Das ist schön Frei heraus

Mündliches Märchenerzählen wurde zum immateriellen Kulturerbe erklärt

Von Barbara Hordych

Es waren einmal die drei Schwestern Grimm, die in dreijähriger Pionierarbeit alle zweihundert Märchen der Brüder Grimm aus den Buchdeckeln befreiten und erzählten - so schaurig-scheußlich, anschaulich und frech, dass die Kunde davon weit über die Stadtmauern von München hinaus drang. So gingen auch die drei Fabuliererinnen auf Erzähltour in die weite Welt hinaus. Kehrten aber glücklicherweise immer wieder nach Hause zurück. Wo sie im vergangenen Dezember beispielsweise für einen Märchen-Marathon auf der Gasteig-Bühne standen.

Anders als bei einer Theatervorstellung war der Zuschauerraum dabei hell erleuchtet, so dass ein direkter Kontakt zwischen Erzählerinnen und Zuhörern entstand. Wenn sie dann wortgewaltig berechnendes Tun (Pechmarie) und gutes Tun (Goldmarie) gegeneinander abwogen oder von der schönen Königstochter Allerleirauh berichteten, die vor ihrem Vater flieht, weil der sie nach dem Tod seiner Frau zu heiraten begehrt, dann spielten sie diese Personen nicht, sondern erzählten von ihnen. Übrigens jedes Mal aufs Neue und jedes Mal etwas anders.

Und es begab sich etwa zur gleichen Zeit, dass ein Gute-Stube-Festival in München in private Wohnzimmer lud. Die Gastgeber öffneten dafür wundersamerweise fremden Gästen ihre Wohnzimmer. Freilich braucht es in Zeiten, in denen flink strickende und ebenso fabulierende Großmütter immer rarer werden, solche Initiativen, um das Erzählen am Leben zu erhalten. Je gelungener dabei die Geschichte vorgetragen wird, "desto größer wird ihre Anwartschaft auf einen Platz im Gedächtnis des Hörenden, desto vollkommener bilden sie sich seiner eigenen Erfahrung an, desto lieber wird er sie schließlich eines näheren oder ferneren Tages weitererzählen", schrieb einst Walter Benjamin. Dass die deutsche Unesco-Kommission das Märchenerzählen jetzt zum immateriellen Kulturerbes erklärt hat, das ist schön.