China: Nach der Festnahme von Ai Weiwei Aufklärung als höchste Kunst

Ein Land, das einen Künstler wie Ai Weiwei hinter Gittern verschwinden lässt, hat einen neuen moralischen Tiefpunkt erreicht. Nun braucht es ein politisches Signal.

Ein Kommentar von Henrik Bork

Das Gewissen Chinas ist verstummt. Dazu war Ai Weiwei geworden, zum eigenen Erstaunen war er in diese Rolle hineingewachsen - bis zu seiner Festnahme am vergangenen Sonntag. Vom Künstler hatte er sich allmählich zum politischen Aktivisten gewandelt. Er stellte unbequeme Fragen, wenn beim Erdbeben in Sichuan in den von korrupten Beamten gebauten "Tofu-Schulen" mehr als 6000 Schulkinder starben.

Der chinesische Künstler Ai Weiwei in seinem Werk "Rooted Upon" - eine Aufnahme aus dem Jahr 2009 im Haus der Kunst in München: "Die Kunst dient dem Leben. Unser Leben ist politisch. Also ist auch die Kunst politisch."

(Foto: dapd)

Er erhob seine Stimme für Bürgerrechtler, die unschuldig inhaftiert wurden. Die Frage, warum seine Kunst immer politischer wurde, beantwortete Ai Weiwei mit entwaffnender Klarheit. Ein Künstler unter der Kontrolle eines diktatorischen Regimes könne gar nichts anderes hervorbringen als politische Kunst: "Die Kunst dient dem Leben. Unser Leben ist politisch. Also ist auch die Kunst politisch."

Das sind die Worte eines aufrechten Mannes. Lang ist die Liste mutiger Chinesen, die in der Geschichte ihres Landes für eine ähnliche Haltung büßen mussten. Der Dichter Qu Yuan etwa, der drei Jahrhunderte vor Christus so starrköpfig gegen Korruption und Machtmissbrauch kämpfte wie jüngst Ai Weiwei. Die ins Exil verbannten Dichter Li Bai und Su Dongpo. Und kürzlich wieder Liu Xiaobo, der inhaftierte Friedensnobelpreisträger. Oder vor einer Generation Ai Qing, der Dichtervater Ai Weiweis. Er wurde von den Nationalisten gefoltert und von den Kommunisten nach Xinjiang verbannt, wo der junge Weiwei aufwuchs.

Nun herrscht Ratlosigkeit, wie die Welt künftig angemessen mit der wirtschaftlich immer erfolgreicheren, zugleich politisch aber immer aggressiveren Großmacht China umgehen soll. Niemand hat da sofort Antworten parat. Zumindest aber drängt sich folgender Ratschlag auf: Man nehme besser nie wieder die Lüge in den Mund, die Chinesen hätten keine Tradition des Freiheitswillens. Es gab in der Geschichte Chinas und es gibt heute in den Gefängnissen des Landes vermutlich nicht weniger Freiheitskämpfer, als sie die europäische Geschichte hervorgebracht hat, das Zeitalter der Aufklärung inklusive.

Besondere Empörung muss die willkürliche Festnahme Ai Weiweis in Berlin auslösen. Denn Außenminister Guido Westerwelle war zur Eröffnung einer Ausstellung nach Peking gelockt worden, die mit dem vielversprechenden Titel "Kunst der Aufklärung" für sich wirbt. Ausgerechnet am Platz des Himmlischen Friedens, dem Symbol für Tyrannei schlechthin, wird dabei das Zeitalter der Aufklärung als Etikett für eine brave Biedermeierschau benutzt.

Die Kunst des Kotaus

Ai Weiwei zu einem begleitenden Dialogforum einzuladen, das hatten sich die deutschen Veranstalter nicht getraut. Konsequent blieb der chinesische Künstler dann auch der Eröffnungsfeier der Ausstellung fern, auch um nicht als Feigenblatt für die in China tätigen Sponsoren aus der deutschen Autoindustrie zu dienen. Als Ai Weiwei festgenommen wurde, war Westerwelle erst gerade wieder aus Peking abgereist. So wurde die Festnahme auch zu einer schallenden Ohrfeige für die deutsche China-Politik. Vielleicht wäre ein besserer Name für diese Ausstellung nun: "Die Kunst des Kotaus".

Es ist durchaus eine Debatte wert, ob diese Schau, wie von den deutschen Grünen gefordert, jetzt vorzeitig geschlossen werden sollte. Irgendein politisches Signal - auch aus Deutschland - wäre wünschenswert, denn durch den Umgang mit Ai Weiwei hat Chinas Repression eine neue Dimension erreicht. Er ist verschleppt worden und nicht einmal sein Aufenthaltsort ist bekannt. Das ist auch für China ein deutlicher Rückschritt.

Pekings Kommunisten bedienen sich für ihren Machterhalt zunehmend rechtsferner Methoden. Dutzende Aktivisten ließen sie ohne Haftbefehl oder Prozesse einfach verschwinden, als es Aufrufe zu "Jasmin-Protesten" nach arabischem Vorbild gab. Ein blinder Bürgerrechtler und ausländische Reporter wurden verprügelt. Ausländische Kritik an solchen Exzessen wird von forschen Regierungssprecherinnen verhöhnt. Am Mittwoch beschimpfte ein Kommentator in der staatlichen Global Times Ai Weiwei als eigenwilligen Spinner, dem auch seine Beliebtheit im Westen nichts helfen werde. Zudem warf ihm das Blatt "rechtliche Verstöße" vor - eine Vorverurteilung, die nichts Gutes ahnen lässt.

Die kommunistische Führung ist offensichtlich zu dem Schluss gekommen, dass der Westen China inzwischen mehr braucht, als China den Westen. Ai Weiwei hat dieses Denken als gefährliche Hybris bezeichnet. Der Austausch der Volksrepublik mit dem Westen, ob wirtschaftlicher oder kultureller Art, kann nur ein gegenseitiges Geben und Nehmen sein. Wenn der Westen auf Chinas Markt drängt, und die Chinesen umgekehrt westliche Technologie für ihre weitere Entwicklung wünschen, dann müssen sich beide Seiten respektvoll begegnen.

Chinas kommunistische Führung aber hat begonnen, sich vom manierlichen Umgang mit dem Ausland ebenso zu verabschieden wie von der innenpolitischen Liberalisierung der eigenen Reformperiode. Damit wird das Lebenswerk des großen Reformers Deng Xiaoping beschädigt. Ein Land, das einen Künstler und Aufklärer wie Ai Weiwei hinter Gittern verschwinden lässt, hat einen neuen moralischen Tiefpunkt erreicht.

China: Ai Weiwei

Vom Künstler zum Staatsfeind - und zurück?