Deutsches Design:Gut Ding will Teile haben

Deutsches Design 1949-1989
Zwei Länder, eine Geschichte - Vitra Design Museum, Weil am Rhein

Renate Müllers "Seehund mit Lederring" von 1971 hat es vor ein paar Jahren sogar in eine große Designausstellung im New Yorker MoMA geschafft.

(Foto: Quittenbaum Kunstauktionen /Renate Müller, VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Das Vitra Design Museum wagt sich an eine gesamtdeutsche Designgeschichte der Jahre 1949 bis 1989. Die Ausstellung findet dabei erstaunliche Gemeinsamkeiten.

Von Kito Nedo

Die Jugendweihe - so hieß der Konfirmationsersatz in der atheistischen DDR. Jedes Frühjahr wurden unbeholfen wirkende Vierzehnjährige mit einem förmlich-steifen Festakt symbolisch in den "Kreis der Erwachsenen" aufgenommen und leisteten ein eher hingenuscheltes Treuegelöbnis auf den DDR-Sozialismus. Nach dem offiziellen Teil folgte das Eigentliche, eine Feier im großen Familien- und Freundeskreis. Besonders in ländlichen Gegenden ließen sich die Jugendweihlinge zu diesem Anlass von der Verwandtschaft mit Geld beschenken, als Anzahlung auf ein Moped der Marke Simson aus dem thüringischen Suhl. Mit dem Moped ging es in den Sommerferien an die Ostsee. Die sogenannte "Schmette" oder "Simme" lieferte in vielen DDR-Adoleszenzen den entscheidenden Mobilisierungsschub in dem kleinen Land, in dem man überall schnell an Grenzen stieß.

Langlebigkeit war wegen der Rohstoffknappheit ein wichtiges Kriterium in der ostdeutschen Produktgestaltung

Der polierten Simson S51 mit dem blau lackierten Tank, die derzeit im Vitra Design Museum in Weil am Rhein aufgebockt ist, sieht man ihre ostbiografische Schlüsselrolle gar nicht an. Und das ist auch gut so. Sie steht da ganz für sich, als deutsches Designstück und als handfestes Beispiel für das "offene Prinzip", das von Karl Clauss Dietel, einem der einflussreichsten DDR-Formgestalter (den Begriff Designer lehnt Dietel ab) und seinem Partner Lutz Rudolph vertreten wurde. Das offene Prinzip erlaubte das leichte Ersetzen von verschlissenen Teilen und sorgte so für Langlebigkeit des Ganzen. Wegen der Rohstoffknappheit war das ein wichtiges Gestaltungskriterium in der ostdeutschen Produktgestaltung. Es galt etwa auch für das modulare Möbelsystem MDW, das Rudolf Horn Mitte der Sechziger für die Deutschen Werkstätten Hellerau entwickelte. Statt auf passiven Konsum setzte Horn auf die "schöpferische Nutzung" des von ihm entworfenen Möbelprogramms durch beliebige Erweiterung und individuelle Anpassung in den eigenen vier Wänden.

Deutsches Design 1949-1989
Zwei Länder, eine Geschichte - Vitra Design Museum, Weil am Rhein

Das sogenannte "Senftenberger Ei" wurde von Peter Ghyczy 1968 in Niedersachsen entworfen, aber ab Anfang der Siebziger in Brandenburg hergestellt.

(Foto: Jürgen Hans/Vitra Design Museum)

Anderes schien sowieso für die Ewigkeit gemacht, wie etwa die eigentümlichen "Rupfentiere" der Sonneberger Spielzeuggestalterin Renate Müller, die seit den Sechzigern hergestellt werden und die es vor ein paar Jahren sogar in eine große Designausstellung im New Yorker MoMA geschafft haben.

