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"How to Build a Girl" mit Beanie Feldstein:Diese brennende, lebensbejahende, überbordende Energie

How To Build A Girl

Ihr Kampfnamen ist Dolly Wilde, mit roter Mähne und einem schwarzen Zylinder mischt sie die Popwelt auf: Beanie Feldstein in "How to Build a Girl".

(Foto: Sven Arnstein/Verleih)

Caitlin Morans Story über junge weibliche Selbstermächtigung lässt alles, was man bisher in dieser Art gesehen hat, auf die Sprengkraft von Pixi-Büchern zusammenschrumpfen.

Von Tobias Kniebe

Wie bloß, oh dear, soll man das jetzt in wenigen Zeilen unterbringen? Diese brennende, lebensbejahende, überbordende weibliche Energie, die einem hier aus jedem Bild entgegen strahlt? Diesen Witz, so scharf, dass man Pickel damit enthaupten könnte, diese Bosheit, diesen Teenager-Überschwang, diese schockartige Klarheit der Beobachtung? Sagen wir es mal so: Die britische Coming-of-Age-Komödie "How to Build a Girl" ist eine Story über junge weibliche Selbstermächtigung, die alles, was man bisher in dieser Art gesehen hat, auf die Sprengkraft von Pixi-Büchern zusammenschrumpfen lässt.

Als Erstes liegt das an Caitlin Moran. Sie hat die Romanvorlage und jetzt auch das Drehbuch geschrieben und dabei ihrer eigenen Jugend ein schiefes Denkmal gesetzt. Aufgewachsen in einer Working-Class-Großfamilie in Wolverhampton - der Vater ein verhinderter Rocker, die Mutter depressiv, die Armut erdrückend -, liest sie wie verrückt und schreibt wie besessen. Ihr Kinderzimmer ist mit ihren Göttinnen und Göttern vollgepflastert, von den Brontë-Schwestern über Sylvia Plath bis hin zu Freud und Marx und Frida Kahlo und Jo March. Schreiben und Träumen wird ihr Weg sein, eine gefeierte Bestsellerautorin zu werden, und Englands witzigste Feministin obendrein.

Erst die unglaubliche Beanie Feldstein hatte den nötigen Wumms für die Rolle

Die Hauptfigur heißt Johanna Morrigan und ist, mehr oder weniger, Morans früheres Ich - übergewichtig, himmelschreiend uncool und blitzgescheit (weshalb der Film in Deutschland leider als "Johanna - Eine (un)typische Heldin" verkauft wird). Sie ist sechzehn Jahre alt, wird gemobbt und verlacht und auch von der Lehrerin streng ermahnt, nicht jeden Schulaufsatz auf die Länge von "Krieg und Frieden" auszuwalzen.

Als sie dem landesweiten Aufruf eines Musikmagazins folgt, eine Talentprobe einzusenden, wird sie dort angeheuert, aber als totale Exotin: das Girl mit dem falschen Postcode und der wilden Fantasie, das vom Rock'n'Roll zwar keine Ahnung hat, aber jetzt zu Konzerten fahren darf, etwa zu den Manic Street Preachers, und danach verrückte Formulierungen in die Schreibmaschine haut. Auch äußerlich erfindet sie sich neu, unter dem Kampfnamen Dolly Wilde, mit flammend roter Mähne und einem schwarzen Zylinder auf dem Kopf.

Solche Naturgewalt kann nicht jeder verkörpern. Die Regisseurin Coky Giedroyc musste aus England bis in die USA gehen, um eine Darstellerin mit entsprechendem Wumms aufzutreiben. Sie fand sie in der unglaublichen Beanie Feldstein, Schwester des Topkomikers und "Wolf of Wall Street"-Rabauken Jonah Hill, die sich mit "Lady Bird" und vor allem aber "Booksmart" schon in die Herzen der Kino-Fans gespielt hat. Hier sollte man also unbedingt die Originalversion mit Untertiteln auswählen, um den krassen Wolverhampton-Akzent zu genießen, den sich die Amerikanerin Feldstein für die Rolle draufgeschafft hat. Drei Minuten, und man hat sie für immer als britisch akzeptiert.

