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Comic-Parabel "Reprobus":Hundskopf und Christkind

"Reprobus" ist Markus Färbers Comic-Debüt.

(Foto: Rotopolpress, Kassel 2012)

In "Reprobus" vermittelt Markus Färber die Parabel auf den Christusträger zeichnerisch eindrucksvoll und in ungewöhnlicher Bildfolge. Auch wenn es an manchen Stellen dem moralisierenden Kitsch gefährlich nahekommt - das beste Comic-Debüt des Jahres.

Comic-Debüts sind Barometer. Einigermaßen verlässlich geben ihre Stoffwahl und ihr Stil Auskunft über das Klima, in dem Autoren und Zeichner hierzulande arbeiten, oder kurz: über die Lage der Neunten Kunst. So wurde Mitte der Nullerjahre eine junge Generation von Künstlern mit ihren ersten Veröffentlichungen überschwänglich als deutsche Antwort auf den vermeintlichen Boom der Graphic Novel gefeiert. Anfangs überwog damals noch die Freude darüber, dass die meist autobiografisch gefärbten Bücher einem in Deutschland lange stiefmütterlich behandelten Medium zu neuer Popularität verhalfen; im Nachhinein jedoch stachen die qualitativen Unterschiede zu Romanen oder Filmen ins Auge: Weder waren die Geschichten der Comics sonderlich tiefgründig noch waren sie gut erzählt.

Mittlerweile hat zumindest eine erfreuliche Entwicklung zur Vielfalt begonnen: von historischen Themen wie das Leben einer Giftmörderin im 19. Jahrhundert in Barbara Yelins und Peer Meters "Gift" über Adaptionen hochliterarischer Vorlagen wie Sascha Hommers Kronauer-Bearbeitungen "Dri Chinisin" bis hin zu Comic-Reportagen über Asylbewerber in Paula Bullings "Im Land der Frühaufsteher". Nach dem (kleinen) Hype beginnt die schwierige Zeit der Konsolidierung, die nur glücken wird, wenn es langfristig Künstler und Verlage gibt, die sich nicht um Trends kümmern und bereit sind, vor allem an erzählerischen Defiziten zu arbeiten.

In vielerlei Hinsicht zeigt Markus Färbers Debüt "Reprobus" eine Richtung auf, in die es sich lohnen würde, weiter zu gehen. Mutig hat sich Färber, Jahrgang 1981, für ein Thema entschieden, das auf den ersten Blick ziemlich abseitig wirkt. Reprobus, lateinisch für "der Schlechte", wurde in einer östlichen Legende jener Hüne mit einem Hundskopf genannt, der in anderen Versionen wie der "Legenda Aurea" auf der Suche nach dem mächtigsten Herrscher der Welt nacheinander auf einen Kaiser, den Teufel und auf einen Eremiten trifft. Als der ihm rät, Reisende über einen Fluss zu tragen, ist eines Tages auch ein Kind unter ihnen, das sich schließlich als Jesus zu erkennen gibt; seitdem wurde der Christus-Träger zu einer der beliebtesten Ikonen der katholischen Kirche.

Die Nähe zum moralisierenden Kitsch

Formal gewieft lässt Färber die alte Legende und eine moderne Fortsetzung parallel laufen. In letzterer überquert Reprobus den Fluss, der die Welt der Mythen von der unseren trennt, das heißt von jener der Aufklärung, die angesichts der eckigen grauen Städte im Comic offensichtlich nicht zu einem glücklichen Leben geführt hat. Am anderen Ufer wartet das Christuskind, das inzwischen von den Menschen vergessen wurde. Mit Reprobus' Hilfe will es dennoch noch einmal zu ihnen zurückkehren. "Und was ist, wenn sie dich gar nicht mehr brauchen?", fragt er. Dann werde es ihnen ihre Schuld wiedergeben, antwortet das Kind.

Es ist eines der wenigen Male, dass das Buch dem moralisierenden Kitsch gefährlich nahekommt. Dass Färbers Parabel glücklicherweise ansonsten nicht allzu eindeutig ausfällt, verdankt sich nicht so sehr der dünnen Handlung als den intensiven Stimmungen, die durch die ungewöhnlichen Bildfolgen evoziert werden. Die unterschiedlichen Grautöne der Acrylfarbe verleihen den unheimlichen Nachtlandschaften eine große Ruhe und Tiefe, in der immer neue Details zu entdecken sind. Oft entsteht eine Erzählsequenz einzig daraus, dass ein größeres Bild in mehrere kleinere Bilder zerteilt wird, was die Zerrissenheit der Welt und ihrer Bewohner subtil augenscheinlich macht. Das linienbetonte Durcheinander der Vorgeschichte wiederum, die Suche des Hundsköpfigen nach dem mächtigsten Herrscher, spielt phantasievoll auf visuelle Urformen wie die Hieroglyphe an und erinnert zugleich an die brillanten frühen Kreidezeichnungen Keith Harings.

Thematisch eigenwillig, zeichnerisch eindrucksvoll und erzählerisch trotz einiger Schwächen am Ende überzeugend: "Reprobus" ist das beste deutsche Comic-Debüt des Jahres. Zudem ist es ein gutes Zeichen für die Comic-Landschaft hierzulande, dass diese Abschlussarbeit statt wieder einmal bei Reprodukt, Avant oder Carlsen bei der winzigen, aber voll Enthusiasmus betriebenen Rotopolpress in Kassel veröffentlicht wurde, wo noch andere große Talente wie etwa Michael Meier mit seiner gekonnten Adaption von Dantes "Inferno" zu entdecken sind. Auf die Zukunft beider, des Verlags wie seiner Autoren, darf man sich freuen.

Markus Färber: Reprobus. Rotopolpress, Kassel 2012. 96 Seiten, 22 Euro.

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