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"Chasing Ice" im Kino:Eine Sisyphos-Arbeit

Für das Projekt EIS hat Balog sich dann nicht nur feste Observationspunkte gesucht, in Alaska, Island, Grönland. Er hat dort auch permanent Kameras installiert, die in genauen Zeitabständen automatisch Fotos machen, ist zu manchen Gletschern immer wieder gefahren und geklettert, auch, als seine Gelenke schon kaum noch mitmachten. Eine Sisyphos-Arbeit: Die Schutzfenster vor den Linsen der vier Kameras werden immer wieder mal von Sandstürmen blind gescheuert, Vögel picken an den Gehäusen herum, und hier und da hat ein Fuchs, der so gar nichts von Umweltschutz verstand, die Kabel angefressen.

Letztlich sind dennoch erstaunliche Bilder herausgekommen. Balog hat dokumentiert, wie mit rasender Geschwindigkeit Gletscher, die seit Tausenden Jahren da waren, einfach verschwinden. Im Film tun sie das vor unseren Augen. Das ist faszinierend, und es ist der blanke Horror. Manchmal stellt er drei Fotos untereinander, sodass man tatsächlich genau erkennen kann, wie der Umriss sich verändert hat; manche sind als Zeitraffer montiert: schmelzende Gletscher wie im Daumenkino.

Orlowski setzt das durchaus in einen ökologischen Zusammenhang, den Balogs Bilder allein nicht herstellen können - es gibt Flipcharts und Fakten, jemand erklärt, wie die schwarzen Rußpartikel, die das Eis verschmutzen, die Erwärmung noch anheizen, weil sie das Sonnenlicht absorbieren. Dann sieht man die unvermeidlichen Fernsehschnipsel von Skeptikern, die behaupten, ein bisschen Erderwärmung sei doch ganz normal, und Wissenschaftler - einmal sogar einen Versicherungs-Mann - die erklären, warum die Thesen dieser Skeptiker ganz und gar nicht stimmen können.

Überzeugungskraft aus der Kunst

Aber seine Überzeugungskraft schöpft "Chasing Ice" dann doch nicht aus der Wissenschaft, sondern aus der Kunst - aus der ungeheuren Macht seiner Bilder. Der größte Coup sind Aufnahmen, die Balog mit einer Videokamera gelungen sind - er hat einen kalbenden Gletscher gefilmt. Es war dann doch eher Glückssache, dass sein Team dabei war, als ein monumentales Eisgebirge ins Meer stürzte.

Das sind dann tatsächlich Szenen, die es so noch nie gegeben hat: Unter ohrenbetäubendem Lärm brechen da Stücke von einem Gletscher ins Wasser, Eismassen schieben sich ächzend aus dem Inneren nach, als würde die Erde sich erbrechen - mit einer Gewalt, der man besser nicht in die Quere kommen sollte. Die Bilder sind atemberaubend, irgendwie natürlich wunderschön - und beklemmend.

Was man hier sieht, ist ja nicht einfach rücksichtlose Naturgewalt, wie sie in der Welt immer schon vorkam. Wir haben diese Natur herausgefordert, und nun schlägt sie brutal zurück - durch das schmelzende Eis könnte der Meeresspiegel auf eine Höhe steigen, die weite Teile Europas unter Wasser setzt.

Gletscher kalben, sicher - aber eben nicht so. Was Balog hier zeigt, ist eine Reaktion der Natur auf unsere Hybris, auf den Eingriff des Menschen in die göttliche Architektur. Und selbst wenn uns wider Erwarten noch technische Tricks einfallen sollten, wie wir unser Überleben sichern könnten: die eisigen Kunstwerke, die man hier noch ein letztes Mal bestaunen kann - die sind schon jetzt für immer verloren.

Chasing Ice, USA 2013 - Regie: Jeff Orlowski. Drehbuch: Mark Monroe. Kamera: Jeff Orlowski / James Balog. Schnitt: Davis Coombe. Mit: James Balog, Kitty Boone, Sylvia Earle, Dennis Dimick, Jason Box, Tad Pfeffer, Synte Peacock, Terry Root. Verleih: NFP/ Filmwelt, 75 Minuten.