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"Kanaillen-Kapitalismus": Der spanische Soziologe César Rendueles stellt die Alternativlosigkeit der freien Marktwirtschaft infrage.

Von Sebastian Schoepp

César Rendueles: Kanaillen-Kapitalismus. Eine literarische Reise durch die Geschichte der freien Marktwirtschaft. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 300 Seiten, 18 Euro.

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Die Kapitalismuskritik besitzt nur noch ein schwaches Stimmchen. Das war vor nicht langer Zeit anders. Nach der Bankenkrise von 2008 gab es Bewegungen wie Occupy und Autoren wie Slavoj Žižek und Thomas Piketty, die weltweite Ungerechtigkeit an den Pranger stellten und damit eine beträchtliche Zahl Menschen mobilisierten. Doch inzwischen scheint die Alternativlosigkeit des marktkapitalistischen Systems in Deutschland und anderen reichen Ländern von einer breiten Mehrheit so akzeptiert zu sein, dass es genügt, als links zu gelten, wenn man eigentlich liberale Werte wie offene Grenzen, Gleichstellung der Geschlechter und Minderheitenschutz vertritt. Die Reste von Antikapitalismus wirken darin oft wie eine modische Attitüde, wohlfeil wie das Che-Guevara-Shirt aus dem Internetshop.

Das frühere Kerngeschäft der Linken scheint hingegen nur noch an den Rändern der Europäischen Union weiterzuleben, vor allem in Südeuropa, was kein Wunder ist, denn in Spanien etwa hat die junge Generation das Scheitern eines kapitalistischen Versprechens im Zuge der so genannten Immobilienblase noch am eigenen Leibe erlebt. Folge war die Gründung der linksalternativen und postmarxistischen Partei Podemos, die gute Erfolge bei Wahlen verzeichnet. Einer ihrer Vordenker war und ist der Soziologe und Philosoph César Rendueles, der sich in seinem neuen Buch "Kanaillen-Kapitalismus" mit der Frage auseinandersetzt, warum ein System, das durch seine Anhäufungsmaxime die Klimakatastrophe befördert und soziale Bindungen zerstört, als eine Art Naturzustand wahrgenommen wird. Das Buch ist ein zorniger, sehr unterhaltsamer Essay gegen die Lebenszeitverschwendung durch Kumulation.

Rendueles wartet anders als Piketty nicht mit Zahlen und Statistiken auf, er nimmt Werke der Weltliteratur von Daniel Defoes "Robinson Crusoe" über Dostojewski, Jack Kerouac, Mary Shelley, Joseph Conrad bis Doris Lessing als Erzählstrang, um die Frage zu klären, warum wir in der Arbeitswelt "Formen der Unterordnung akzeptieren, die wir in jedem anderen Bereich unseres Lebens als abstoßend empfinden würden". Und kennt ihn nicht jeder, jenen Typus Chef, der immer mal wieder sagt, das Firmenleben sei nun mal keine Demokratie? Warum eigentlich?, fragt Rendueles.

Die Antwort: Weil wir so entfremdet von uns selbst und unseren Bedürfnissen sind, dass wir "in lähmender Unterwürfigkeit" so tun, "als würden Kasinokapitalismus, Zeitarbeitsfirmen und transnationale Unternehmen auch in 1000 Jahren noch existieren". Die Erkenntnis, die Rendueles jenen vermittelt, die nichts anderes kennen: Kapitalismus ist mitnichten ein gottgegebener Urzustand - er ist eine Erfindung des 18. und 19. Jahrhunderts.

Rendueles erzählt, wie das Prinzip der hemmungslosen Konkurrenz zum Ersten Weltkrieg führte, wie es danach noch schlimmer wurde und wie der Zweite Weltkrieg als eine Art Gewaltkatharsis die vernünftige Sehnsucht nach einem System des Ausgleichs weckte - weshalb etwa die britischen Soldaten, die aus dem Krieg zurückkehrten, nicht etwa den siegreichen Feldherrn Winston Churchill wählten, sondern den Sozialdemokraten Clement Attlee. Erst die zeitliche Distanz von dieser Erfahrung habe es Jahrzehnte später möglich gemacht, dass die neoliberale Gegenreform aus sektiererischen Universitätszirkeln den Weg in den Mainstream fand. Heute sei der "Glaube an die vergesellschaftende Kraft des Handels der Architektur der europäischen Institutionen eingeschrieben".

Thomas Morus und B. Traven werden als Kronzeugen herangezogen, um diesem Trend zu widersprechen und "den historischen Ausnahmecharakter der allgemeinen Marktherrschaft" aufzuzeigen. Mexikanische Bauern, englische Schafhirten oder die Gildegesellschaft der vorindustriellen Zeit wären laut Rendueles nie auf den Gedanken gekommen, ihre Grundversorgung mit Gütern wie Wasser oder ihre Arbeitsorganisation den Kräften des Marktes zu überlassen. Man arbeitete nicht zur Anhäufung von Geld, sondern erst, wenn das Geld alle war.

Der Leser dürstet bei der Lektüre nach mehr schlüssigen Alternativen, leider bleibt das Buch genau da etwas dünne. Da wird dann sogar ein Michael Kohlhaas zum Vorkämpfer des Antikapitalismus, dabei war er Pferdehändler und begehrte nicht gegen den freien Handel auf, sondern gegen die idiotischen Beschränkungen, die ihm seine Existenz raubten. Überzeugender ist Rendueles, wenn er der Empörung über die Entfremdung von der Arbeit Stimme verleiht, die heute dazu geführt hat, dass ein Großteil der Urban Professionals Berufsbezeichnungen trägt, von denen sie nicht mal selber erklären können, was sie bedeuten. "Die Arbeit ist zu einer zerbrochenen Erfahrung geschrumpft", so Rendueles, was zur Folge habe, dass die Fähigkeit, etwas selbst herzustellen, "heute bewundernswert, fast übernatürlich auf uns" wirke. Der Appell an die Würde alter Handwerksberufe wirkt in digitalen Zeiten allerdings eher wie ein seufzendes: Früher war alles besser.

Rendueles predigt denn auch nicht die Revolution, sondern eine eher altmodische, behutsame, gemeinschaftliche Form der Subversivität - und in der Tat war es das, was in Spanien die schlimmsten Folgen der Euro-Krise abgemildert hat: Familiensolidarität, Sozialarbeit, gemeinschaftliches Engagement in Gruppen wie etwa gegen Zwangsräumungen von Wohnungen - das war die Keimzelle von Podemos.

Nichts, so schließt Rendueles, sei für den "postmodernen Kapitalismus" so abstoßend wie die Versuche, gesellschaftliche Entwürfe auf der Grundlage dessen zu errichten, was wir sind und schon immer waren: "Kinder, Mütter, Geliebte, Nachbarn, Freunde, Genossen." Lieber mal auf eine Beförderung oder einen berufsbedingten Umzug verzichten, um für andere da zu sein, und Familienbande und Freundschaften pflegen - oder eben Literatur lesen, die Fragen nach den eigentlichen Triebfedern des Lebens stellt.