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Christoph Ransmayr: "Der Fallmeister":Alexa, sag mal: Ich schwitze

Tosend stuerzen die Wassermassen des Rheins bei Neuhausen in der Schweiz in die Tiefe..Der Rheinfall ist einer der gewal

Mit "den endlosen Tonfolgen seiner Strömungsmusik": Christoph Ransmayrs Roman spielt an einem archetypischen Fluss.

(Foto: Winfried Rothermel/imago images)

Wenn der Autor im eigenen Textfluss ertrinkt: Christoph Ransmayrs Roman "Der Fallmeister" erzählt von einer Zukunft, in der Europa in Stämme zersplittert und die Welt vom Klimawandel umgeformt wird.

Von Alex Rühle

Nimmt man dieses Buch zur Hand, Pardon, nein, greift man mit jenen feinmotorischen Wunderwerkzeugen, die uns Menschenwesen gegeben wurden, die Welt zu erfassen, nach des Autors neuem Opus, wenn nicht Epos, so schleicht sich bald schon verdutztes Staunen in die Lektüre: Warum redet der denn so kariert daher? Ist das wirklich von Christoph Ransmayr? Oder hat sich da ein Literaturwissenschaftler einen Spaß erlaubt und eine KI darauf trainiert, banale Dinge in möglichst hochtrabenden Sprachschwulst umzuformen? Alexa, sag mal: "Ich schwitze." Antwort: "Obwohl mich plötzlich am ganzen Körper fror, als hätte mich die Verdunstungskälte eines Gletschers gestreift, spürte ich ein Schweißrinnsal über meine Wangen, mein Kinn laufen. Von dort tropfte es in den Staub und formte winzige Krater, die jeder salzige Tropfen wie der Einschlag eines aus der Unendlichkeit aufgetauchten winzigen Meteoriten hinterließ." Alexa, sag das doch bitte noch mal mit der Stimme von Werner Herzog.

Nun kann es ja ein denunziatorischer Trick sein, einzelne Sätze kopfschüttelnd mit der Pinzette hochzuhalten. Beginnen wir also erneut, diesmal mit dem Positiven, dem tagespolitischen Riecher, den Christoph Ransmayr hier hatte. Wir wissen natürlich nicht, ob er den Roman angefangen hat nach dem Brexit-Trump-Schock, der der verblüfften Welt zeigte, dass es politisch gar nicht immer weiter in Richtung transnationale Globalisierung gehen muss, genauso gut kann die Welt in die Gegenrichtung zurückschrumpfen, Zugbrücke hoch, America first. In Corona-Zeiten haben solche Partikularisierungstendenzen jedenfalls noch mal ganz andere Schubkraft bekommen. Erst hängen einzelne Länder, die nur für sich kämpfen, die EU beim Impfen ab. Dann werden innereuropäische Grenzen geschlossen, und längst gehen die Animositäten und pauschalen Zuschreibungen bis auf Länderebene runter, der bräsige Mecklenburger sitzt ja eh nur auf seinem Bauernhof, und die Sachsen brüten in ihrem Erzgebirge immer neue Extremismen aus. Über den mikrolokalen Tirschenreuther Superspreader haben wir da noch gar nicht angefangen zu lästern.

Ransmayr denkt das weiter, in eine rund 200 Jahre entfernte Zukunft: Europa ist lange schon zersplittert in Hunderte "Grafschaften, Stämme, Clans und bösartige Zwergenreiche", die einander mit paranoidem Hass beäugen und bekämpfen. Der eingangs so beeindruckend verschwitzte Erzähler ist von Beruf Hydrotechniker, womit wir beim zweiten Hintergrundthema wären, dem Klimawandel. Der Meeresspiegel schiebt sich kontinuierlich die Küsten hoch, Süßwasser ist das neue Gold, um das allerorten Kriege geführt werden. Der namenlose Erzähler gehört damit der neuen globalen Elite an, die quer über die Kontinente reist, von Staudammprojekt zu Umleitungsauftrag, während alle anderen auf ihrer kargen Scholle festsitzen wie mittelalterliche Bauern.

Wie auf Autopilot treibt der Erzähler durch das eigene schäumende Pathos

Am Rio Xingu ereilt ihn die Nachricht, dass sein Vater, ein Schleusenwärter, für den Tod von fünf Menschen verantwortlich ist. Er hat daheim am Weißen Fluss, der der Donau sehr ähnelt, die Schleuse im falschen Moment geöffnet, ein Touristenboot ist im reißenden Wasserstrom gekentert, und der Sohn ist überzeugt, dass der Vater in voller Absicht gehandelt hat: "Mein Vater hat fünf Menschen getötet."

Mit diesem Satz heben der Text und damit aber auch gleich die Rätsel an. Denn während er sich immer wieder explizit als nüchternen Ingenieur und damit implizit als direkten Nachkommen von Max Frischs Homo Faber beschreibt - "Ich habe mir in meinen Einsatzgebieten an den großen Strömen Südamerikas, Asiens und Afrikas nur selten andere als technische Fragen gestellt" -, spricht dieser Erzähler von der ersten Seite an wie eine Mischung aus Märchenonkel, Mythenforscher und linguistischem Schmetterlingssammler, der auf der Jagd nach verschwunden geglaubten Wortexemplaren durch entlegene Sprachlandschaften streift.

