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Der Ursprung der Schönheit:Stachel der Abweichung

Reichholfs entscheidende Absage an die Lehre vom Handicap aber setzt mit der Überzeugung, dass die Formschönheit in einer Art Selbstlauf der Ausschüttung überschüssiger Lebensenergien entstehe, am diametral entgegengesetzten Punkt an. Als Zebrafinken in einem Versuch mit bunten Ringen an den Beinen ausgestattet wurden, kam es zu einer signifikanten Bevorzugung dieser Artgenossen, womit gezeigt werden konnte, dass die Abweichung über alle anderen Kriterien der Anziehungskraft gesiegt hatte. Hieraus wie aus anderen Beobachtungen zieht der Autor den Schluss, dass es nicht notwendigerweise äußere Bedingungen sind, die zur abweichenden Paarung und damit zum evolutionären Schub führen, sondern vielmehr die Möglichkeitsformen einer internen Entwicklung.

Damit aber ist für Reichholf die Evolution als Wechselspiel von Außenwirkung und innerer Reaktion nur unzureichend beschrieben. In der Anpassung wirke vielmehr ein Kaleidoskop an Möglichkeiten, das alle Mechanik der Notwendigkeiten relativiere. Im Kern ist diese Neuformulierung der sexuellen Auslese eine Reflexion über die Freiheitsgrade der Evolution. Je komplexer die Organismen werden, umso stärker lösen sie sich von den äußeren Lebensbedingungen ab, um die Attraktion der Schönheit ihr anarchisches Spiel treiben zu lassen.

Mit diesem Schluss widmet sich der Autor gemeinsam mit Miki Sakamoto einer Bestimmung auch des menschlichen Verhaltens. Auch hier ist die Definition der Schönheit berührt. Sie lässt sich Reichholf zufolge keinesfalls auf eine messbare Symmetrie und den Eindruck von Wohlbefinden reduzieren; vielmehr muss die Spannung einer Abweichung vom erwarteten Durchschnittsmuster hinzukommen.

Die überlagerten Idealbilder des als schön erachteten Menschen wirken angenehm, aber auch nichtssagend und wenig attraktiv, weil ihrem Ebenmaß der Stachel der Abweichung fehlt. Bereits für Darwin bot dieser die einzige Möglichkeit, Schönheit zu definieren. Er hat sie als Variabilität und Abweichung bestimmt: variety. In dieser Definition können auch hässlich wirkende Formelemente die Kategorie der beauty erreichen, sowie sie als Abweichung erkennbar sind. Erst dies erlaubt es, die Evolution als Suche des weiblichen Auges nach der Abweichung zu begreifen.

In diesem Zusammenhang ist bedauerlich, dass der Autor eine Reihe profunder kunst- und kulturgeschichtlicher Erörterungen dieses Problems nicht mehr hat aufnehmen können: "Endless forms" (Cambridge und New Haven 2009), "Darwin. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen" (Frankfurt am Main 2009) sowie "Was ist schön?" (Dresden 2010). Im Katalog der Dresdner Ausstellung des Hygiene-Museums hat Menninghaus Darwins Faible für die Frage der Ornamentierung aus der britischen Vorliebe für das Ornament und dessen kunsttheoretischer Fassung entwickelt. Wenn Mario Praz, so könnte gefolgert werden, die englische Schauerromantik als einen solchen Revenant des verdrängten Bilderschatzes erklärt hat, so wirkt Darwins Konzept der sexuellen Auslese wie eine Verlagerung dieses Impulses in die Natur.

Darwins Konzept der sexuellen Selektion kann vor diesem Hintergrund auch als natürliche Spielart der Wiederkehr der verdrängten katholischen Bilderwelt begriffen werden. In diesen Bezügen deuten sich die begrifflichen Rahmenstellungen an, unter denen Darwin seine zweite Grundidee entwickeln konnte. Dies relativiert sie nicht, sondern es definiert die Möglichkeitsform seines eigenen kulturellen Ambientes.

Begrifflich hätte es daher gutgetan, wenn der Verfasser die später im Sozialdarwinismus so verheerende Formel vom "survival of the fittest" nicht Darwin, sondern vielmehr dem Urheber Charles Spencer zugeschrieben hätte. Er hätte hier mit einem Vorurteil aufräumen können, zumal Darwin selbst, als er das Prinzip der sexuellen Auslese ausführte, den Stoßseufzer tat: "Too much (...) survival of the fittest".

Angesichts der Material- und Aspektfülle des Buches dürfte es nicht ausbleiben, dass Fachleute ihm Schwächen im Detail und Auslassungen vorwerfen werden; so ist schwer erklärlich, warum das 2006 erschienene, zweibändige Sammelwerk "Bird Coloration" fehlt. Aber Monita dieser Art reichen nicht bis zur Substanz des Buches.

Der Leser spürt, dass es in Zeiten der molekularbiologischen Großstudien an eine Forschung erinnern möchte, welche die lebendigen Wesen in ihrer natürlichen oder auch künstlich geformten Umwelt wahrzunehmen und durchaus auch zu bewundern versteht. Und darin ist es eine Art Liebeserklärung an eine Natur, die nicht allein nützlich, sondern auch verschwenderisch ist, die nicht nur den Erwartungen entspricht, sondern übertreibt, und die das Theatralische für ebenso wichtig hält wie die maschinell wirkende Mechanik der natürlichen Auslese.

Im Kern ist es ein Buch über die Freiheit. Wohl selten zuvor ist die Evolution in vergleichbarer Weise nicht als Reich der harten Notwendigkeit, sondern der formabundanten Möglichkeiten beschrieben worden.

Der Autor zieht seine Schlüsse aus der unmittelbaren Anschauung der Natur, um doch zu Ergebnissen zu kommen, die in ihren Folgerungen erkennbar einen kritischen Zeitbezug besitzen. Sein Buch verteidigt das gegenwärtig so prekäre Gut des Altruismus in der Frage, warum die Hirschgeweihe sich auf eine Weise entwickelt haben, dass sie den Gegner nicht zu tief verletzen. Es erkennt zudem eine Art ausgleichender Gerechtigkeit darin, dass Männchen zwar die bessere Überlebenschance haben, die Weibchen aus diesem Grund aber das Privileg der Auswahl besitzen.

Schließlich definiert er die Kategorie der Freiheit als das Produkt einer Suche nach Schönheit, die in der Natur selbst als evolutionärer Prozess abläuft.

Das Prinzip der sexuellen Auslese begünstigt Reichholf zufolge den Altruismus, die Gerechtigkeit und die Freiheit. Darwin hat die Natur bisweilen als das große "Schlachthaus" bezeichnet, aber seine Theorie der sexuellen Auslese bot das Bild einer produktiven Verschwendung. Wer glaubt, dass Darwins zweite Theorie zu schön ist, um wahr sein zu können, wird es nach Lektüre dieses Buches schwerer haben.

JOSEF H. REICHHOLF: Der Ursprung der Schönheit. Darwins größtes Dilemma. Verlag C.H.Beck, München 2011. 302 Seiten, 19,95 Euro.

Der Rezensent ist Kunsthistoriker an der Berliner Humboldt-Universität und Autor des Buches "Darwins Korallen" (Wagenbach Verlag, 2005).

© SZ vom 02.05.2011/rus

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