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Kultur in Corona-Zeiten:So könnte man Museen im Lockdown nutzen

Castello di Rivoli castle, near Turin, Italy vintage look (silviacrisman)

Sonst ein Museum, jetzt außerdem Impfzentrum: Das Castello di Rivoli in der Nähe von Turin.

(Foto: Imago Images)

Während unsere Häuser geschlossen sind, nutzt man sie anderswo als Impfzentren: Warum Museumsmacher auf kontrollierte Öffnungen drängen.

Von Catrin Lorch

Dass Museen "seit Beginn der Pandemie nicht als Orte des Infektionsgeschehens aufgefallen sind", schreiben mehr als ein Dutzend Direktoren und Direktorinnen deutscher Museen in einem Brief an die Kulturministerkonferenz und Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur. Sie suchen nach Wegen, den "Hunger auf Kultur" zu stillen.

Während Eva Kraus, die Leiterin der Bundeskunsthalle in Bonn, in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk die Befürchtung äußerte, ihr Publikum dauerhaft zu verlieren ("irgendwann gewöhnt man sich daran"), fragt Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung NRW, im SZ-Interview: "Wo sind in unserer Gesellschaft die Orte, an denen man sich geschützt aufhalten kann? Wir können Rettungsinseln sein." Ihnen allen geht es vor allem darum, Kunsterlebnisse inmitten der Pandemie wieder möglich zu machen.

Aber die Museen gingen während der vergangenen Monate auch weiter, sie boten an, ihre oft riesigen Säle und Hallen für Schulklassen zu öffnen, die während der Pandemie aus Platzmangel in ihren Gebäuden nicht unterrichtet werden können. Schon während des ersten Lockdowns im Frühjahr hatte Gaensheimer Online-Vermittlungsprogramme für Schüler gestartet und Klassen eingeladen, im Museum die Unterrichtszeit zu verbringen.

Auch ihre Kollegin Christina Végh, Direktorin der Kunsthalle Bielefeld, sah sich in der Pflicht, kreative Lösungen zu suchen für eine außergewöhnliche Zeit: "Ich würde den Schulen gerne zurufen: Wir sind da!" Zudem stünden nicht nur die Ausstellungssäle und Werkstätten leer, auch seien Museumspädagogen durchaus in der Lage, Schulklassen angemessen zu bilden.

Internationale Museen werden genutzt, zum Beispiel als Impfzentren

Doch während deutsche Behörden offensichtlich den leer stehenden Raum mehr oder weniger abgeschrieben haben, zeichnet sich international mehr Einfallsreichtum ab: Museen werden als Flächen für die Corona-Bekämpfung genutzt, ganz direkt. Im Londoner Science Museum etwa, einem Touristenmagnet im Stadtteil Kensington, der seit Monaten geschlossen ist, wird derzeit unter der Leitung des britischen Gesundheitssystems NHS ein Impfzentrum eingerichtet, das voraussichtlich im Februar eröffnet wird, wie das britische Kunstmagazin Art Newspaper schreibt.

Auch im Black Country Living Museum in Dudley - das Fernsehzuschauern als Kulisse der Serie "Peaky Blinders" vertraut ist - werde noch im Januar ein Impfzentrum eingerichtet, während im Thackeray Museum of Medicine in Leeds schon seit Dezember geimpft werde.

"Einige der ersten Museen der Welt waren Krankenhäuser."

Konzeptuell ist unter den umgerüsteten Museen vermutlich das von Carolyn Christov-Bakargiev geleitete Castello di Rivoli das avancierteste: Das Pilotprojekt trägt den Titel "L'Arte Cura - Art Helps". Das Museum habe eng mit den Gesundheitsbehörden von Rivoli, einem Vorort der Großstadt Turin, zusammengearbeitet und warte jetzt auf die Zulassung durch das italienische Gesundheitsministerium, heißt es in einer Pressemitteilung.

Carolyn Christov-Bakargiev, die Direktorin des Museums, wird mit der Feststellung zitiert, dass "Kunst immer geholfen und geheilt hat". Der Barockpalast, in dem das Museum residiert, sei gut vorbereitet - es gebe ausreichend Raum, um die geltenden Hygienemaßnahmen umzusetzen, zudem seien die "freundlichen Museumswächter" darin geübt, das Verhalten der Besucher zu überwachen. Christov-Bakargiev: "Kunst kann eine Form der Therapie sein und ein Weg, Traumata zu behandeln. Tatsächlich waren einige der ersten Museen der Welt Krankenhäuser - und wir möchten uns jetzt dafür erkenntlich zeigen."

Es sei unverständlich, so Christov-Bakargiev, die in Deutschland vor allem als künstlerische Leiterin der 13. Documenta bekannt ist, warum all die Museen, deren Ausstellungen geschlossen wurden, nicht der Öffentlichkeit in anderer Form zugänglich gemacht werden können. Man habe nicht nur modernste Klimaanlagen installiert, sondern auch Thermo-Scanner, die überwachen, ob Menschen, die Fieber haben, im Publikum sind. Im mehr als 10 000 Quadratmeter großen dritten Stock des Schlosses wurden Impfkabinen eingebaut, ein Wartesaal und ein Bereich, in dem frisch Geimpfte betreut werden. Weil die Kunst nicht abgebaut wurde, können die Besucher während der Behandlung die Wandmalerei der Schweizer Künstlerin Claudia Comte betrachten, bevor sie das umfunktionierte Museum dann nach einem Rundgang durch die Schausammlungen im ersten und zweiten Stock verlassen. Der Besuch ist übrigens kostenfrei.

© SZ/jhl
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