Chile Bücher aufessen

Neuer Fund im Nachlass von Roberto Bolaño: In "Der Geist der Science-Fiction" probierte der legendäre Autor vieles aus, was er erst später ausformulierte.

Von Nicolas Freund

Eine der vielen Geschichten um seine Person, die Roberto Bolaño in den Jahren vor seinem Tod in Umlauf brachte, handelt von den endlosen Diskussionen, die er mit dem argentinischen Schriftsteller und Übersetzer Rodrigo Fresán "in den Bars und Restaurants von Barcelona" über den Science-Fiction-Autor Philip K. Dick führte. In diesen Sitzungen kamen die beiden zu verschiedenen Schlüssen über den von ihnen sehr geschätzten amerikanischen Schriftsteller. Etwa Dick sei "so etwas wie ein mit Lysergsäure und Wut versetzter Kafka" und manche seiner Erzählexperimente seien brillanter als Vergleichbares "aus der Feder Pynchons oder DeLillos". Dass einer seiner Romane erst 26 Jahre nach dem Entstehen veröffentlicht wurde, mache deutlich, "was die nordamerikanische Verlagsindustrie von ihm hielt".

Unklar ist, ob sich dahinter auch eine Spitze gegen Bolaños eigene Verleger verbarg, denn sein unveröffentlichtes Werk war zu Lebzeiten beträchtlich. Mehr als 15 Jahre nach seinem Tod erscheinen fast im Jahrestakt Bücher aus dem Nachlass, die zuvor keinen Verlag gefunden hatten. Das Neueste aus Bolaños Zettelkasten ist der Roman "Der Geist der Science-Fiction", der nicht nur ein Schlaglicht auf das weitgehend unerforschte Verhältnis des Autors zu Philip K. Dick wirft, sondern, obwohl schon 1984 entstanden, bereits vieles im Keim enthält und probiert, was Bolaño erst Jahre später ausformulierte.

Jan baut aus seinen Science-Fiction-Büchern ein Sofa und traut sich nicht, darauf zu sitzen. Also baut er es zum Tisch um

So tauchen einzelne der durchgeknallten Schriftsteller aus "Die Naziliteratur in Amerika", dem ersten Buch von Bolaño, das auf Deutsch erschien, hier schon auf. Das Kriegsbrettspiel aus dem Roman "Das dritte Reich", der einige Jahre später entstand, wird schon ausführlich beschrieben. Wie die in der spanischen Ausgabe abgebildeten Notizen zu "2666" verraten, plante Bolaño später auch für sein Hauptwerk eine abschließende oder die einzelnen Teile verbindende Science-Fiction-Geschichte. Als Untertitel war, auf Englisch, "A non science fiction novel" vorgesehen und in einer der Skizzen hält eine sternförmige Zeichnung die sieben, damals geplanten Teile zusammen. Und auch der Autor Robert Silverberg kommt in "Der Geist der Science-Fiction" vor, aus dessen Roman "Bruderschaft der Unsterblichen" Bolaño das Motiv einer Gruppe von Studenten entnahm, die in wechselnder Erzählperspektive von ihren Abenteuern im amerikanisch-mexikanischen Grenzland erzählen. Wie das Verhältnis zu Philip K. Dick ist Bolaños Verhältnis zur Science Fiction noch weitgehend unerforscht.

"Der Geist der Science-Fiction" spielt, wie "Die wilden Detektive", mit dem Bolaño 1998 der späte Durchbruch als Schriftsteller gelang, in den siebziger Jahren in Mexiko Stadt, nur Mexiko DF genannt. "Jan Schrella alias Roberto Bolaño" ist Anfang zwanzig und teilt sich eine heruntergekommene Dachgeschoßwohnung mit seinem Kumpel Remo Morán, sowie einer ständig wechselnden Besetzung anderer Freunde und flüchtiger Bekanntschaften.

Fast alle Texte Bolaños greifen als Varianten ihrer selbst auf vielfältige Weise ineinander und ihr gemeinsamer Kern ist immer die Biografie des Autors, der als junger Dichter und Herausforderer des etablierten lateinamerikanischen Literaturbetriebs in Mexiko DF lebte, dort die Bewegung des Infrarealismus gründete, diesen dann aber mit nur einer Handvoll Texten nicht wirklich ausarbeitete und stattdessen enge und manchmal abenteuerliche Freundschaften zu vielen Frauen und anderen Dichtern pflegte. Bekannt ist über diese Zeit fast nur das, was Bolaño selbst in seinen Romanen beschrieben hat.