Bald darf die talentierte Miss Morrigan zum ersten Mal ein Flugzeug besteigen, es geht nach Dublin zum Interview mit dem fiktiven irischen Herzensbrecher-Popstar John Kite (Alfie Allen). Den entwaffnet sie mit ihrer Unschuld komplett und erfährt viele Geheimnisse, ihr verliebter Fangirl-Text aber wird in der Redaktion in der Luft zerrissen.

Schon wäre der Traum fast wieder vorbei - würde sie nicht konsequent die Lehre daraus ziehen, sogleich die böseste Bitch des britischen Pop zu werden. Bald haut sie eine Schmähkritik nach der anderen raus: Paul Simon "sieht aus wie ein Zeh, auf den jemand ein Gesicht gemalt hat", House of Pain "klingen, als hätten Hoden ihre Musik gemacht", und Tori Amos "hat die Haare und auch die Zukunft eines Mammuts".

Mit der Kritikerin Caitlin Moran, die real für den "Melody Maker" schrieb, war nicht zu spaßen

Hier spürt man, dass mit der Teenage-Kritikerin Caitlin Moran, die real für den Melody Maker schrieb, wirklich in keinster Weise zu spaßen war, manche Bands lecken diese brillant geschlagenen Wunden sicher bis heute. Das gibt dem Film eine dunkle Wucht, die Filmen über das Erwachsenwerden sonst eher fehlt.

Brillante Bosheit kann ja wirklich ein Brandbeschleuniger für Kritikerkarrieren sein, wer wüsste das nicht in diesem Job, und prompt folgt auch für Johanna der Lockruf der Dunkelheit: die Macht genießen, die Huldigungen entgegennehmen, die Angst der Musiker spüren, den Eltern aber derweil die Miete und das neue Auto bezahlen. Denn wohnen muss sie immer noch zu Hause.

Ihr Sexleben explodiert, ihr Ego auch, sie schmeißt die Schule und verhöhnt ihren Vater als den Loser, der er nun einmal ist, schließlich verrät sie für eine Titelgeschichte auch noch John Kite, die einzige schöne und vertrauensvolle Seele, die ihr in dem ganzen Zirkus begegnet ist. Schlimmer noch: Die britische Klassengesellschaft, das alte hässliche Monster, besiegt sie natürlich trotzdem nicht.

Wenn die sexistischen Kollegen sich nicht über ihre Texte kaputtlachen, lachen sie über sie - das Gossengirl, das wie ein Elefant durch den Porzellanladen ihrer Distinktion donnert. Bald wird das alles zu viel, Johanna kommt schnell wieder ganz unten an. Nur ihr Talent und ihre Energie sorgen dafür, dass sie sich selbst noch einmal völlig neu und zukunftsträchtig zusammenbauen kann.

Das ist alles schon sehr, sehr toll. Was aber tun am Ende, wenn eine Erkenntnis der Story doch ist, dass man Kritikern jeder Art nicht vertrauen kann? Vielleicht glauben Sie stattdessen den Caitlin-Moran-Fans, die hier in winzigen Rollen mitspielen, einfach um bei dem großen Spaß dabei zu sein. Zu ihnen zählen so klangvolle Namen wie Emma Thompson, Michael Sheen, Gemma Arterton und Lily Allen.

How to Build a Girl, GB/USA 2020 - Regie: Coky Giedroyc. Buch: Caitlin Moran. Kamera: Hubert Taczanowski. Mit Beanie Feldstein, Paddy Considine, Sarah Solemani, Alfie Allen, Frank Dillane. Auf DVD und iTunes, Amazon, Google Play etc., 102 Minuten.

© SZ/knb
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