Süddeutsche Zeitung

Designbiennale Istanbul:Mit dem Faustkeil in die Zukunft

Form statt ferne Utopie: Die zweite Designbiennale in Istanbul unter dem Titel "The Future Is Not What It Used To Be" zeigt das Politische in unserem Alltag.

Von Laura Weißmüller, Istanbul

"Lepsis" heißt das Küchengerät. Es sieht aus wie ein Goldfischaquarium, das von einer Salatschleuder gekrönt wird. Doch mit seinem Fuß aus hellem Holz, dem silbernen Stahlrahmen und dem durchsichtigen Acryl passt es auch hervorragend zu den chromglänzenden Luxusküchen unserer Tage - und genau dort soll es hin. Der Industriedesigner Mansour Ourasanah, der in Togo geboren wurde und in den USA lebt, hat "Lepsis" als eine Zuchtstation für Grashüpfer entwickelt.

Wenn die Tiere ausgewachsen sind, lockt sie ein spezielles Licht in die abschraubbare Kuppe. Die kommt dann in den Kühlschrank. Sanfte Tötung nennt das der Designer. Und fertig ist der Protein-Kick - die Alternative zum Steak. 300 Million Tonnen Fleisch wurden im Jahr 2012 produziert. Unser Fleischhunger ist Klimakiller Nummer eins, noch vor dem Autoverkehr. Die Revolution, das beweist "Lepsis", beginnt in unseren Küchen. Und in unseren Köpfen.

"Lepsis" ist eines der 53 Projekte, die auf der zweiten Designbiennale in Istanbul zu sehen sind. Unter dem Titel "The Future Is Not What It Used To Be" - ein Zitat von Paul Valéry aus dem Jahr 1937 - will sie eine neue Form des Manifests suchen und entwickeln. Die Zeit für neue Proklamationen scheint überreif zu sein. Doch dass sie sich zu zehn Punkten reduzieren lassen, das glaubt heute niemand mehr.

Selten ist die Zukunft so rasant durch immer neue Erfindungen, aber auch durch gesellschaftliche Umbrüche von der Gegenwart überrannt worden wie heute. Istanbul erlebte einen solchen Moment im Sommer 2013, als sich junge Demonstranten im Gezi-Park gegen ein staatliches Bauprojekt auflehnten. Kiew folgte im Winter, Hongkong gerade eben. Doch kann die Idee von Zukunft noch so aussehen wie im 20. Jahrhundert, als Architekten, Künstler und andere Visionäre pausenlos ihre Utopien kundtaten, so wie im ungebrochen zukunftsoptimistischen "futuristischen Manifest", dem der Figaro am 20. Februar 1909 seine erste Seite freiräumte?

Vom Leben auf der Galata-Brücke können heutige Stadtplaner lernen

Offenbar nicht. Denn wer sich auf der zweiten Designbiennale, die Zoë Ryan vom Art Institute Chicago umsichtig kuratiert hat, in den alten Klassenzimmern der ehrwürdigen griechischen Schule unweit der Galata-Brücke umsieht, wird auf den ersten Blick kaum Manifeste erkennen. Zwar sind bei der Beschriftung eines jeden Projekts, egal ob Film, Videospiel, Installation oder Objekt stets die Bestandteile unter "Manifesto-Material" gelistet, doch das "Repair! Manifesto", das in Amsterdam 2009 dazu aufrief, mit dem Recycling aufzuhören und stattdessen lieber wieder Dinge zu reparieren, ist die absolute Ausnahme. Offenbar ist die Zeit für neue Ideen und Programme zwar reif, aber der alte Typ Manifest mag nicht mehr recht passen.

Zum einen sicherlich, weil sich eine individualisierte Gesellschaft dagegen sperrt, unter schlichten Programmen versammelt zu werden. Schon in der Vergangenheit war das ja der Grund für das Scheitern der allermeisten Manifeste. "Viele gingen unter, weil sie zu eng ausgelegt waren", sagt der Engländer Tim Parsons, der in Chicago Design unterrichtet. Zusammen mit Jessica Charlesworth hat er für die Biennale Survival-Kits entworfen. Eines für den Entscheidertyp, der im Notfall gleich mehrere Ratgeberbücher dabeihat, ein anderes für den "Re-Wilder", einen etwas hypochondrisch veranlagten Steinzeitler, der zum Faustkeil lieber noch ein paar Insulinfläschchen einsteckt. "New Survivalism" zeigt nichts, was man im Katastrophenfall selbst in den Koffer stopfen würde, dafür aber umso deutlicher, wie vielschichtig unsere Gesellschaft ist.