Sein Jan Schrella verbringt jedenfalls die Tage damit, Bücher zu klauen und stapelweise Science-Fiction-Romane zu lesen, planlos durch die Stadt und über die Avenida de los Insurgentes, den großen Boulevard in Mexiko DF, zu stromern und bei jeder Gelegenheit mit Gleichgesinnten den Ernst der Literatur zu diskutieren. "Während er in der Küche nach Gin und einer Anderthalbliterflasche Coca-Cola suchte, ermahnte er uns polternd, wir sollten gefälligst unsere Gedichte herausholen."

Lesen und Schreiben sind bei Bolaño immer ganz selbstverständlich die einzig sinnvollen Lebensinhalte. Undenkbar, dass seine Figuren etwas anderes tun, als sich in das obskurste literarische Wissen einzuarbeiten, solches selbst zu erschaffen oder einem von ihnen verehrten Schriftsteller hinterherzujagen. Einmal baut Jan Schrella aus seinen Science-Fiction-Bücher eine Art Sofa, traut sich aber nicht, es zu benutzen. Die Romankonstruktion erscheint ihm dann doch zu gewagt.

"Der Geist der Science-Fiction" besteht aus Fragmenten, die von den Herausgebern aus Notizen Bolaños zusammengesucht wurden und von denen einige im Anhang des Buches abgebildet sind. Die erzählerischen Kapitel um Jan Schrella, die in der deutschen Ausgabe im Inhaltsverzeichnis "Detektive" genannt wurden, stehen neben einem erfundenen Autoreninterview und einer Reihe von Fanbriefen Jans an real existierende nordamerikanische Science-Fiction-Autoren wie Ursula K. Le Guin, in denen er sie auffordert, lateinamerikanische Schriftsteller zu unterstützen, ihnen seine Wohnung beschreibt oder mitteilt, dass er übrigens keine Jungfrau mehr sei: "Ich halte Sie auf dem Laufenden." Der 1982 verstorbene Philip K. Dick ist in diesem Buch eine interessante Leerstelle, der Geist der Science-Fiction, wenn man so will. "Könnte ich doch nur mit den Toten kommunizieren, ich würde Philip K. Dick schreiben".

"Der Geist der Science-Fiction" stellt aber auch die Frage nach den Grenzen zwischen Wirklichkeit und literarischer Fiktion, die zu verwischen sich Bolaño gerade zur Lebensaufgabe gemacht hat. Jan baut später das Büchersofa zu einem Tisch um. Seine Freundin Angélica hält von solchem Unfug gar nichts: "'Bücher gehören in ein Regal, hübsch geordnet, um jederzeit gelesen oder zu Rate gezogen zu werden. So kannst du Bücher nicht behandeln, wie Bauklötze oder Backsteine!' Jan hatte eingewandt, dass das Kauen von Buchseiten vielen Bewohnern belagerter Städte über den Hunger hinweggeholfen habe: In Sebastopol habe ein junger, angehender Schriftsteller 1942 einen beträchtlichen Teil von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in der französischen Originalfassung verschlungen. Die Science-Fiction-Literatur, glaubte Jan, eigne sich wie keine andere für aleatorische Regalbauten wie zum Beispiel den Regaltisch, ohne dass dadurch der Inhalt der Seiten, die Handlung, herabgemindert würden. Angélica zufolge war das eine Dummheit und obendrein unpraktisch, sehr unpraktisch. Tische waren dazu da, um darauf zu essen, sie zu bekleckern, bei Wutanfällen Messer in die Oberfläche zu rammen."

Literatur ist immer selbstreflexiv, zur Welt steht sie oft so schief, wie Jans Bücherbauten. Die Bezugspunkte, das Koordinatensystem des Schreibens, sind meist andere Texte. Der Schrank oder das Regal verleiht nicht die Ordnung, der Text selbst ordnet. Das gilt in ganz besonderem Maß für Roberto Bolaños Bücher und "Der Geist der Science-Fiction" ist ein besonderes Buch in der Reihe, weil sich in ihm dieses Bezugssystem zu vergangenen und zukünftigen, fremden und eigenen Texten offener zeigt, als in seinen anderen Werken. Roberto Bolaño zu lesen, ist wie eine Welt zu entdecken, die sich wirklicher als die Wirklichkeit durch die Literatur zeigt und die selbst den randständigsten Sci-Fi-Autoren eine geheimnisvolle Bedeutsamkeit zuweist, die es zu entschlüsseln gilt.

Roberto Bolaño: Der Geist der Science-Fiction. Roman. A. d. Spanischen v. Christian Hansen. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2018. 256 Seiten, 22 Euro.