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Coronavirus:Alle Maschinen stehen still, nur das Internet nicht

Die Welt sitzt vor dem Laptop - aber zu Hause.

(Foto: AP)

Das Netz erlebt eine Art Wiederauferstehung längst vergessener Ideale: Alle reden mit allen. Und haben immer sofort dieses eine Gesprächsthema.

Es gibt Artefakte aus der Vergangenheit, die die Gegenwart vorwegnehmen. Eines dieser Kulturwerke ist E. M. Forsters Science-Fiction-Kurzgeschichte "Die Maschine steht still". Aufgrund einer nicht näher erläuterten Katastrophe können die Menschen nicht mehr ins Freie. Sie hausen nun in unterirdischer Isolation in standardisierten Wohnräumen. Alle physischen und psychischen Bedürfnisse werden von eben jener Maschine bedient, der die Geschichte ihren Namen verdankt.

Forster sah im Jahr 1909 nicht nur einen Zustand der Quarantäne voraus, wie wir ihn jetzt erst seit einer Woche erleben, sondern auch das Instrument zu deren Linderung. Und seine Maschine hat Ähnlichkeiten mit dem Internet. Es gibt die Möglichkeit, mit den anderen Menschen mittels Videotelefonie Kontakt zu halten, und zu jeder Frage des Alltags wird die Maschine befragt. Die Aufgabe der Bewohner: Ihre Ideen ins Netz einzuspeisen und neues Wissen zu produzieren.

Wenn man das permanente Anfertigen von Memen und witzigen Twitter-Clips als neues Wissen durchgehen lässt, ähnelt Forsters Szenario der Gegenwart. Die Maschine "Internet" lindert die sozialen Engpässe der Quarantäne.

Doch hier fehle es an zufälligen Begegnungen, meinen die beiden Medienkünstler Danielle Baskin und Max Hawkins, an Leuten, die nicht zum engen Zirkel gehören. Deshalb haben sie die Website "Quarantinechat.com" entwickelt, auf der man mit zufällig ausgewählten Nutzern auf der ganzen Welt verbunden wird. Weil das ganze über die App "Dial Up" abgewickelt wird, entstehen nicht einmal Gebühren.

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Das Projekt "Loveisquarantine.com" dreht den Pegel noch eine Stufe höher und versucht Menschen miteinander zu verbandeln. Interessierte geben ihre Telefonnummer und ein paar persönliche Details an, die beiden Macher sind die Kuppler, und natürlich geben alle Beteiligten hinterher auf Instagram darüber Auskunft, wie es lief. Eine russische Kreativagentur namens Shishki hat derweil die "staythefuckhome.bar" ins Leben gerufen. Hier wird man über Videochat mit bis zu zwölf anderen Menschen verbunden.

Neu sind solche Angebote nicht. Schon vor mehr als zehn Jahren gab es "Chatroulette", das zu schneller und trauriger Berühmtheit gelangte. Vor allem, weil es nicht unwahrscheinlich war, dass der zufällig ausgewählte Gesprächspartner ungefragt seine Genitalien in die Kamera hielt.

Ein bisschen Hoffnung auf Anstand

Es bleibt ein bisschen Hoffnung, dass in einem solchen Moment wie jetzt jedoch selbst hart gesottene Internet-Trolle zu ein wenig Anstand zurückfinden und die Hosentür zulassen. Vor allem, weil wir es jetzt wohl das erste Mal erleben, dass die Effekte der Globalisierung jeden treffen. Egal, ob man nun mit Menschen aus Russland, Italien oder Chile spricht, egal, ob mit Professoren oder Friseuren - man hat immer sofort nur ein Gesprächsthema, zu dem auch jeder eine Meinung und eine persönliche Erfahrung hat.

In Forsters Erzählung kommt es, ohne zuviel zu verraten, letztendlich zum Kollaps der Maschine. Doch auch, wenn die Netzknotenpunkte heißlaufen, deutet momentan nichts darauf hin, dass das Internet zusammenbricht. Im Gegenteil.

Das Coronavirus, meint Kevin Roose, er ist Kolumnist der "New York Times", zwinge uns nun dazu, das Netz dafür zu verwenden, wofür es einmal gedacht war. Zur Vernetzung, zur Informationsbeschaffung und zur Kollaboration. Es wimmelt vor virtuellen Literaturabenden, Kunstkursen und Jam-Sessions. Vielleicht erleben wir jetzt also eine humanere Form des digitalen Daseins, so wie es sonst nur in schmalzigen Werbespots von Internetprovidern dargestellt wird.

© SZ vom 23.03.2020/jab
Young woman using laptop and cell phone late at night model released Symbolfoto PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY AFV

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