Colm Tóibíns Künstlerroman "Der Zauberer":Der Deutschen liebster Thomas

Thomas Mann, seine Ehefrau Katia Mann mit ihren Enkelkindern Frido und Toni, 1945

Thomas und Katia Mann mit den beiden Enkeln Frido (li.) und Toni 1945 im Exil in Kalifornien.

(Foto: Thomas-Mann-Archiv/SZ DIVERSE)

Zwei geniale Erzähler, aber einer scheitert hier: Colm Tóibín verwirklicht seinen Plan eines Künstlerromans über Thomas Mann.

Von Catrin Lorch

Den blassen Mann hatte man zwischen zwei weiteren Autoren so an den Tisch gesetzt, dass die Lesung auch eine Versammlung hätte sein können, ausreichend Fachleute waren auch da. Irland war damals, vor etwa dreißig Jahren, das Gastland der Frankfurter Buchmesse, und drei junge Autoren sollten den Anspruch des kleinen Landes am Rand von Europa, das in der Vergangenheit so viele Literaturnobelpreise hervorgebracht hatte, in die Gegenwart verlängern. Colm Tóibín las im Literaturhaus eine Passage aus seinem Erstlingswerk "The South" vor, was viele überraschte, die eine Kulisse aus grünen Hügeln erwartet hatten und sonnengebleichte, spanische Täler bekamen. Der Text handelt immerhin von einer Irin, und das Kapitel endet damit, dass die Frau aus der Ferne dabei zusehen muss, wie ein Jeep, in dem ihr Mann sitzt, auf einer steilen Straße verunglückt. Weil sie zufällig ein Fernglas gereicht bekommt, erahnt sie - hinter einer Scheibe - kurz vor dem Absturz noch ihren kleinen Sohn.

Danach war die Lesung so gut wie gelaufen. Die meisten Zuhörer hatten geweint, auch die anderen Autoren auf dem Podium sprachen heiser, ihr irischer Akzent klang verrotzt. Dabei ist ein Publikum, zu dem Literaturagenten, Kritiker und andere Profis gehören, empfindlich. Ein Kind der Handlung opfern - da hat man Vorbehalte. Doch Colm Tóibín schreibt so, dass so ein Unfall zwangsläufig wirkt und sich im Erzählen vor allem das Entsetzen der Mutter abbildet, das für alle Zeit im Abstand zwischen den Linsen eines Fernglases und den Autoscheiben fixiert bleibt.

Auf "The South" ließ Colm Tóibín Bücher über irische Richter in Gewissensnöten folgen, über Abtreibung, Homosexuelle, Künstler, Witwen. Er ist die Grenze zu Nordirland abgelaufen und hat mit "Brooklyn" sogar eine Filmvorlage geschaffen, in der die junge Eilis in der irischen Diaspora von New York auch als Vorhut aktueller Wirtschaftsflüchtlinge anlandet. Weltberühmt wurde Tóibín dann mit "The Master", einer beunruhigend stillen, konzentrierten Erzählung, in der man dem amerikanischen Autor Henry James dabei zusieht, wie er sich im englischen Landleben einrichtet.

July 9, 2019 - Barcelona, Catalonia, Spain - Irish novelist, short story writer, essayist, playwright, journalist, criti

International übersetzt und viel gelesen: der irische Schriftsteller Colm Tóibín.

(Foto: Miquel Llop, via www.imago-images.de/imago images/ZUMA Press)

Die lang vergangene Lesung im Frankfurter Literaturhaus ist einem jetzt so präsent, weil im jüngsten Roman von Colm Tóibín, der jetzt unter dem Titel "Der Zauberer" erscheint, genau so eine Lesung geschildert wird: Thomas Mann, Hauptfigur des Buchs, trägt im Kreis seiner Familie ein Kapitel aus "Doktor Faustus" vor, die "menschlich anrührendste Stelle seines Romans", so denkt er. "Als der kleine Junge tot war, hatte Thomas getan, was er hatte tun müssen. Er legte die Manuskriptblätter beiseite. Keiner sprach ein Wort. Schließlich schaltete Golo die Lampe ein, die neben ihm stand, und reckte sich mit einem leisen Stöhnen. Klaus Pringsheim hatte die Hände verschränkt und die Augen starr zu Boden gerichtet. Sein Sohn saß bleich neben ihm. Erika starrte ins Leere. Katia saß stumm da." Sie alle wissen, was auch der Leser ahnt: Thomas Mann hat den bezaubernden kleinen Frido, das jüngste Mitglied der Familie, als Vorbild für das tote Kind verwendet.

