Holocaust und Stalins Verbrechen Massenmörder mit unterschiedlichen Feindbildern

Immer mehr Bücher vergleichen den Holocaust mit den brutalen Verbrechen des Stalin-Regimes. Doch Stalins Terror erreichte nie den Grad an mörderischer Eindeutigkeit, die den Antisemitismus Hitlers auszeichnete. Von unscharfer Gewaltraum-Metaphorik sollte daher Abstand genommen werden.

Von Jürgen Zarusky

Vor einigen Wochen stellte der Historiker Michael Wildt die Frage, ob die Ermordung der Juden durch das nationalsozialistische Deutschland im Lichte der Erkenntnisse über den Stalin'schen Terror nicht mehr beispiellos sei: Es gibt offenbar immer mehr Bücher, die den Holocaust in einen historischen Kontext stellen und darüber vielleicht zwangsläufig relativieren (siehe SZ vom 23. Mai). Und doch ist die Frage eindeutig zu beantworten.

Beispielloses Morden ohne Unterschied: Unzählige Kinderschuhe liegen in der Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz in Oswiecim (Polen).

(Foto: dapd)

Keines der Massenverbrechen des Stalinregimes, nicht die Zwangskollektivierung und Entkulakisierung, nicht die daraus resultierenden Hungersnöte 1932/33, nicht der Große Terror der Jahre 1937/38 und auch nicht der Besatzungsterror in den nach 1939 und 1945 eingenommenen Gebieten war von einem solch absoluten Vernichtungswillen getragen wie die Shoah. Der Stalin'sche Terror erreichte nie den Grad an mörderischer Eindeutigkeit, die den quasi-eschatologischen Rassenantisemitismus des Nationalsozialismus auszeichnet.

Die Kinder verhafteter Kulaken - die meisten wurden ja familienweise umgesiedelt - wurden nach einigen Jahren rehabilitiert. Im Großen Terror wurde etwa die Hälfte der rund 1,5 Millionen Verhafteten erschossen, der Großteil der anderen Opfer aber kam ins Lager und eine kleine Gruppe wurde nach Beendigung der blutigen "Säuberungen" rehabilitiert. Ehepartner und Kinder der Betroffenen wurden, vor allem wenn es um Angehörige der Nomenklatura ging, in nicht wenigen Fällen in Mitleidenschaft gezogen und zu Lagerhaft verurteilt oder in Kinderheime geschickt.

Derlei Differenzierungen nahm das NS-Regime bei jüdischen Familien unter seiner Herrschaft nicht vor. Juden in Hitlers Machtbereich waren ab der zweiten Jahreshälfte 1941 allesamt zum Tode verurteilt. Für die Minderheit derer, die als Arbeitskräfte ausgebeutet wurden, war der Vollzug des exterminatorischen Programms aufgeschoben, aber keineswegs aufgehoben.

Einen solchen kollektiven, unterschiedslosen Massenmord finden wir unter den brutalen Massenverbrechen des Stalin-Regimes nicht. Die Deportationen ganzer Völker forderten nicht wenige Todesopfer, aber sie verfolgten nicht die Absicht der Vernichtung.

Die Hungersnöte der Jahre 1932/33

Eine gezielte Vernichtungsabsicht liegt auch, anders als es uns die nationalukrainische Holodomor-Erzählung und Timothy Snyder in seinem Buch "Bloodlands" glauben machen wollen, bei den Hungersnöten der Jahre 1932/33 nicht vor. Sie betrafen ganz unterschiedliche Regionen und Gruppen, keineswegs nur die Ukraine. In der Ukraine wiederum traf der Hunger vor allem die Landbevölkerung, während die Städte besser gestellt waren. Es gab ukrainische Opfer und ukrainische Täter.

Und: Obwohl infolge der "Archivrevolution" von 1991 zahlreiche Mordbefehle Stalins bekannt geworden sind, gibt es hier keinerlei Beleg für eine Absicht des sowjetischen Diktators, ein Volk zu ermorden. Ob die Hungersnöte das waren, was er erreichen wollte, steht unter starkem Zweifel, keineswegs allerdings seine Verantwortlichkeit für das grausame Massensterben, das einer rücksichtslos durchgesetzten ideologischen Kollektivierungspolitik geschuldet ist.

Osteuropa war kein homogener Gewaltraum

"Osteuropa stellt einen Gewaltraum dar, der schon vor dem deutschen Eroberungskrieg von mörderischer Gewalt gezeichnet war, in dem sich stalinistische und nationalsozialistische Gewaltpolitik kreuzten, durchdrangen, gegenseitig verstärkten", schreibt Michael Wildt. Dem ist zu entgegnen, dass zwar die Sowjetunion in den Jahren des Bürgerkriegs 1918 bis 1922 und dann erneut mit Stalins "Revolution von oben" ab 1929 einer unerhörten Gewaltentfaltung unterlag, aber Polen und die baltischen Staaten bis 1939/40 weder von der Hungersnot noch vom Terror betroffen waren.

Die rechts-autoritären Regime, die sich hier etabliert hatten, waren vielleicht nicht sehr sympathisch, aber von der Gewaltsamkeit der totalitären Staaten Stalins und Hitlers weit entfernt.