Heute würde man dieses Planen von Langlebigkeit vielleicht mit "Nachhaltigkeit" übersetzen, doch es wäre falsch, die DDR deswegen rückwirkend zum ökologieorientierten Staat zu verklären. Vor allem die chemische Industrie verpestete mit veralteten Anlagen jahrzehntelang Luft und Gewässer. "Bitterfeld, Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt", ging ein damals weit verbreiteter Vers. Die Simson-Mopeds jedenfalls sind in Schrauberkreisen bis heute nicht nur wegen ihrer leichten Reparierbarkeit beliebt, sondern auch weil ihre Höchstgeschwindigkeit bei 60 statt 45 Kilometern pro Stunde liegt. Das ist aufgrund einer Klausel im Einigungsvertrag von 1990 ganz legal, sofern das Moped vor dem Februar 1992 in Betrieb genommen wurde.

Klischees - mal abgesehen vom offenbar unvermeidbaren "Trabbi" vor dem Museum - vermeidet die Schau

Über dreißig Jahre ist die Deutsche Einheit alt. Seltsam, aber die Ausstellung "Deutsches Design 1949 - 1989. Zwei Länder, eine Geschichte", kuratiert von Klára Němečková und Erika Pinner, mutet in ihrer gelassenen deutsch-deutschen Sachlichkeit und der paritätischen Gewichtung von Ost- und Westdesign geradezu revolutionär an. Erstmals werden die Parallelen und das Gemeinsame im Design im geteilten Deutschland zwischen 1949 und 1989 in den Fokus genommen. Die Schau funktioniert vor allem deshalb so gut, weil die komplexe Verwobenheit von Politik, Ökonomie, gemeinsamen Traditionen (Werkbund und Bauhaus), Zeitgeist und Kultur ernst genommen wird. Die Ausstellungsarchitektur von Konstantin Grcic liefert den nötigen Unterbau und setzt Akzente, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Klischees - mal abgesehen vom offenbar unvermeidbaren "Trabbi" vor dem Museum - werden vermieden.

Deutsches Design 1949-1989
Zwei Länder, eine Geschichte - Vitra Design Museum, Weil am Rhein

Herrlich funktionell-technoid: "T 1000" von Dieter Rams, bekannt unter dem Namen "Weltempfänger", aus dem Jahr 1963.

(Foto: Andreas Sütterlin / Vitra Design Museum)

Pinner und Němečková ist eine Schau gelungen, die auf die Ausstrahlung der Ausstellungsobjekte vertraut, wie etwa den legendären "Ulmer Hocker" von Max Bill und Hans Gugelot von 1954 für die Hochschule für Gestaltung Ulm, das Gastronomiegeschirr "Rationell" (1970) von Margarete Jahny und Erich Müller, das überall nur "Mitropa-Geschirr" genannt wurde oder das herrlich funktionell-technoide Braun-Weltempfänger-Radio T 1000 (1963) von Dieter Rams. Die Kuratorinnen setzen die Objekte in einen geschichtlichen Kontext, was auch den 320-Seiten-Begleitkatalog zu einer erfreulichen Lektüre macht.

Die designhistorische Ausstellung, die nach Weil am Rhein ab Herbst in Dresden und später an weiteren Orten zu sehen sein wird, zeigt, wie die eingeschliffenen stereotypen Ost-West-Zweiteilungen im Einzelfall nicht so einfach an die Wirklichkeit zurückzubinden sind. Ein gutes Beispiel ist da etwa das sogenannte Senftenberger Ei, das in zweifacher Ausführung den Auftakt des Ausstellungsrundgangs im Vitra-Museum bildet. Der runde Gartensessel im poppigen Space-Age-Design, dessen Rücklehne sich wie der Deckel einer riesigen Puderdose auf- und zuklappen lässt, wurde ursprünglich 1967/68 von Peter Ghyczy im niedersächsischen Lemförde entworfen.

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Zwei Länder, eine Geschichte - Vitra Design Museum, Weil am Rhein

Stapelbar: Margarete Jahny und Erich Müller Glasserie "Europa" aus dem Jahr 1964.

(Foto: Gunter Binsack/Staatliche Kunstsammlungen Dresden)

Weil die Produktion im Westen wegen der aufwendigen Lackierung von Hand nicht profitabel war, wurde die Herstellungstechnologie Anfang der Siebziger von der Elastogran GmbH an den VEB Synthesewerk Schwarzheide in der Nähe von Senftenberg im Süden von Brandenburg verkauft. Teil des Deals war die Herstellung von 15 000 Sesseln für den Verkauf in der damaligen BRD. Danach lief die Produktion für den Osten weiter. Ironie der Geschichte: Heute gilt das "Ei" als klassisches DDR-Design und ist nicht nur bei Sixties-Retro-Möbelhändlern, sondern eben auch in einschlägigen DDR-Alltagskultursammlungen zu finden.