Colm Tóibín sagte kürzlich in einem Interview, die Idee, einen Roman über Thomas Mann zu schreiben, begleite ihn seit vielen Jahren. Aber erst als er um einen Essay gebeten wurde zu gleich drei neu erschienenen Biografien über den deutschen Nobelpreisträger, nahm er das Vorhaben wieder auf. Sein Titel "Der Zauberer" bezieht sich auf einen Kosenamen, den die sechs Kinder von Katia und Thomas Mann ihrem Vater gegeben haben, der sie am Esstisch mit Zauberkunststücken unterhielt. "Du alter Zauberer", wird ihn die erwachsene Tochter Erika noch kurz vor seinem Tod nennen, in aller Vieldeutigkeit - denn der Vater ist ja kein echter Magier, sondern einer, der Tricks beisteuert zur Unterhaltung, statt mit seinen Kindern wirklich zu sprechen.

Schon weil mit diesem Esstisch der Raum der Familie zur Bühne dieses Romans wird, gibt es auf mehr als 550 Seiten ungeheuer viel zu erzählen. Colm Tóibín will sich offensichtlich nicht darauf verlassen, dass diese deutsche Literatenfamilie seinen Lesern vertraut ist. So muss er mit dem Lübecker Kaufmannssohn "Thomas" beginnen, dessen Begabung im Schatten seine Bruders Heinrich lange nicht auffällt. Der lernt, hinter großsprecherischen Auftritten seine literarische Seite genauso zu verstecken wie seine unausgelebte Homosexualität.

Selten öffnet sich eine Tür, ohne dass irgendein Prominenter eintritt

Der Aufstieg zum gefeierten Autor, die Heirat mit Katia Pringsheim, die aus einer kultivierten jüdischen Münchner Familie stammt, das alles wird hastig erzählt. Ganz offensichtlich sind mehr als drei Biografien die Quelle dieses Buchs, vor allem deutsche Leser wissen, wie viel Papier diese Manns hinterlassen haben. Während Colm Tóibín sonst selbstbewusst auswählt, ausmalt und erfindet, wirkt er nun fast hilflos, notiert vieles mehr, als dass er es erzählt - Ortswechsel, Romane, berühmte Bekanntschaft, Revolution und Krieg, verwickelte Verwandtschaftsverhältnisse und homoerotische Erlebnisse. Selten öffnet sich eine Tür, ohne dass irgendein Prominenter eintritt. Und wenn es ein Unbekannter ist, dann kommt es zügig zum, verstohlenen, Geschlechtsverkehr.

Besonders enttäuschen dann die einsilbigen Passagen, die vom Schreiben handeln, von diesem "strengen verborgenen Ort, an dem ein Thema langsam, in einem alchemistisch anmutenden Prozess ans Licht gelockt wurde". Dass Thomas Mann seiner Arbeit seinen Tagesablauf unterordnete, ist fast anekdotisch, auch die offensichtlichen Verbindungen zwischen der Biografie des Autors und seinen Werken, angefangen mit Hanno aus den "Buddenbrooks". Der unsichere junge Thomas, der den Zwillingen Katia und Klaus Pringsheim im Salon ihrer Eltern begegnet, beginnt sofort nachzudenken, "was sich in einer Erzählung mit Zwillingen anfangen ließe, die sich trennen mussten, weil einer von ihnen heiratete". Schon einen Absatz weiter kann der Autor dann Vollzug melden, nicht nur, weil sich die Hochzeit anbahnt: "Er nannte die Novelle ,Wälsungenblut'."

Blass bleibt auch das Beziehungsgeflecht dieser Familie, die Charakterisierungen und Gespräche sind hölzern, fast drollig. Colm Tóibín, der über seine eigene Homosexualität an der Öffentlichkeit betont offen spricht, kann familiäre Verhältnisse und ihre verborgenen Machtkonstellationen in fast natürlich wirkenden Dialogen auflösen. Doch wo zu schnell berichtet wird, bleibt kein Raum für das Ungesagte, das Verschwiegene. Man wünscht sich, Tóibín hätte den Mut gehabt, das Kunststück aus seinen Büchern "Marias Testament" und "Haus der Namen" noch einmal zu wagen. Letzteres nahm den Elektra-Mythos auf, teilte die Kapitel aber den einzelnen Figuren zu, deren Innensicht die brutalen Elternmorde, den Bürgerkrieg und den Verrat färbten. Noch radikaler war "Marias Testament", eine Interpretation des Evangeliums aus der Sicht der Gottesmutter, die als einfache, aufrichtige Frau wach ist für alles Verlogene und die Vereinnahmungen ihres geliebten Sohnes, für dessen Nachleben sie wenig Sympathie zeigt.