Manifest für Istanbul

Zum anderen dürfte sich aber auch das Pathosbehaftete, Apodiktische der Manifeste überlebt haben. Sichtbar wird das nicht zuletzt in Istanbul selbst. "Die ganze Stadt ist ein einziges Manifest der Regierung. Die Brücke über den Bosporus und der neue Flughafen sind Teil davon", sagt Selva Gürdoğan. Die Architektin betreibt mit Gregers Tang Thomson das Büro Superpool, sie haben die Ausstellungsarchitektur für die Biennale entworfen. Ein Manifest für Istanbul, diese Stadt im Totalumbau, wollen sie nicht. Da ginge es sowieso nur um Wirtschaftswachstum - zurzeit das stärkste Argument, egal bei was.

"Wir haben versucht, die Definition von dem, was ein Manifest sein kann, auseinanderzunehmen", sagt Zoë Ryan. Was so viel heißt wie: Alles kann ein Manifest sein. Das Videospiel, das jeden für eineinhalb Minuten zum Helden macht, genauso wie die Möbel, die im Gezi-Park während der Proteste entstanden sind, oder das Alphabet, das seine Buchstaben nach unten hin bauchig schwer werden lässt, damit die Menschen, die an Dyslexie leiden und deswegen Wörter und zusammenhängende Texte schlecht lesen können, sich leichter tun.

So unterschiedlich all diese Projekte sind, so eint sie doch ihr Interesse am Alltag. Statt einer fernen Utopie wird hier der zukünftige Bodensatz unseres Lebens unter die Lupe genommen. Und genau das macht diese Biennale so politisch. Design für den Alltag zu entwerfen, das bedeutet heute, politische Entscheidungen zu treffen. Was und wie etwas hergestellt wird, sind Fragen, die Konsequenzen für die Zukunft der Erde haben.

Dass Herstellung auch lokale politische Folgen haben kann, zeigt das Projekt "Crafted in Istanbul". Der Designer Bilal Yilman hat begonnen, dafür ein Netzwerk zwischen jungen Designern und den letzten verbleibenden Handwerkern in der Innenstadt herzustellen. Die Zeit drängt. Nicht nur sterben die letzten Schreiner, Schweißer und Drechsler, die ihr Handwerk noch von griechischen und armenischen Meistern gelernt haben, langsam aus. Die Regierung will sie auch mit allem Nachdruck aus dem Zentrum vertreiben. Ihre schmutzigen Werkstätten passen nicht ins Bild, das den Touristen hier geboten werden soll.

Sichtbar machen, was da ist, um es zu schützen und es gleichzeitig mit dem Morgen zu verknüpfen, das könnte auch über dem Projekt des japanischen Architekturbüros Atelier Bow-Wow stehen, das mit Istanbuler Studenten den Mikrokosmos auf der Galata-Brücke untersucht und dokumentiert hat, dieses Dicht-an-Dicht von Läden und Restaurants, Fischern und Sandwich-Verkäufern, das eine Lebendigkeit erzeugt, von der heutige Stadtplaner nur träumen können.

Apropos Stadtplanung: Das, was Superpool mit der griechischen Schule gemacht hat, könnte man dann doch als Manifest für Istanbul lesen. In einer Stadt, die lieber abreißt als saniert, wirkt der behutsame unverkitschte Umgang mit der historischen Bausubstanz geradezu radikal. Er schafft den perfekten Rahmen für die Designbiennale, die sich mit ihrer zweiten Ausgabe als Manifest ihrer eigenen Bedeutung etabliert hat.

The Future Is Not What It Used To Be. Zweite Istanbul Designbiennale. Bis 14. Dezember. Infos unter www.iksv.org/en

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Quelle:
SZ vom 04.11.2014/cag
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