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Corona und Kultur:Soft Power mit harter Währung

Jean Michel Jarre at Baalbeck International Festival

Der französische Elektromusik-Komponist Jean-Michel Jarre - hier bei einem Konzert 2016 - ist einer von mehr als 7,6 Millionen Menschen, die in Europa im Kulturbereich arbeiten. Er gehört auch zur Künstlervereinigung Gesac, die jetzt eine kulturpolitisch interessante Studie vorlegte.

(Foto: Wael Hamzeh/dpa)

Kaum ein Bereich ist in Europa von der Corona-Krise so hart getroffen wie der künstlerische. Eine Studie belegt das und arbeitet den Stellenwert von Kultur heraus - vor allem auch als Wirtschaftszweig.

Von Catrin Lorch

Die Empörung ist Jean-Michel Jarre anzumerken: Er habe es als "puren Zynismus" empfunden, als britische Politiker den Kreativen zu Beginn der Corona-Krise geraten hätten, sich doch einfach einen anderen Job zu suchen. "Wir stehen in einer Verantwortung. Europa ist weltweit ein Modell für den Umgang mit Kunst und Kultur", sagte der französische Komponist und Produzent elektronischer Musik am Dienstag bei einer digitalen Pressekonferenz, bei der die europäische Autoren- und Komponistenvereinigung "Gesac - The European Authors' Societies" die von der Beraterfirma EY erarbeitete Studie "Rebuilding Europe: The cultural and creative economy before and after the COVID-19 crisis" vorstellte. Es ist eine Aufschlüsselung, wie sich die Corona-Krise wirtschaftlich auf Kunst und Kultur ausgewirkt hat.

Zunächst macht sie aber deutlich, wie gewaltig das ist, was man wirtschaftlich als Kulturbereich versteht: Mehr als 7,6 Millionen Menschen - darunter 48 Prozent Frauen - arbeiten in Europa als Architekten, Autoren, Musiker, Journalisten, Schauspieler, Maler, Sänger und Werber. Sie erwirtschaften einen Gesamtumsatz, der mit 253 Milliarden Euro im Jahr 2019 deutlich größer war als der Umsatz der Automobilindustrie (107 Milliarden Euro) oder der Telekommunikation (187 Milliarden). Und Vergleiche mit einer ähnlichen Erhebung aus dem Jahr 2014 ergaben dynamische Wachstumsraten von um die zwei Prozent - bis zum vergangenen Frühjahr.

Denn kaum ein Bereich ist von Corona so getroffen wie die Kulturindustrie. Für das zurückliegende Jahr rechnet man mit 31,2 Prozent Einbruch, nur die Flugindustrie ist mit 31,4 Prozent stärker getroffen. In den Bühnenkünsten schrumpfte der Umsatz sogar um 90 Prozent. Insgesamt gingen 199 Milliarden Euro verloren, derzeit seien mehr als zwei Millionen Jobs gefährdet. Dass Festivals wie das britische Glastonbury bereits abgesagt wurden, sei ein "fatales Signal", sagte in diesem Zusammenhang Jean-Noël Tronc, Direktor der Künstlervereinigung Society of Composers, Authors and Music Publishers (Sacem). In vielen Bereichen habe man ein Jahr ohne Einkommen knapp überstanden - und sehe sich immer noch vor unsicheren Monaten.

Die Studie liefert Zahlen und Argumente für eine grundsätzlich neue Kulturpolitik

Anders als viele annehmen, ist der Bereich nicht durchsubventioniert: Nur 10,8 Prozent beträgt der Anteil öffentlicher Finanzierung durch nationale und lokale Regierungen, Tendenz - vor der Pandemie - fallend. "Es geht jetzt um schnelle Maßnahmen, damit ein sicheres und stabiles Umfeld für Kreative geschaffen wird", sagte Tronc. "Immerhin sind ein Drittel der Beschäftigten Freelancer und Kleinunternehmer, eine anfällige Szene." Voraussetzung, dass der Sektor überhaupt überleben könne, sei die Absicherung von intellektuellem Eigentum - an Buchtiteln, Songs, Animationen oder Drehbüchern. Tronc: "Es wird eine der großen Fragen sein, wie man sie weltweit schützt, da ist der Kultursektor durchaus der Industrie mit ihren Innovationen und den Ergebnissen der Forschungen in den Naturwissenschaften vergleichbar."

Das Zahlenwerk enthält wesentlich mehr als Argumente für betroffene Künstler, Kreative, Behörden und Politiker. Man könnte es auch als Basis für eine grundsätzlich neue Kulturpolitik lesen. Einerseits wird Kultur zwar durchaus auch als die "Soft Power" beschrieben, als heilsame Kraft, "die in der post-pandemischen Gesellschaft kathartisch wirken kann". Andererseits sei Kultur als Industrie mit anderen großen wirtschaftlichen Bereichen vernetzt - beispielsweise dem Tourismus oder Gastgewerbe.

"Kultur und Kreativindustrie wirken als Beschleuniger für gesellschaftliche, soziale und nachhaltige Entwicklung", heißt es in der Zusammenfassung. Eine massive öffentliche Förderung und private Unterstützung seien zusammen mit einer juristischen Absicherung nach dem Einbruch durch die Krise der einzige Weg, diesen Wirtschaftszweig zu festigen. Nach den zurückliegenden Monaten, in denen in Deutschland kulturelle Einrichtungen darum kämpfen mussten, dem Bildungs- und weniger dem Freizeitbereich zugeschlagen zu werden, hat diese Wertanalyse etwas Bestärkendes. Die Studie belegt, dass Politiker, die in Kultur investieren, mittels Subventionen oder wirtschaftlicher Hilfen, nicht in Freizeitspaß Geld versenken, sondern einem bedeutenden Wirtschaftsbereich durch die Krise helfen.

© SZ/cd
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