Anfangs denkt man, ah, Form spiegelt Inhalt, scheint der anachronistische Tonfall doch das Wesen des Vaters zu kommentieren, eines jähzornigen Familiendespoten, der sich, angewidert von der Gegenwart, sein Leben lang in eine bessere Vergangenheit zurückgesehnt hat und sich deshalb auch nie Schleusenwärter, sondern immer nur "Fallmeister" nannte. Bald aber merkt man, dass dieser seltsame Erzähler gar kein anderes Sprachregister kennt, sondern wie auf Autopilot durch das eigene schäumende Pathos treibt. Alexa, sag mal: "Das Wasser rauscht." Antwort: "Unbezweifelbar, bis zum heutigen Tag unbezweifelbar, blieb mir nur das symphonische Geräusch in Erinnerung, mit dem der Weiße Fluß damals dem Meer und seiner Auflösung entgegenstürzte und die Pharaonin und mich in einem von Libellen durchschwirrten Nachmittag im August mit den endlosen Tonfolgen seiner Strömungsmusik umfangen und in einen melodischen Kokon eingesponnen hatte, wenn er sich rauschend vor Felsbarrieren teilte oder an den Steinfugen von Treppelwegen und Wasserwehren hochkochte und mit jedem seiner Wirbel eine andere Faser meines Daseins in verstörende Schwingungen versetzte."

Zwischendurch ist der Klimawandel vergessen und der Text kassiert seine eigenen Prämissen

Nein, das ist keine extreme Ausnahme, sondern eine repräsentative Probe aus diesem Textfluss, durch den hektoliterweise Wasser-, Schaum- und Strömungsmetaphern und mindestens genauso viele historio-theo-mythologische Anspielungen treiben. Mit der Pharaonin ist Mira gemeint, die Schwester des Erzählers, der dieser seit seiner Kindheit in inzestuöser Leidenschaft verfallen ist. Er bringt sie im weiteren Verlauf aus Versehen um, weil sie die Glasknochenkrankheit hat und er sie aber inbrünstig begehrt. Dann macht er sich auf die Suche nach seiner Mutter, die wurde nämlich deportiert, als er noch ein Kind war.

Ein Vater, der des Mordes verdächtig wird (und sich ein Jahr nach dem Kentern des Touristenboots selbst aus der Welt schafft). Geschwisterliebe. Schwesternmord. Eine verschwundene Mutter. Ein am Ende überraschend wieder auftauchender Vater. Klingt hochdramatisch, wirkt aber leider alles dermaßen theatralisch und steif, als würden die Figuren auf Kothurnen, diesen seltsamen, stelzenhohen Stiefeln der griechischen Tragödie, durch den Text staksen.

Richtig ärgerlich wird es, als der Erzähler in Kambodscha ankommt. Jaja, Kambodscha, natürlich, da gibt es nämlich den Tonle Sap, einen Fluss, der zweimal im Jahr die Fließrichtung ändert, also quasi rückwärts, zu den Quellen, wie ja der Vater auch immer in die Vergangenheit wollte. Und jetzt bloß nicht Alexa um eine neuerliche Probe bitten, sonst könnte man mit dem dann folgenden Textschwall die morgige Zeitung bis weit hinter den Sportteil vollschreiben.

Christoph Ransmayr: Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten. S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 224 Seiten, 22 Euro.

Zum einen ist hier das ganze Klimawandelsetting einfach vergessen, der Erzähler, oder ist das jetzt Ransmayr selbst, schwelgt im Geo-Reportagenstil der Achtzigerjahre durch idyllisch majestätische Wasserlandschaften, obwohl China doch heute schon den Oberlauf des Mekong mit elf Dämmen blockiert. In 200 Jahren dürfte der Fluss aufgrund der Gletscherschmelze zeitweise zum Rinnsal schrumpfen. Nein, ein fiktiver Text muss nicht auf den Milliliter genau mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Aber er kann auch nicht einfach zwischendurch alle eigenen Prämissen kassieren.

Zum anderen wird der Erzähler auf dieser Flussfahrt begleitet von einem armen Bootsmann, der seine ganze Familie im Völkermord der "weißen Khmer" verloren hat. Wie in diesen Szenen der echte Genozid des Pol-Pot-Regimes mit einem fiktiven Völkermord verquirlt wird und damit zu einer Art beliebig verschiebbarer Schauerrequisite am Ufer des Textes, das ist einfach nur noch bizarr.

Wer die Vorstellung eines in Stämme zerfallenden Europas weitergesponnen sehen möchte, der schaue sich vielleicht einfach "Tribes" auf Netflix an, da wird wenigstens nicht so getan, als sei das alles hehre Kunst. Wer was über den Klimawandel wissen will, - es gibt sowohl bessere Cli-Fi-Szenarios als auch beeindruckende Sachbücher über die Wasserkriege der Zukunft. Was aber das Wasser selbst angeht, dazu hat Christian Morgenstern im Grunde schon vor hundert Jahren alles gesagt: "Ohne Wort, ohne Wort / rinnt das Wasser immerfort! / Andernfalls, andernfalls/ spräch es doch nichts andres als: / Bier und Brot, Lieb und Treu, - / und das wäre auch nicht neu. / Dieses zeigt, dieses zeigt, / daß das Wasser besser schweigt."

© SZ/masc
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5X2, Valeria Bruni Tedeschi, Stephane Freiss, 2004, (c) ThinkFilm/courtesy Everett Collection Think Film/Courtesy Everet

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