Charlotte Roches neuer Roman "Schoßgebete" Verlogenheit zwischen den Beinen

Was hat eine Blähung mit einem Buch zu tun? Charlotte Roches zweiter Roman "Schoßgebete" leidet an der konsequenten Verwirrung der Verhältnisse zwischen Autorin und Erzählerin. Noch schlimmer: Er lebt von der Lüge der rettenden Sexualität.

Von Thomas Steinfeld

In einem der großen literarischen Werke des 19. Jahrhunderts gibt es einen Bericht von einem geselligen Abend, in dem die dabei anwesenden Herren ihre sexuellen Bedürfnisse vergleichen. Den einen drängt es sehr zu den Frauen, mindestens täglich, den anderen weniger. Und einer aus der Runde - es kommt hier nicht darauf an, wer das ist - gibt offen zu: ein Beischlaf im Monat, das sei ihm genug.

Voyeurismus zwischen Fiktion und Realität: Ist das jetzt die Erzählerin oder die Autorin?

(Foto: dpa)

Gewiss, die Herren sitzen in vertrauter Runde und meinen, sich auf die Diskretion der anderen verlassen zu können. Und doch ist ihre Gelassenheit bemerkenswert. Sie spüren keinen Druck. Niemand bedrängt sie - und schon gar nicht den einen, der einfach nur feststellt, auf dem Markt der Begierden allenfalls ein seltener Besucher zu sein.

Diese Freiheit ging, im westlichen Teil der Welt, im 20. Jahrhundert verloren. Das liegt nicht nur daran, dass der Geist des Wettbewerbs bis in die hintersten Winkel des Privatlebens vorgedrungen ist. Es geht auch nicht nur darauf zurück, dass die Liebe in derselben Zeit zur größten aller Verheißungen geworden ist und im Beischlaf ihre höchste Erfüllung finden sollte. Nein, dem sexuellen Akt selbst wird seither eine Bedeutung zugeschrieben, wie er sie nie zuvor besaß, eine Bedeutung, die viel größer ist, als sie dem Essen oder dem Wohnen oder sonst einer praktischen Beschäftigung je zugemessen wurde.

Und wenn man lange meinen konnte, in dieser Bedeutung spiegele sich vor allem die Unterdrückung der Sexualität, so wie sie über die Jahrtausende hinweg betrieben wurde, so ist es doch seit geraumer Zeit mit den Tadeln und Verboten ebenso vorbei wie mit dem Bedürfnis nach noch mehr Aufklärung. Es ist, hierzulande, nichts mehr übrig, was aufgeklärt werden müsste. Warum also muss der Beischlaf dennoch immer wieder beschworen werden, tausend und noch einmal hunderttausend Mal, auch wenn er so leicht zu haben ist, wenn sich nichts darin bestätigt und gar nichts daraus folgt?

Das Buch "Schoßgebete" (Piper Verlag, 284 Seiten, 16,99 Euro), der zweite Roman von Charlotte Roche, ist schon weit vorangeschritten, und der Leser hat schon lange Schilderungen sexueller Akte verfolgt, als die Erzählerin über ihren Gatten verrät: "Er hat mir gnadenlos alles über seine Sexualität gesagt." Und dann, ein paar Zeilen tiefer, heißt es: "Jetzt bin ich bald dran, ihn mit meiner wahren Sexualität zu konfrontieren."

Die Wahrheit soll zwischen Beinen liegen

Wobei diese, wie sich wenig später herausstellt, im Wesentlichen darin bestehen soll, dem vorhandenen Repertoire zu zweit und zu dritt, im Bordell, mit pornographischen Filmen und einer Vielfalt von erotischem Hilfswerkzeug, einen zweiten oder dritten oder vierten Mann hinzuzufügen - angeblich, um, nicht zuletzt, auch die Ehe zu bereichern.

Wozu das alles gut sein soll, wäre da die falsche Frage. Denn hier schreitet, zur Unterhaltung breiter Leserschichten, eine methodisch operierende Sinnlichkeit voran, die sich fest verbunden glaubt mit dem Leben als solchem. Da mag, was sie tut, auch noch so sehr der Arbeit gleichen: Der "Wahrheit" gilt es auf den Grund zu gehen. Sie soll, ausgerechnet, zwischen den Beinen liegen.

Die "Schoßgebete" sind also eine Art Forschungsprojekt, genauso wie die vor drei Jahren erschienenen "Feuchtgebiete", Charlotte Roches erster (und in 1,8 Millionen Exemplaren verkaufter) Roman eine Art Forschungsprojekt war.

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