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Dem Geheimnis auf der Spur:Die Albtraumfabrik

Millicent Lilian Entwistle hatte Talent und sie hatte einen Traum: Sie wollte in Hollywood ganz groß rauskommen. Ein Traum, der schnell zerplatzte.

(Foto: mauritius images / ARCHIVIO GBB)

Eine junge Schauspielerin stürzt sich im Jahr 1932 vom "H" des berühmten Hollywood-Schriftzugs und spukte danach angeblich als Phantom durch die Gegend. Wer war Peg Entwistle?

Dies ist die traurige Geschichte von Peg Entwistle, einer jungen Frau aus Wales, die von unvergänglichem Hollywood-Ruhm träumte - ihn auch irgendwie erlangte, aber ganz anders, als sie sich das vorgestellt hatte.

Millicent Lilian Entwistle wurde 1908 geboren, ihre Mutter starb früh, der Vater, ein Amerikaner, lebte in New York, also zog sie zu ihm. Doch auch er starb früh bei einem Autounfall in New York City. Die Waise Entwistle machte in der Stadt ein wenig Theaterkarriere, auch am Broadway, aber ihr großer Traum blieb der noch junge Film. In Boston hatte sie Schauspiel gelernt. In Ibsens "Wildente" soll sie mit 17 in der Rolle der Hedwig so hervorragend gewesen sein, dass die gleichaltrige Bette Davis nur ihretwegen Schauspielerin werden wollte und "einmal genau so gut werden wie Peg Entwistle".

Entwistle heiratete 1927 einen Kollegen vom Theater. Sie führte eine nur kurze, von häuslicher Gewalt überschattete, unglückliche Ehe. Als Schauspielerin tingelte sie mit mäßigem Erfolg weiter, 1932 landete sie mit einer Theatertruppe in Los Angeles. Es war die Zeit der Großen Depression, nicht nur die Theater schlossen damals reihenweise, Entwistle erhielt nicht immer Gage für ihre Darbietungen. Es war auch die Zeit, in der sich mehr und mehr der Tonfilm durchsetzte. Rollen in solchen Produktionen waren begehrt. Tatsächlich erhielt sie eine Rolle in der ersten Produktion, für die David O. Selznick, der spätere Filmmogul, verantwortlich zeichnete: "Thirteen Women". Es war die Verfilmung eines, man würde heute sagen, Pulp-Fiction-Romans, eine Trash-Fantasy um düstere Prophezeiungen und sexuelle Abgründe: Junge Frauen werden von übersinnlichen Kräften oder ihren eigenen Halluzinationen in den Tod getrieben.

Die "New York Times" bedachte den Film mit harschen Worten

Eine der im Titel genannten 13 Frauen spielte Entwistle. Die Hauptrolle gab man der damals seltsamerweise auf Asiatinnen-Rollen spezialisierten Myrna Loy. Im Sommer 1932 wurde der Film gedreht. Man kann ihn sich heute noch ansehen: www.dailymotion.com/video/x76uroj. Doch für den noch jungen Film, den Tonfilm zumal, galt: Man muss alle Erfahrungen erst noch machen. "Thirteen Women" bildete da keine Ausnahme. Die Umsetzung des Drehbuchs überzog das Budget dermaßen, dass man aus 13 Opfern zehn machte und alle Szenen drastisch kürzte. Entwistles Part wurde auf Komparsenmaß zusammengestrichen.

Das, was ihr Start in eine erfolgreiche Filmkarriere hätte werden können, versuppte in einem unausgegorenen Streifen, den die Kritik der New York Times mit harschen Worten bedachte: "Es ist Horror ohne Lachen, Horror, der zu schrecklich ist, um schick zu wirken, und zu dunkel, um als Absturz in puren Blödsinn durchzugehen." Für Myrna Loy, die mit einem einzigen somnambulen Gesichtsausdruck die düstere Wahrsagerin gibt, war es aber das Sprungbrett in den Ruhm. Auch mit viel gutem Willen versteht man heute nicht, wie das passieren konnte.

Entwistle erholte sich dagegen von dem Flop nicht. Noch bevor der Film in den Kinos anlief, war klar, dass es für sie keine Folgeaufträge mit Selznicks Studio geben würde. Die Traumfabrik hatte ihren Albtraum geschaffen. Am Abend des 16. September 1932 stieg Peg Entwistle auf den Mount Lee in den Hollywood Hills der Santa Monica Mountains. Dort standen schon damals die über 14 Meter hohen Buchstaben des Schriftzugs "Hollywood", allerdings noch ergänzt zu "Hollywoodland". Erst 1949 wurde das "land" von "Hollywood" gestrichen und es entstand das heutige Signet. Entwistle erklomm das zu der Zeit noch beleuchtete "H" und sprang in den Tod.

Zwei Tage danach wurde ihre Handtasche gefunden, dann erst die Leiche. Die Obduktion ergab, dass sie mehrere Brüche der Hüfte erlitten hatte und inneren Blutungen erlegen war.

"Ich fürchte mich, ich bin ein Feigling. Es tut mir alles so leid."

In ihrer Handtasche fand sich ein Zettel mit der Abschiedsbotschaft: "Ich fürchte mich, ich bin ein Feigling. Es tut mir alles so leid. Wenn ich das schon früher getan hätte, wäre viel Leid erspart geblieben. P.E." Sie sagt nicht, wem viel Leid erspart geblieben wäre. Doch irgendwie war Peg Entwistle nicht tot. In den frühen Vierzigerjahren stürzte genau dieses Todes-"H" um, Bauarbeiter richteten den Buchstaben wieder auf und bemerkten über die Tage der Arbeiten hinweg immer wieder eine anämische, orientierungslos wirkende, ja spukhafte Frauengestalt, die sie nicht ansprechen, identifizieren und nicht verfolgen konnten.

Park Rangers, Polizisten, Touristen, sogar Hunden erging es danach noch viele Male genauso: Immer wieder wurde im Umfeld des Schriftzugs eine weibliche Gestalt gesichtet, gekleidet in die Mode der Dreißigerjahre, die nicht zu fassen ist und einfach verschwindet. Dann hat die Pop-Kultur Entwistle für sich entdeckt: 1997 taucht die Figur "Peg Entwistle" in dem Film "Stand-ins" auf, der das frühe Hollywood behandelt. 2006 erscheint der lahme Horrorstreifen "After I'm Gone", der von Hollywoods Mythen berichten möchte, ein Jahr später der Film "Hollywood Sign Girls". Im Fernsehen taucht ihre Geschichte bereits 1957 in "This Is Your Life" auf, die BBC-Serie "Burn Hollywood Burn" beschäftigt sich 2007 mit ihr und natürlich alle Bette-Davis-Biografien.

1972 entsteht die Folk-Ballade "Mary C. Brown and the Hollywood Sign" von Dory Previn, in der es heißt: "Sie nahm den Malibu-Bus, um endlich zu ihrem 'Hollywood' zu gelangen und sprang vom ,H', weil sie kein Star wurde. Ein bisschen sah sie wie Hedy Lamarr aus." 2005 entsteht ein düsteres Klangexperiment der Band Lagoon mit dem Titel: "Peg Entwistle, Are You Listening?" Angeblich, doch das ist der fast zynische Teil dieser Hollywood-Legende, habe Peg Entwistle einen Tag nach ihrem Tod die Zusage für eine Hauptrolle bekommen. In einem Film über eine junge Frau, die von unguten Mächten in den Tod getrieben wird.

© SZ vom 27.06.2020

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