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Kolumne: Ein Gedanke:Der gute Verlierer

Kann nicht verlieren, gehen musste er aber doch: Donald Trump, der 45. US-Präsident, verlässt Washington am 20. Januar 2021 mit seiner Frau Melania.

(Foto: MANDEL NGAN/AFP)

Glänzende Gedanken, bestechende Ideen: Die Kolumne über Funde im Bücher- und Zeitschriftenregal. Diesmal mit Donald Trumps einzig nützlichem Vermächtnis.

Von Jens-Christian Rabe

Noch als der knappe Sieg Joe Bidens bei der vergangenen amerikanischen Präsidentschaftswahl so gut wie feststand, gelang es Donald Trump, der liberalen Welt einen letzten Schreck einzujagen. Er beschuldigte seinen Konkurrenten, die Wahl gestohlen zu haben, und kündigte an, seine Niederlage nicht einzugestehen. Es hätte nun zwar niemanden wundern sollen, dass dieser Mann sich mit dem Verlieren schwertut, aber es ging hier ja doch nicht nur um ihn. Es ging um ein politisches System, in dem es bis dahin selbstverständlich erschien, dass demokratische Wahlen Sieger hervorbringen, die sich feiern lassen können, und Verlierer, die ihre Niederlage einräumen müssen. Was ist eigentlich - ein paar Monate ist es erst her, dass die Frage ernsthaft im Raum stand -, wenn ein amerikanischer Präsident nicht verlieren will?

Heute ist klar, dass es nicht nötig ist, die Wahlniederlage einzugestehen, denn Donald Trump hat es noch immer nicht getan, aber Joe Biden ist längst als neuer US-Präsident im Amt. Weniger klar ist jedoch, ob die Sache damit erledigt ist. Der in Princeton lehrende deutsche Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller glaubt das nicht und bemerkt in seinem neuen Essay in der aktuellen Ausgabe 4/2021 des Merkur: "Wie so oft, wenn Populisten die liberale Demokratie herausfordern, merken wir, dass wir viel zu viel für selbstverständlich erachtet haben." Die Bedeutung des fairen Verlierers etwa, so Müller, würde oft unterschätzt in der liberalen Demokratie, die einen allzu leicht vergessen lässt, dass "Wahlen eigentlich immer im Schatten des Bürgerkrieges" stattfinden. Was uns daher fehle, sei eine "Theorie des guten Verlierers".

Parteien dürfen verlieren, sie bestehen lange genug, um sich davon zu erholen

Ein zentrales Element einer solchen Theorie müsse ein gesellschaftlich verbreitetes Bewusstsein dafür sein, dass es Formen des Verlierens gebe, die die Demokratie aktiv unterminierten. Populistische Parteien zum Beispiel behaupteten nach Niederlagen oft, dass an ihrer Niederlage zu sehen sei, dass "das System" korrupt sei und die "schweigende Mehrheit" unterdrücke, die sich als Mehrheit - wenn alles mit rechen Dingen zugehe - sonst ja anders, also für die Populisten, hätte entscheiden müssen. Zudem sei es keine Kleinigkeit, dass in liberalen parlamentarischen Demokratien mit Gewaltenteilung die Präsenz des Verlierers in den politischen Institutionen weiterhin gesichert sei. Die wichtigste Neuerung der modernen Demokratie gegenüber der antiken athenischen sei deshalb die einer "loyalen Opposition", die prinzipiell eine gegen die Regierung gerichtete Alternative sei, aber nicht grundsätzlich gegen das politische System. Starke Parteien seien in diesem Zusammenhang auch deshalb so bedeutsame Organisationen, weil sie lange Zeithorizonte hätten, innerhalb derer Phasen des Machtverlusts auch als Chance zur Regeneration begriffen werden könnten.

Ein Trump dagegen, so Müller, sei auch deshalb so gefährlich für die Demokratie, weil er nie verlieren dürfe.

© SZ/masc
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