Denis Pfabe: "Simonelli":Das eine große Ding

Lesezeit: 2 min

Denis Pfabe: "Simonelli": Alte Postkarte (um 1911) mit den Original-Titanic-Anker der Firma Hingley aus den britischen Netherton. Mit einem Nachbau für einen Dokumentarfilm hofft sich der frustrierte Held in Denis Pfabes Roman "Simonelli" endlich finanziell zu sanieren.

Alte Postkarte (um 1911) mit den Original-Titanic-Anker der Firma Hingley aus den britischen Netherton. Mit einem Nachbau für einen Dokumentarfilm hofft sich der frustrierte Held in Denis Pfabes Roman "Simonelli" endlich finanziell zu sanieren.

(Foto: Getty Images/Popperfoto)

Von einem Gescheiterten, der alles auf eine Karte setzt, erzählt Denis Pfabe in seinem rasanten Roman "Simonelli".

Von Harald Eggebrecht

Denis Pfabe, Jahrgang 1986, hat seinen zweiten Roman so dicht und sorgfältig geschrieben, sein "McGuffin", eine japanische Pistole aus dem Zweiten Weltkrieg, gefertigt in der Waffenschmiede von Kirijo Nambu, funktioniert als geheimnisumwitterter Lockgegenstand so gut, dass sich wie von selbst nicht nur die Wünsche und Taten der Figuren im Roman darum gruppieren, sondern auch die Leserschaft rasch beginnt, mit ihren Assoziationen und Gedankenspielen um diese ominöse Waffe zu kreisen.

Der Held, besser Antiheld dieser Geschichte heißt Jonathan Simonelli, ein Attrappenbauer für Filmsets, einst erfolgreich, aber inzwischen in den Suff abgerutscht, denn der Siegeszug der digitalen Möglichkeiten der Filmproduktion, alles Mögliche und auch das Unmögliche im Kino perfekt vorzugaukeln, hat ihn unaufhaltsam zur Seite gedrängt. Überraschend bekommt er aber einen Großauftrag, den Anker der Titanic nachzubauen für einen Dokumentarfilmdreh in Dudley, dem Ort einer großen Stahlschmiede. Sein Freund Henri sammelt Kriegsantiquitäten, die wiederum von mehr oder weniger zwielichtigen Waffennarren angekauft werden. So kommt Simonelli auch an die Nambu, das heißt, er entwendet sie. Bald erhält er Anfragen, ob er sie verkaufen würde. Simonelli reist nach England, um den Anker aus Sperrholz nachzubauen, und, noch wichtiger, mit der Nambu ein hübsches Sümmchen einzustreichen. Doch der snobistische Großgangster Ali Toy ist nicht der einzige, der die Pistole haben will, auch in Japan besteht größtes Interesse, weil diese Waffe einst dem Kriegsverbrechergeneral Yamashita gehört haben soll.

Die Sache wächst Simonelli über den Kopf, aber er wächst mit bis zum Letzten, verliebt sich auf dem Filmset in Edi, tötet den Yakuza Hideki mit der Nambu und muss noch erleben, dass der angebliche Freund Henri falsch mit ihm spielt. Der Wirbel um die Pistole mit dem Sweetheart-Griff - in den Kolben ist eine nackte Schöne unter Plexiglas eingearbeitet, angeblich die einstige Geliebte von General Yamashita - dreht sich unmerklich, bis Pfabe ihn effektvoll rasant beschleunigt. Geschickt splittet er die Handlung in Rückblenden und Parallelmontagen auf und schafft es, sein Personal trotz mancher Klischees glaubhaft zu charakterisieren: den braven japanischen Waffenkenner Shige, den dicken Berufskiller Hideki, den verspielt-ruchlosen Ali Toy, die kühle Edi und schließlich den Kleinganoven Henri und seine missratenen Söhne.

Denis Pfabe: "Simonelli": Denis Pfabe: Simonelli. Roman. Rowohlt Berlin, Berlin 2021. 286 Seiten, 22 Euro.

Denis Pfabe: Simonelli. Roman. Rowohlt Berlin, Berlin 2021. 286 Seiten, 22 Euro.

Dabei lässt sich Denis Pfabe nicht zu gefälliger Typenschlamperei verführen, sondern erzählt knapp und beherrscht. So entsteht aus einem geläufigen Thrillerstoff das Porträt eines Mannes, der, frei nach Herbert Achternbusch, keine wirkliche Chance hat, aber sie wenigstens nutzen will, ein geborener Verlierer, der einmal gewinnen will und alles auf eine Karte, die Nambu, setzt.

Beachtlich, wie einen Pfabe bei der Jagd auf seinen McGuffin bei Laune hält, bemerkenswert, wie seine Personen in ihren Motiven und Impulsen Leben ausstrahlen. Pfabe vermag es, ihnen, cum grano salis, so etwas wie Geist einzuhauchen. Dazu gehört auch, dass er sie weder psychologisch überfordert noch durch gesuchte Vielschichtigkeit überanstrengt. So wird aus einem relativ begrenzten Plot eine gut instrumentierte Geschichte.

Übrigens bleibt das Geheimnis, weshalb alle möglichen guten und bösen Geister diese japanische Waffe haben wollen, über das Buch hinaus gewahrt. Auch Simonelli verrät es nicht, als er das Sweetheart-Foto im Licht genau betrachtet: "Schaute sich genauer an, was ihm eben aufgefallen war. Es war so simpel, so offensichtlich. Simonelli atmete aus. Er hatte das entscheidende Detail entdeckt, das ihm Klarheit darüber verschaffte, was es mit der verdammten Pistole auf sich hatte. Ein kurzes Lächeln huschte über sein übernächtigtes Gesicht."

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