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Neu im Kino: "The First Avenger: Civil War":Captain America ist die FDP unter den Superhelden

"The First Avenger: Civil War" im Kino

Wer zuerst blinzelt, verliert: Captain America und Iron Man.

(Foto: Walt Disney Company)

Müssen Superhelden unter staatliche Kontrolle gestellt werden? In "The First Avenger: Civil War" kämpfen Iron Man und Captain America gegeneinander. Heraus kommt ein spannender Politthriller.

Filmkritik von David Steinitz

Im dritten Teil der "Captain America"-Reihe prügeln sich die Superhelden gegenseitig windelweich, weil sie sich über der Frage zerstritten haben, ob Superheldeneinsätze künftig nur noch mit einem Mandat der Vereinten Nationen möglich sein sollen.

Auf jeden Fall, sagt der Iron Man (Robert Downey Jr.) - er ist in diesem Film ein eifriger Verfechter des Völkerrechts. Nix da, sagt Captain America (Chris Evans), der durch seine unkaputtbare Liberalismuslust, die außer ihm niemand versteht, so etwas wie die FDP unter den Superhelden geworden ist. Es gibt also Streit und eine große Hatz um die halbe Welt - Lagos, Wien, Berlin -, und schließlich einen wilden Showdown in Sachsen. Hier demolieren die beiden Streithähne den Flughafen Leipzig/Halle, weil es ja nicht immer New York sein kann.

Pragmatische Finanzjongleure arrangieren Cape-und-Hammer-Action

Wer aufgrund dieser Handlung nun mutmaßt, dass sie drüben in Hollywood endgültig verrückt geworden sind mit ihrem Superheldenschmarrn, der ist allerdings auf der falschen Fährte. Denn das Actionspektakel "The First Avenger: Civil War" ist trotz seiner irren Handlung und seiner größenwahnsinnigen Spezialeffekte das Musterbeispiel eines sehr bodenständigen Pragmatismus, der sich gerade unter Hollywoods Lohnarbeitern breitmacht.

Dort einen großen Film finanziert zu bekommen, in dem die Protagonisten keine Capes tragen, ist quasi unmöglich geworden. Möchte man als Regisseur große Blockbuster machen, führt also kaum ein Weg an der Superheldenmaschinerie vorbei. Und diese verlangt nach einer neuen Generation von gut geerdeten Filmemachern, die mehr oder weniger eierlegende Wollmilchsäue sein müssen.

Auf der einen Seite müssen sie die Nerven der Aktionäre beruhigen, indem sie verantwortungsvoll mit ihren riesigen Budgets umgehen und pünktlich mit einem fertigen Film aus dem Schneideraum kommen. So eng getaktet wie im Superheldenzeitalter waren die Produktionspläne in Hollywood noch nie. Gesucht sind also veritable Streber, keine verrückten Exzentriker. Welcher Geldgeber will schon einen Kinosonnenkönig à la Coppola oder Pasolini am Set, der dann mit seinen Autorenfilmerlaunen den teuren Betrieb aufhält.

Auf der anderen Seite sollen die Regisseure das Superheldengenre aber immer auch ein bisschen subversiv und selbstironisch unterwandern, damit es den Zuschauern nicht langweilig wird. Sprich: sie dürfen keine reinen Hollywood-Handwerker sein, sondern müssen trotzdem so etwas wie eine individuelle Handschrift besitzen, damit hinterher noch irgendjemand "Iron Man 2" von "Captain America 3" unterscheiden kann.

Im Fernsehen findet Hollywood die neuen Filmemacher

Ein bisschen erinnert die aktuelle Situation an die Westerninflation der Fünfziger, wo Regisseuren fast nichts anderes zu tun blieb, als das Westerngenre zu variieren - Westerndrama, Westernkomödie, Westernkrimi. Damals konnten die Hollywood-Studios für den Regie-Job noch grantige alte Männer engagieren, die keine Indianer mochten und zu viel Whiskey tranken, was heute aber beides als verpönt gilt.

Ein Männlein steht im Plattenbau, ganz still und stumm: Captain America (Chris Evans) wird in Berlin mit deutscher Innenarchitektur konfrontiert.

(Foto: Disney)

Deshalb rekrutieren Superheldenfabrikanten wie das Marvel-Studio ihre Filmemacher am liebsten dort, wo die Schnittmenge zwischen Streber- und Künstlertum in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie am größten ist: im Fernsehen. Wer dort nicht unter dem Erwartungs- und Zeitdruck der TV-Sender zusammengebrochen ist, den kann man auch ohne größere Kollateralschäden an ein Blockbuster-Set stellen, lautet wohl der Gedanke. Zumal ein einzelnes Marvelwerk mittlerweile auch mehr den Charakter einer Serienfolge denn eines Spielfilms hat.

Die Kehrseite dieses Anti-Autorenfilmerprinzips ist, dass kaum ein Mensch Regisseure wie Alan Taylor ("Thor - The Dark Kingdom"), James Gunn ("Guardians of the Galaxy") oder Peyton Reed ("Ant-Man") namentlich kennt. Aber die Superheldenmaschinerie hat dieses Verfahren bislang bestens am Laufen gehalten.

Trotz diverser Gastauftritte von obskuren Helden wie Ant-Man ist der Film ein anständiger Thriller

Auch die Regisseure Joe und Anthony Russo, die unter anderem die Comedy-Serie "Arrested Development" gemacht haben, reihen sich mit "The First Avenger: Civil War" perfekt in dieses System ein. Denn sie beherrschen nicht nur die Balance zwischen künstlerischen und kommerziellen Interessen, sie sind schon eine Evolutionsstufe weiter: Sie machen zwischen beidem überhaupt keinen Unterschied mehr.

Weil ein Marvel-Film immer auch als Werbetrailer für mindestens fünf weitere Marvel-Filme fungieren muss, bringen sie Gastauftritte von diversen anderen Figuren unter, die bald wieder in eigenen Filmen geehrt werden (Spider-Man! Ant-Man!). Sie erzählen aber tatsächlich auch einen recht eindrucksvollen Politthriller über Paranoia und Großmachtfantasien.

Eine Geschichte, die Hollywood früher mit normalsterblichen Lebewesen verfilmt hätte, die heute aber im Superheldengewand daherkommen muss. Was die Russos aber vergleichsweise unauffällig inszenieren - soweit das eben möglich ist mit einem Hauptdarsteller, der die amerikanische Flagge als Kostüm hat. Zum Verbergen des Genres Superheldenfilm trägt zumindest das deutsche Plattenbausetting, das hier keine kleine Rolle spielt, hervorragend bei, genauso wie der neue Schurke Daniel Brühl alias Baron Zemo. Der springt nicht, fliegt nicht, wächst, mutiert und schrumpft nicht - er besitzt nicht einmal ein Cape.

Captain America: Civil War, USA 2016 - Regie: Anthony und Joe Russo. Buch: Christopher Markus, Stephen McFeely. Kamera: Trent Opaloch. Mit: Chris Evans, Robert Downey Jr., Scarlett Johansson, Daniel Brühl, Elizabeth Olsen. Disney, 147 Minuten.

© SZ vom 28.04.2016

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