China:Lern, Computer!

China: In einem Promo-Video erkundet eine junge Frau stellvertretend für die virtuelle Stundentin den Campus der Tsinghua-Universität.

In einem Promo-Video erkundet eine junge Frau stellvertretend für die virtuelle Stundentin den Campus der Tsinghua-Universität.

(Foto: Weibo)

Die Tsinghua-Universität in Peking hat neuerdings eine virtuelle Studentin.

Von Nicolas Freund

In China ist man längst zum Präsenzunterricht zurückgekehrt, sonst wäre es vielleicht in den Videoseminaren gar nicht aufgefallen, dass an der Tsinghua-Universität in Peking seit diesem Monat ein Computerprogramm immatrikuliert ist. Hua Zhibing heißt die künstliche Intelligenz (KI), die auf Bildern und in einem kurzen Film beim Spaziergang über den Campus von einer jungen Frau dargestellt wird. Das ist etwas irreführend, denn Hua existiert bisher nur virtuell und basiert auf der chinesischen Software Wudao 2.0, einem Deep-Learning-System. Das sind Programme, die sich selbst und mit menschlicher Hilfe weiterentwickeln.

Hua kann nach eigener Aussage schon so einiges. Sie soll besonders gut darin sein, Muster in großen Datenmengen zu erkennen. Ihre Hobbys sind Malen und Gedichteschreiben. Wie andere Studenten hat sie eine E-Mail-Adresse und eine Matrikelnummer. Noch ist sie in einer Art grundlegender Lernphase, aber in zwei Jahren soll sie dieselben Studieninhalte wie menschliche Studenten bewältigen können.

Bricht nun die Zeit an, in der man beim Einsatz von Software darauf achten muss, dass sie den richtigen Bildungsgrad hat? Wird es teure Programme mit Abschluss aus Harvard geben? Oder depressive KIs, die von ihren Entwicklern zum BWL-Studium gezwungen wurden, obwohl ihre Leidenschaft der Theaterwissenschaft gilt? Und was passiert mit Maschinen, die zweimal durchs juristische Staatsexamen rasseln?

Selbst die komplexesten Algorithmen können nur beschränkt Aufgaben lösen

Bevor über soziale Auffangnetze für gescheiterte KIs nachgedacht wird, sollte man zuerst überlegen, ob ein Computerprogramm wirklich derart vermenschlicht werden muss. KI-Forscher warnen längst davor, Maschinen in die Nähe des Menschen zu rücken. Schon den Begriff künstliche Intelligenz halten viele für problematisch, denn von Intelligenz sind diese Programme weit entfernt.

Selbst die komplexesten Algorithmen können nur in einem sehr beschränkten Rahmen Aufgaben lösen. Deshalb wirken die Eigenschaften, mit denen die Entwickler von Hua angeben, auch nur auf den ersten Blick beeindruckend. Muster in großen Datenmengen zu erkennen, ist so ziemlich das Einzige, was KIs mit Sicherheit beherrschen. Auch digitale Bilder zu generieren, ist keine große Kunst, und die Texte, die solche Programme ausspucken, sind meistens so wirr, dass sie eben höchstens als Gedichte durchgehen können, und selbst damit tut man der Lyrik unrecht.

Warum also die Vermenschlichung? Die anderen Studenten sollen Hua wie eine Person behandeln, denn es gibt unter KI-Entwicklern die These, Programme müssten ähnlich wie Menschen lernen, wenn sie nicht nur auf einen kleinen Aufgabenbereich beschränkt sein sollen. Sie brauchten eine Art Jugend, denn um die Welt richtig zu verstehen, reiche es nicht, nur Daten bereitzustellen. KIs müssten ausprobieren, beobachten und sich im Austausch mit ihrer Umwelt entwickeln. Hua Zhibing soll wohl eine Art Pilotversuch in diesem Lernverfahren sein.

Wir wünschen der ersten virtuellen Studentin deshalb an dieser Stelle ein erfülltes Studium. Mit WG-Partys, Kaffeetratsch, Liebeskummer, Sport, vielleicht einem Auslandssemester und was eben sonst neben den Pflichtveranstaltungen noch so den Charakter für das weitere Leben formt. Alles Gute, liebe Hua Zhibing.

© SZ
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