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Comickolumne:Revolver-Helden

Bis zum bitteren Ende
(Foto: Splitter-Verlag)

Auf dem Motorrad durchs Monument Valley: Western-Comics, die aus Frankreich auf den deutschen Markt kommen, zeigen, wie lebendig und vielfältig das Genre ist.

Von Christoph Haas

Als der deutsche Filmkritiker Joe Hembus an seinem großartigen Westernlexikon arbeitete, Anfang der Siebziger, da war er sich bei manchen Filmen nicht sicher, ob sie in sein Buch gehörten oder nicht. Ein Freund gab ihm den pragmatischen Rat: "Kommen Pferde vor? Wird geschossen? Ja? Dann tu' ihn mit rein!" An diese Sätze muss man bei den zahlreichen Western-Comics denken, die zur Zeit, aus Frankreich kommend, auf dem deutschen Markt erscheinen. Sie belegen nicht nur, wie überraschend vital, sondern auch wie vielfältig dieses altehrwürdige Genre sein kann.

An die frühen, pessimistischen Spätwestern der Fünfziger, speziell an die Filme Anthony Manns, knüpft Bis zum bitteren Ende von Jérôme Félix (Text) und Paul Gastine (Zeichnungen) an. Russell, ein bärbeißiger, alter Cowboy, will sich auf einer Farm in Montana zur Ruhe setzen, zusammen mit Kirby, seinem jungen Gehilfen, und Emmett, einem Waisenjungen. Vor ein paar Jahren hat Russell den naiven Halbwüchsigen zu sich genommen und hängt an ihm, als wäre er sein eigener Sohn. Als das Trio in einer Stadt Station macht, kommt Emmett ums Leben. Die Einwohner beharren auf einem Unfall, Russell aber glaubt, dass sein Schützling getötet worden ist, und verlangt, dass ihm der Schuldige ausgeliefert wird. "Bis zum bitteren Ende", von der französischen Kritik zu Recht hoch gelobt, ist ein außergewöhnlicher Western. Die Wendungen des Geschehens sind keine Plot Twists im gewöhnlichen Sinne; sie dienen eher dazu, die Schwerpunkte der Aufmerksamkeit von einer Figur zu einer anderen zu verlagern. Hervorragend ist auch das Artwork: mitunter fast fotorealistisch, aber nie steif, zudem eigenständig, während in Western-Comics sonst sehr oft der übermächtige Einfluss des "Leutnant Blueberry"-Zeichners Jean Giraud zu spüren ist (Splitter).

Nevada
(Foto: Splitter-Verlag)

In dessen Fußstapfen wandert seit Jahren Colin Wilson. Der gebürtige Neuseeländer hat Jugendabenteuer Blueberrys gezeichnet; mit Nevada (Text: Fred Duval und Jean-Pierre Pécau) begibt er sich ins Hollywood der frühen Tonfilmära. Wild ist der Westen immer noch, aber auf andere Weise als zuvor. Nevada Marquez durchquert das Monument Valley auf einem Motorrad, als Ausputzer im Dienst einer großen Filmfirma. In Lonestar muss er einen Cowboydarsteller zurückholen, der sich nach Tijuana abgesetzt hat. Wie in "Django" kommt ein Maschinengewehr zum Einsatz, und wie in "Der Mann, der Liberty Valance erschoss" entscheidet ein Treffer aus dem Hintergrund das finale Duell. Unterwegs auf der neu gebauten Route 99 wird Nevada dann von chinesischen Gangstern verfolgt; zwei kauzige FBI-Agenten sind auch mit dabei, einer von ihnen schaut aus wie eine Mischung aus Oliver Hardy und Karl Malden (Splitter).

Die Viper
(Foto: Splitter-Verlag)

Eine junge Frau steigt aus einem Zug, in einer kleinen, aufstrebenden Stadt im Westen. Für den Anfang seiner Serie Die Viper hat Laurent Astier (Text und Zeichnungen) sich von der Figur der Jill in "Spiel mir das Lied vom Tod" inspirieren lassen. Während diese aber lange Spielball in einer von Männern beherrschten Welt bleibt, ist Emily, die Hauptfigur des Comics, ein knallhartes girl with a gun, das sich nichts gefallen lässt. Ziel ihres gnadenlosen Rachefeldzugs: fünf ehemalige Yale-Absolventen, scheinbar ehrenwerte Gentlemen, hinter deren Upperclass-Masken kriminelle und pädosexuelle Instinkte lauern. Vor Jahren fiel ihnen Emilys Mutter, eine Prostituierte, zum Opfer. Astiers Zeichnungen sind nicht frei von Schwächen, aber wie er sowohl reale historische Ereignisse als auch Pulp- und Crime-Elemente in seinen Plot mischt, weist ihn als geschickten Szenaristen aus (Splitter, bislang zwei Bände).

Regenwolf
(Foto: Schreiber und Leser-Verlag/Schreiber und Leser-Verlag)

Dicke, sorgfältig gezogene Konturen, intensive, dunkel leuchtende Farben, manchmal absichtsvoll verschwommene Hintergründe - die Bilder in Regenwolf besitzen eine geradezu magische Ausdruckskraft; ein wenig erinnern sie an Hinterglasmalerei. Die Titelfigur der von Rubén Pellejero gezeichneten und Jean Dufaux geschriebenen Graphic Novel ist ein Häuptlingssohn, der eines Tages in Notwehr einen Weißen tötet. Dessen Mutter schwört Rache und heuert zu diesem Zweck die Codys an, eine üble Bande von Totschlägern. Regenwolf und sein Vater aber sind mit den McDells befreundet, einer Großrancherfamilie, die sich darum bemüht, dass alle in Frieden miteinander leben. Jack, der eine Sohn, liebt eine junge Frau aus Regenwolfs Stamm, Bruce, der andere, die Schwester des Getöteten - so entspinnt sich eine verwickelte Fehde. Obwohl es an Gewaltausbrüchen nicht fehlt, durchzieht den Comic eine träumerisch-poetische Stimmung, wie man sie in Western sonst kaum findet. Im Vorwort rühmt der jüngst verstorbene Bertrand Tavernier Pellejeros "eleganten Strich, die Ton-in-Ton-Farbgebung, bei der Licht und Schatten ineinander fließen, die Düsternis der Innenräume, wie man sie von Clint Eastwood, Walter Hill oder Robert Altman in 'McCabe & Mrs. Miller' kennt" (Schreiber & Leser).

© SZ/knb
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