen, dass das Sammeln von Autografen ein Nischenhobby werden wird, weil kaum jemand mehr Briefe oder gar Manuskripte, also Handgeschriebenes, verfasst.

Neulich erzählte einer, dass seine zwölfjährige Tochter einen Taschenrechner benutzte, einen schon wieder altmodischen, nicht auf einem Computer befindlichen. Sie nahm das Teil und begann die Tasten mit beiden Daumen zu bedienen.

Jeder normale Mensch, so denkt man, würde mit Zeige- und Mittelfinger tippen. Der Generation SMS aber sind die Daumen heute so wichtig, wie diese vor langer Zeit den Olduvai-Menschen bei ihrer Sapiens-Werdung wichtig waren. Mit dem Daumen jedenfalls schrieb der Flügeladjutant Ilsemann nicht.

"Blut muss fließen, viel Blut"

mehr...