Der ewig zaudernde Romancier wird zu einem, der das Wort ergreift

Colm Tóibíns aktueller Roman kann dagegen die vielen Handlungsstränge kaum zusammenhalten. "Im Geiste rekapituliert er, wie es um die einzelnen Mitglieder der Familie momentan stand", heißt es im Kapitel "Schweden 1939". "Elisabeth war in Princeton in Sicherheit und wartete auf ihre Hochzeit; Klaus war noch immer in New York, wo er Geldgeber für seine Zeitschrift zu finden versuchte. Und um die übrigen Kinder kümmerte man sich: Michael und seine Verlobte Gret hatten Visa für Amerika; für Monika und ihren Mann hoffte er ebenfalls Visa zu bekommen. Sobald er wieder zurück wäre, würde er sich daranmachen, die erforderlichen Papiere für Golo sowie für Heinrich und für Nelly, die Heinrich inzwischen geheiratet hatte, zu beschaffen, so dass sie Frankreich verlassen könnten. Katias Eltern waren, nachdem sie ihr Haus und ihre Gemälde, ihre kostbaren Keramiken und ihr ganzes Geld verloren hatten, endlich in Zürich und außer Gefahr." Das ist Verdichtung im Stil von Wikipedia.

Doch an dieser Stelle schlägt das Buch um. Und die Schilderung der Kriegszeit, die Thomas Mann mit seiner Frau zwischen Pacific Palisades, Washington, Los Angeles und - als gefragter Redner - vielen anderen US-Metropolen verbringt, führt den Bericht dann doch als bewegenden Roman zu Ende. Der weltberühmte, jedoch ewig zaudernde Romancier wird zu einem, der das Wort ergreift. Während er sich angesichts der Bilder von der Zerstörung seiner Heimatstadt Lübeck im Gespräch mit Sohn Klaus noch wünscht, "ich hätte deine Gewissheit (...) Und ich weiß nicht, was ich sagen, und ich weiß nicht, was ich empfinden soll."

Bald begreift er die Aufgabe, die ihm zufällt, als "edlere Form von Propaganda". Die zwingt ihn zur Positionierung: "Was er eigentlich sagen wollte, dachte er, war vielleicht zu komplex, um in dieser Zeit simpler Polaritäten Relevanz haben zu können. Er betonte immer wieder, dass alle Deutschen schuldig waren; er wollte aber darauf hinaus, dass die deutsche Kultur und die deutsche Sprache zwar den Keim des Nationalsozialismus in sich trugen, ebenso aber auch den Keim einer neuen Demokratie, die jetzt verwirklicht werden konnte, einer durch und durch deutschen Demokratie."

Colm Tóibíns Künstlerroman "Der Zauberer": Colm Tóibín: Der Zauberer. Roman. Aus dem Englischen von Giovanni Bandini. Hanser, München 2021. 560 Seiten, 26 Euro.

Colm Tóibín: Der Zauberer. Roman. Aus dem Englischen von Giovanni Bandini. Hanser, München 2021. 560 Seiten, 26 Euro.

Diese letzten, die dichten, vielschichtig erzählten Kapitel verschlingen Motive wie Migration, Propaganda, Krieg, politische Abhängigkeit, Meinungsmache, Aktivismus, Verfolgung und Bespitzelung, während Thomas Mann sich als berühmtester Autor seiner Zeit zur Stimme der Demokratie stilisieren lässt, zum Gewissen einer Welt, die den Krieg gegen Hitler doch noch gewinnt. Ist dieser Thomas noch "der Zauberer", als den ihn Tochter Erika nun mit einer Mischung aus Respekt und Ironie anredet? Oder ist Thomas nicht in einer noch doppelbödigeren Rolle unterwegs, als "Botschafter seiner selbst", wie Colm Tóibín ihn an einer Stelle beschreibt?

Dass Schriftsteller weiche, durchlässige Charaktere sind, darauf weisen diese letzten Kapitel immer wieder hin. Nicht nur weil sich Thomas Mann an einer Stelle wünscht, er könne über die Arbeit als Goethes Biograf mit dem Dichter verschmelzen und ein andermal plant, seinen eigenen Charakter auf die beiden Gegenspieler im "Doktor Faustus" zu verteilen. Dass am Ende nur einer ihm gleicht, sogar zu einem "Doppelgänger" geworden ist, überrascht Thomas selbst: "Beide, Autor und fiktiver Erzähler, blickten ängstlich-gespannt in die Zukunft, in eine Zeit, da Deutschland zerstört und zum Wiederaufbau bereit sein würde, eine Zeit, in der ein Buch wie dieses im Werden begriffenen vielleicht einen Platz in der Welt haben würde."

Dieser "Doppelgänger" ist von anderer Qualität als das Kind, der Knabe, das Kindchen, die in diesem Roman von Thomas Mann immer wieder geopfert werden. Und man hofft, dass der politisch wache, hellsichtige, hochempfindliche Thomas Mann, der sich am Ende des Romans in der Schweiz niederlässt, nicht nur eine Ausgeburt von Colm Tóibín ist, einem der wachsten, hellsichtigsten, hochempfindlichsten Autoren unserer Zeit.

© SZ/masc
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