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Serie "Lokalrunde":Wie ein Tatort ohne Täter

Lieblingskneipe

Bis die Stammkneipe wieder aufmacht, dauert es wohl noch ein wenig. Bis dahin erzählen Schriftstellerinnen und Schriftsteller von ihrer Lieblingsbar.

(Foto: Steffen Mackert)

Bernd Cailloux vermisst - gastronomisch gesehen - einiges, besonders aber eine Männerrunde im "Gottlob". Auch, wenn die Abende abliefen wie in einer Sitcom.

Jetzt darf die Gastronomie peu à peu wieder aufmachen, Biergärten zuerst, Bars in unbestimmter Zukunft. Aber auch im Restaurant muss die Distanz natürlich gewahrt werden. Und es bleibt einem bange: Welche Lokale werden das überleben? Wie soll das werden, Abstand halten in der Kneipe? Zur Überbrückung der Ungewissheit haben wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller um Erinnerungen an ihre Lieblingslokale gebeten.

Was mir - gastronomisch gesehen - zurzeit fehlt? Oh je, die ganze Palette, abhängig von der Tagesform. Mittwochs zum Beispiel vermisse ich Achmeds brüchigen Imbisskiosk neben der Nationalgalerie. Dort lassen wir nach dem Kicken im Tiergarten mit dem Radler in der Hand die Beine baumeln - auf einem Mäuerchen an der alten Potse, die in Westberlin seltsamerweise "Entlastungsstraße" hieß. Die Truppe nennt sich "die Banker", zwei Stürmer von der KfW, ein harter Verteidiger vom Wirtschaftsministerium, in der Tagesschau steht er oft mit Mappe ein paar Schritte hinter Herrn Altmaier. Sie kommen meistens zu spät, legen Anzug und Schlips ordentlich auf dem Rasen ab und fehlen mir gerade jetzt - keine Infos aus erster Hand, Kicken verboten.

Nahezu täglich vermisse ich das Lesezimmer in der Theodor-Heuss-Bibliothek. Nach langer Bildschirmarbeit ein wichtiger Gang ins Freie - vom Kleistpark über die schon Franz Hessel schockierende, an Billigläden reiche Hauptstraße, dem Boulevard der Dämmerung, bis zur behördlichen Ruhezone. Dem einstöckigen Flachbau spendierte der Senat gerade einen klotzigen Fahrstuhl, dazu einen klasse Kaffeeautomaten, also Lektüre mit 50-Cent-Cappuccino. Mir fehlt dieser Ort, an dem es mir für 'ne Stunde an nichts fehlt. Bei Lage der Dinge hat dieses Billiglesen Zukunft.

Am meisten jedoch vermisse ich werktags eine Runde Männer, die kürzlich noch gegen sechs nacheinander wie zufällig ins "Gottlob" einliefen und mit ihrer Pilsbegeisterung das Restaurant zur Kneipe machten. Sie begannen sofort ein Dauergespräch, unterbrochen von Lachern im Minutentakt.

Früher tagten die Trinkgruppen in Schöneberg bis morgens um sechs

Allein am Tisch, vor mir die grimmige Zeitung, hatte ich die Gruppe monatelang beobachtet - so heiter und entspannt wollte ich auch gerne sein. Es gelang. Einer kannte eins meiner Bücher, winkte mich ran, gutes Buch. Von da an saßen und standen wir beieinander am Ende des Tresens, Männer im mittleren Alter, der Stefan, der Rainer, Kai und Micha eins und Micha zwei, jeder ein Kapitel für sich.

Trinkgruppen haben ja Tradition im Herzen von Schöneberg, nur dass sie früher bis morgens um sechs tagten und heute bis abends um sechs. Wo in Zeiten der Hegel-Kreise und Literaturzirkel bierernst diskutiert wurde, läuft es heute wie in einer Sitcom, um acht ist's vorbei.

Die Gruppe Gottlob beherrschte das, alle in sicheren Jobs, Hallodris und gute Kumpels, ein Firmenbesitzer, Eric, der 19 Angestellte beschäftigt - so viele wollte er gar nicht. Täglich teilten wir diese spezielle, die Gesichter aufhellende Freude, sich wie spontan in der Kneipe zu treffen und bei frisch gezapftem Pils drauflos zu quatschen - das Gefühl für den Feierabend war noch nicht im Home-Office untergegangen, in diesem Herbst, im Winter ..

Benn trank allein, besser ist's in gruppo

. Auch wenn es mich mitunter beschämte - der Hang, in Kneipen zu gehen, bleibt ungebrochen. Die gute Kneipe ist immer großes Kino, sie garantiert Erlebnisse, kleine Fluchten in Illusionen, alles scheint machbar, Herr, Frau Nachbar. Hier wird Ich ein anderer, man findet sich, man verliert sich. Einsamkeit als Gruppenerlebnis nannten wir das damals, eine hartlinke Selbstkritik, als das Kneipenleben zur Existenzform wurde ... hier im Akazienkiez, der Goltz bis zum Nolli. Nur zwei Blocks entfernt hatte Gottfried Benn im Gasthaus "Flint" seine drei, vier Würzburger Hofbräu genommen und wenig Hoffnung gemacht. "Flüchtiger, du musst die Augen schließen / denn was eindringt ist kein großes Los / abends im Lokal ist kein Genießen / selbst an diesem Ort zerfällst du bloß." Benn trank allein, besser ist's in gruppo.

Tatsächlich stand eines Abends im März der Elefant im Raum. Wir kriegten die Krise - zunächst unverstanden, schlich sie aus dem fernen Wuhan heran. Noch wurde am Tresen gescherzt und gegoogelt, so what. Der Optiker nebenan dekorierte seine Brillen mit Bierflaschen, Marke Corona. Handybilder mit halbwitzigen Virus-Memes wurden herumgereicht, während auf meinem Wochenmarkt die türkischen Händler riefen: Ananas essen, Corona vergessen.

Eine Woche später riefen sie das nicht mehr. Eric sagte nur, Kurzarbeit ... eine lange Durststrecke drohte, eine Katastrophe, vorbei die blaue Stunde, die Realität, wie wir sie kannten, ging in die Knie. Klaus rief per Whatsapp, wer noch mal von einer großen Herausforderung spricht, kriegt was aufs Maul. Die Reihen lichteten sich, noch ein letztes frisch gezapftes Pils, der Tresen bereits mit rot-weißen Signalbändern gesichert wie ein Tatort ohne Täter. Allein Kai kam noch vorbei und brachte mir Schutzhandschuhe, du Risikogruppe. Stühle hoch, Vitrinen geleert, die schöne Saaltochter Karin sperrte das "Gottlob" zu, mit schwerem Eisengitter vorm Eingang. Zum Abschied drückte sie mir ein Päckchen mit Kuchen in die Hand, das verkommt ja sonst.

Ein Dutzend Lokale in der Akazienstraße, unserem Ku'damm, sind seither geschlossen. Versprengte Kneipengänger aus der Gegend versammeln sich mit ihren Halbliterflaschen vor der Hausnummer 22. Drei junge Musikerinnen geben dort jeden Abend ein super Balkonkonzert - ein kleiner Trost für die Männer und alle, die dort zusammenstehen.

© SZ vom 13.05.2020/tmh
Judith Prockl

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