Westdeutsche Kaufhäuser füllten ihre Regale mit Waren aus den volkseigenen Betrieben im Osten, weil sie günstig zu haben waren und die Qualität stimmte

Das "Ei" steht stellvertretend auch für eine oft im Verborgenen florierende, deutsch-deutsche Logistik- und Warenwelt, in der die Grenze viel durchlässiger als sonst war. Viele westdeutsche Warenhausketten und Versandhäuser füllten ihre Regale und Kataloge mit Textilien, Möbeln und Elektrogeräten aus den volkseigenen Betrieben im Osten, weil sie über den innerdeutschen Handel günstig zu haben waren und die Qualität stimmte. So kam es etwa, dass die in rauen Mengen in den Westen gelieferten Esda-Feinstrumpfhosen aus dem Erzgebirge anschließend im Westpaket wieder in den Osten verschickt wurden. Denn dort galten Feinstrumpfhosen als rare "Bückware", die in den Läden kaum zu bekommen war.

Deutsches Design 1949-1989
Zwei Länder, eine Geschichte - Vitra Design Museum, Weil am Rhein

Irene Staub alias Lady Shiva trug auf dem Foto 1978 Strickdesign der Westberliner Modemacherin Claudia Skoda.

(Foto: Luciano Castelli / VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Begehrt waren auch die dünnen schwarzen Bände der internationalen "Spektrum"-Reihe, die ab 1968 im Berliner Verlag Volk & Welt erschien. Als Ort für "moderne Literatur der kleinen Form" wurden dort Texte von James Baldwin, Michail Bulgakow, Marguerite Duras, Ingmar Bergman, Thomas Bernhard, Tschingis Aitmatow oder Hubert Fichte veröffentlicht, bis 1989 insgesamt 250 Bände. Ein 1982 von Franz Fühmann herausgegebener Essayband leitete die späte Rehabilitierung von Sigmund Freud in der DDR ein. Für die Einbandgestaltung der Reihe mit den surrealistischen Schwarz-Weiß-Fotomontagen war der Fotograf, Buchgestalter und Grafiker Lothar Reher zuständig, der freilich nie dermaßen gefeiert wurde wie etwa Willy Fleckhaus, der Erfinder des Edition-Suhrkamp-Regenbogens. Das grafische Erbe Rehers, der unter anderem Anfang der Siebziger auch psychedelische Plattencover für Manfred Krug entwarf und 1977 die berühmte Petition für Wolf Biermann mitunterschrieb, wird heute von einer kleinen, aber jungen Grafikdesign-Gemeinde gepflegt.

Noch in den avantgardistischen Verästelungen der Achtziger wirkt manches unglaublich wesensverwandt. Der Punk-Chic des Ostberliner Untergrund-Modekollektivs Allerleirauh um die beiden Designerinnen Katharina Reinwald und Angelika Kroker schien aus einer ähnlichen Haltung zu kommen wie die unglaublichen Strickdesigns der Westberliner Modemacherin Claudia Skoda, deren Mode auch in New York gefeiert wurde. Beide, das Ost-Kollektiv wie die West-Designerin, inszenierten ihre Modeschauen in den Achtzigern wie hedonistisch ausufernde Kunst-Happenings, die die kreative Kraft der Ost- beziehungsweise Westberliner Szene belegten. Wie gut beides nun in dieser deutsch-deutschen Design-Retrospektive zusammenpasst, gehört zu den überraschenden Lektionen dieser außergewöhnlichen Schau.

Deutsches Design 1949 - 1989. Zwei Länder, eine Geschichte. Vitra DesignMuseum, Weil am Rhein, bis 5. September. Infos unter www.design-museum.de. Die Ausstellungspublikation (ISBN 978-3-945852-43-9) kostet 59,90 Euro.

© SZ/lawe
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