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Designbiennale Istanbul:Mit dem Faustkeil in die Zukunft

Survival-Kit

Alles ist ein Manifest: Die spielerischen Survival-Kits passen sich den Benutzern an.

(Foto: Jessica Charlesworth und Tim Parsons)

Form statt ferne Utopie: Die zweite Designbiennale in Istanbul unter dem Titel "The Future Is Not What It Used To Be" zeigt das Politische in unserem Alltag.

Von Laura Weißmüller, Istanbul

"Lepsis" heißt das Küchengerät. Es sieht aus wie ein Goldfischaquarium, das von einer Salatschleuder gekrönt wird. Doch mit seinem Fuß aus hellem Holz, dem silbernen Stahlrahmen und dem durchsichtigen Acryl passt es auch hervorragend zu den chromglänzenden Luxusküchen unserer Tage - und genau dort soll es hin. Der Industriedesigner Mansour Ourasanah, der in Togo geboren wurde und in den USA lebt, hat "Lepsis" als eine Zuchtstation für Grashüpfer entwickelt.

Wenn die Tiere ausgewachsen sind, lockt sie ein spezielles Licht in die abschraubbare Kuppe. Die kommt dann in den Kühlschrank. Sanfte Tötung nennt das der Designer. Und fertig ist der Protein-Kick - die Alternative zum Steak. 300 Million Tonnen Fleisch wurden im Jahr 2012 produziert. Unser Fleischhunger ist Klimakiller Nummer eins, noch vor dem Autoverkehr. Die Revolution, das beweist "Lepsis", beginnt in unseren Küchen. Und in unseren Köpfen.

"Lepsis" ist eines der 53 Projekte, die auf der zweiten Designbiennale in Istanbul zu sehen sind. Unter dem Titel "The Future Is Not What It Used To Be" - ein Zitat von Paul Valéry aus dem Jahr 1937 - will sie eine neue Form des Manifests suchen und entwickeln. Die Zeit für neue Proklamationen scheint überreif zu sein. Doch dass sie sich zu zehn Punkten reduzieren lassen, das glaubt heute niemand mehr.

Selten ist die Zukunft so rasant durch immer neue Erfindungen, aber auch durch gesellschaftliche Umbrüche von der Gegenwart überrannt worden wie heute. Istanbul erlebte einen solchen Moment im Sommer 2013, als sich junge Demonstranten im Gezi-Park gegen ein staatliches Bauprojekt auflehnten. Kiew folgte im Winter, Hongkong gerade eben. Doch kann die Idee von Zukunft noch so aussehen wie im 20. Jahrhundert, als Architekten, Künstler und andere Visionäre pausenlos ihre Utopien kundtaten, so wie im ungebrochen zukunftsoptimistischen "futuristischen Manifest", dem der Figaro am 20. Februar 1909 seine erste Seite freiräumte?

Vom Leben auf der Galata-Brücke können heutige Stadtplaner lernen

Offenbar nicht. Denn wer sich auf der zweiten Designbiennale, die Zoë Ryan vom Art Institute Chicago umsichtig kuratiert hat, in den alten Klassenzimmern der ehrwürdigen griechischen Schule unweit der Galata-Brücke umsieht, wird auf den ersten Blick kaum Manifeste erkennen. Zwar sind bei der Beschriftung eines jeden Projekts, egal ob Film, Videospiel, Installation oder Objekt stets die Bestandteile unter "Manifesto-Material" gelistet, doch das "Repair! Manifesto", das in Amsterdam 2009 dazu aufrief, mit dem Recycling aufzuhören und stattdessen lieber wieder Dinge zu reparieren, ist die absolute Ausnahme. Offenbar ist die Zeit für neue Ideen und Programme zwar reif, aber der alte Typ Manifest mag nicht mehr recht passen.

Zum einen sicherlich, weil sich eine individualisierte Gesellschaft dagegen sperrt, unter schlichten Programmen versammelt zu werden. Schon in der Vergangenheit war das ja der Grund für das Scheitern der allermeisten Manifeste. "Viele gingen unter, weil sie zu eng ausgelegt waren", sagt der Engländer Tim Parsons, der in Chicago Design unterrichtet. Zusammen mit Jessica Charlesworth hat er für die Biennale Survival-Kits entworfen. Eines für den Entscheidertyp, der im Notfall gleich mehrere Ratgeberbücher dabeihat, ein anderes für den "Re-Wilder", einen etwas hypochondrisch veranlagten Steinzeitler, der zum Faustkeil lieber noch ein paar Insulinfläschchen einsteckt. "New Survivalism" zeigt nichts, was man im Katastrophenfall selbst in den Koffer stopfen würde, dafür aber umso deutlicher, wie vielschichtig unsere Gesellschaft ist.

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