bedeckt München 20°

Debatte:Wer keine Helden braucht, hat aber mal welche gehabt

Das soll nicht mehr sein, lautet der postheroische Tenor. Statt dass Nationen ihre Armeen aufeinander hetzen und ihre Kriegstoten dann zu Helden verklären, sollten sie sich auf das Motto von Brecht besinnen: "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat." Eine wirklich freie und solidarische Gesellschaft braucht keine. Da muss sich niemand mehr für irgendwelche höheren Werte oder Zwecke aufopfern. Das ist richtig - zeigt aber, wie weit der gepriesene Westen von solcher Freiheit und Solidarität entfernt ist. Kommt er ohne Polizei und Militär aus? Öffnet er seine Landesgrenzen für alle Bedürftigen?

Vor allem aber macht der Brechtsche Slogan die Rechnung ohne Kinder und Jugendliche. Er ignoriert die Gesetze des Erwachsenwerdens. Denn Mündigkeit fällt nicht vom Himmel. Nur durch einen Bildungsprozess kommt man dahin, dass man keine Helden nötig hat. Wer aber keine mehr braucht, hat einmal welche gehabt. Kinder werden nur groß, indem sie sich zunächst mit dem Größeren ihrer Umgebung identifizieren. Aber muss dies Größere gleich etwas "Heroisches" sein? Genügt es nicht, ist es nicht sogar viel friedensfördernder, wenn sie sich mit großen Sportlern oder Popstars identifizieren? Nun, wenn sie das tun, das sind das ihre Helden. Oft ziemlich flache, es sei denn, sie kommen in der Arena oder im Showbusiness um. Dann umweht auch sie ein wenig alte Heroen-Aura.

Der Keim des Heroischen: alltägliche Zivilcourage

Der im Kampf für seine Gruppe, seine Sache, seine Überzeugung Sterbende ist nur der heroische Prototyp: der Extremfall. Unterhalb davon gibt es aber viele ganz alltägliche, unspektakuläre Schattierungen des Heroischen. Der Alltagstypus des Helden ist der, der eine Haltung, Einstellung, Sache verkörpert - und für sie einsteht. Einstehen heißt: notfalls Nachteile dafür in Kauf nehmen. Nachteile gibt es viele: Unwillen von Freunden, Kollegenmobbing, Karriereeinbußen, Gefängnisaufenthalt. Folter und Tötung sind nur die äußersten. Bei ihnen spricht man von Martyrium. Das ist der Inbegriff des Heroischen. Aber das Heroische fängt viel bescheidener an. Sein Keim ist die alltägliche Zivilcourage.

Ohne Alltagshelden gibt es keine nachhaltige Orientierung für den Nachwuchs. Der Haken an den Sport- und Popstars ist: Man erlebt nur ihr flüchtiges, mediales Glanzbild. Die Basisarbeit der Identifikation aber braucht dauerhafte Nähe. Sie findet statt, wo man in persönlichem Kontakt zu jemandem aufblickt, der glaubwürdig etwas verkörpert, sich dann aber auch an ihm reibt und sich von ihm absetzt, um selbst jemand zu werden. Solange die Identifikation mit solchen Verkörperungen unerlässlich fürs Erwachsenwerden ist, wird es eine rundum postheroische Gesellschaft nicht geben. Und doch gibt es postheroische Tendenzen. So ist etwa der respektheischende uniformierte Typus des allzeit opferbereiten Soldaten und Staatsbediensteten verblasst. Zum Glück. Allerdings verblasst mit ihm auch das Vorbild überhaupt. Aus der Pädagogik ist dieser Begriff regelrecht eliminiert. Statt vorbildlicher Lehrer werden Lernbegleiter gewünscht, die bloß noch einspringen, wo es beim Lernen hakt. Eltern sollen Ermöglicher sein, aber ihren Kindern doch bitte nicht Einstellungen und Umgangsformen auf herausfordernde Weise vorleben.

Vorbildentzug betrügt Kinder um die Identifikation

Vorbilder firmieren heute unter Frontalunterricht. Der soll nicht mehr sein, weder zu Hause noch in der Schule. Doch Vorbildentzug betrügt Kinder und Jugendliche um die Identifikation, ohne die sie nicht mündig werden können. Kein Wunder, wenn sie später um so heftigeren Nachholbedarf verspüren und sich hemmungslos mit höheren Mächten identifizieren, an denen es in ihrer Umgebung gefehlt hat.

Auf diese Identifikationsungeübten, an entscheidendem Punkt infantil Gebliebenen hat es der Islamismus im Westen abgesehen. In seinen Ursprungsländern tut er indessen alles, um seine Klientel im Infantilismus festzuhalten. Deren ungeheurer Mut zu Selbstmordattentaten für Allah entspringt ungeheurem Identifikationsdrill. Sie handeln gewissermaßen präheroisch: ohne dass je eigene Einsicht in ihnen reifen konnte. Präheroismus und Postheroismus sind Extreme, die einander berühren. Beide können platte, blinde Identifikation befördern. Dagegen hilft aber nicht Identifikationsvermeidung, sondern nur gründliche Identifikationsübung von klein auf. Und dazu braucht es Helden. Vor allem die ganz alltäglichen. Als Hürde zur Selbstbestimmung sind sie unschätzbar. Doch, frei nach Brecht: Unglücklich das Land, wo Helden zu Götzen werden.

Christoph Türcke ist Philosoph und hat an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig gelehrt. In Kürze erscheint sein Buch "Umsonst leiden. Der Schlüssel zu Hiob" (zu Klampen Verlag).

RAF Die bleibende Last der RAF-Zeit

40 Jahre Deutscher Herbst

Die bleibende Last der RAF-Zeit

Vor vierzig Jahren begann der sogenannte Deutsche Herbst. Der RAF-Terror hinterließ Spuren in Deutschland. Auch in der Justiz: Die Ausnahmegesetze zur Terrorbekämpfung wurden nie aufgeboben.   Von Heribert Prantl