Gabriela Adameşteanu:Geschönt und gescheitert

Tag der 1 der Leipziger Buchmesse 2018 Auch in diesem Jahr werden wieder tausende auf der neuen Mes

Die rumänische Schriftstellerin Gabriela Adameşteanu.

(Foto: Christian Grube/imago/Christian Grube)

Eine geheime Affäre in einem Land, in dem der Geheimdienst mehr über dich weiß als du selbst: Gabriela Adameşteanus Roman "Das Provisorium der Liebe" spielt in der Ceauşescu-Zeit.

Von Christoph Schröder

"L'Air du Temps" heißt das Parfum, das Sorin seiner Geliebten Letitia zum Geburtstag schenkt. Jahr für Jahr die gleiche Flasche, die sie in das Regal im Bad stellt, ohne dass ihr Ehemann Petru Notiz davon nimmt. Und natürlich ist der Name des Parfums symbolisch aufgeladen in Gabriela Adameşteanus Roman, der auf verschlungenen Wegen von der Macht der Zeit erzählt, von der Ohnmacht des Einzelnen im Strom der Geschichte - und von den Versuchen, das Private gegen das Politische in Schutz zu nehmen. Versuche, die fehlschlagen.

Gabriela Adameşteanu, geboren 1942, gehört zu den wenigen Intellektuellen, die im Rumänien der Ceauşescu-Zeit insofern standhaft geblieben sind, als sie die Zusammenarbeit mit der Securitate verweigert und weiter publiziert haben, ohne ihre moralischen Grundsätze zu verraten. "Der verlorene Morgen", ihr im Original 1983 erschienener Roman, belegt das. Dessen Übersetzerin Eva Ruth Wemme wurde 2019 für ihre Arbeit mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Der Roman "Das Provisorium der Liebe", der jetzt auf Deutsch erscheint, ist in Rumänien 2010 herausgekommen. Er spielt in der frühen Ceauşescu-Ära, in den 1960er- und 1970er-Jahren, spannt aber einen zeitlichen Bogen in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Der 23. August 1944, der Tag, an dem König Michael I. Ion Antonescus Militärdiktatur stürzte und sich gegen Hitler-Deutschland an die Seite der Alliierten stellte, ist das dunkle Gravitationszentrum des Buchs. Dieser Tag entschied über das Schicksal mehrerer Generationen von Familien, und rückblickend betrachtet ebnete er dem Kommunismus in Rumänien den Weg.

Die "Familienakten" befördern oder verhindern Karrieren und machen Menschen erpressbar

"Provizorat" heißt Adameşteanus anspruchsvolles Buch im Original. Das Provisorische, auf das hier angespielt wird, erstreckt sich nicht nur auf persönliche Beziehungen; vielmehr erscheint das gesamte Staatsgebilde als ein von Erstarrung und Paranoia zusammengehaltener Organismus, der permanent angefressen wird von der Macht niemals verschwindender Akten. Unheilvoll ist das, doch Adameşteanus Prosa ist nicht düster, sondern eher surreal aufgeladen. Im Zentrum der Erzählung steht die heimliche Liebe zwischen Letitia und Sorin. Sie sind Kollegen, sie Schriftstellerin, er Propagandasekretär - beide arbeiten in einer, hier passt das Wort tatsächlich, kafkaesken Behörde, die im Roman nur "das Gebäude" heißt, ein Sammelpunkt von Geschichten, von gescheiterten und geschönten Lebensläufen, Rachefantasien und Zukunftsvisionen.

Dass die Securitate alles, was im Gebäude gesprochen wird, abhört, versteht sich. Trotzdem gelingt es Letitia und Sorin, ihre Beziehung über Jahre hinweg geheim zu halten. Der Einzige, der eingeweiht ist, ist ein Arbeitskollege, in dessen Wohnung sich das Paar einmal wöchentlich trifft. Währenddessen versucht Letitias Ehemann Petru, ein Verlagslektor, seine Karriere voranzutreiben. Seine Bemühungen scheitern, davon ist er überzeugt, auch an Letitias Familiengeschichte, die eng mit der von Sorins Familie verbunden ist. Ein heilloses Geflecht aus Opportunismus und Verrat.

Der zumindest in einer Hinsicht bruchlose Übergang von der Militärdiktatur in das kommunistische System schlägt sich in "Das Provisorium der Liebe" in "Familienakten" nieder, die Karrieren befördern oder verhindern und Menschen erpressbar machen können. Das Entscheidende daran ist: Die Akten haben Gültigkeit. Bis in die Erzählgegenwart, bis in die 1970er-Jahre hinein, und wer die frühen Bücher Herta Müllers kennt, der weiß, dass dieser Zustand selbst nach 1989 fortdauerte.

In der politischen Lage wirkt die kleine Wohnung, in der sich Letitia und Sorin treffen, wie eine aus der Welt gefallene Kapsel. Doch auch dort dringt bald das Politische ein. Selbst das heimliche Privatleben ist nicht privat, und auch das, was für ein Selbstbewusstsein stehen könnte, das Wissen um die eigene Herkunft, ist bei Adameşteanu Erschütterungen ausgesetzt. Sorin beispielsweise glaubt, bei seiner Mutter und seinem Adoptivvater aufgewachsen zu sein, doch wäre es innerhalb der Romankonstruktion möglich, dass sein Adoptivvater sein leiblicher Vater war, während sein angeblicher leiblicher Vater sich im Mai 1944 einer versprengten Wehrmachtseinheit angeschlossen haben könnte, um in Deutschland unter einem Tarnnamen zum Professor zu werden. So vermutet es ein Securitate-Offizier.

Gabriela Adameşteanu: Gabriela Adameşteanu: Das Provisorium der Liebe. Roman. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme. Aufbau Verlag, Berlin 2021. 480 Seiten, 26 Euro.

Gabriela Adameşteanu: Das Provisorium der Liebe. Roman. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme. Aufbau Verlag, Berlin 2021. 480 Seiten, 26 Euro.

Gabriela Adameşteanu verlangt ihren Leserinnen und Lesern gerade im Mittelteil ihres auf verschiedenen Zeitebenen spielenden Romans viel ab, verknüpft in den beiden Schlusskapiteln dann aber sämtliche Erzählfäden, ohne sich dabei historische Kurzschlüsse oder charakterliche Vereinfachungen zu gestatten. Und sie schreibt großartige Sätze: Bukarest, so heißt es einmal, sei "ein durchsichtiges Aquarium mit täglich zu wechselndem Wasser, damit die Geschichten überleben."

Am Ende hat der Lauf der Zeit Sorins und Letitias Körper verändert. Gewissheiten haben sie noch immer nicht. Ein geheimnisvolles Traktat zur Zukunft des Landes, aus dessen Erstellung ihre Behörde ihre Existenzberechtigung gezogen hat, wird von der Staatsführung verworfen. Nun wird aufgeräumt und aussortiert. Und Letitia widerfährt, was sie über all die Jahre hinweg mit großem Aufwand hatte verhindern können: Sie wird schwanger. Die Familiengeschichte geht weiter. Diese sei, so formuliert es ein Securitate-Leutnant, "nicht das gewöhnliche Klimbim", sondern ein "symbolträchtiger Kadaver".

© SZ
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