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Büchner-Preis:Punker, Raver, DJ

Rainald Goetz wiederum sprach selbst, konzentriert und immer noch mit der Verve des einstigen Punkers, Ravers und DJs. Zu den weniger erbaulichen Begleiterscheinungen des Älterwerdens beispielsweise: "Selten wird es gesagt, in welchem Ausmaß die Produktion von Kunst, die ja ein Element des Ekstatischen braucht, durch das Altern beschämt, ruiniert, verunmöglicht wird. Das Leben zerstört die innere Stimme, der Maßstab, mit dem ich mich früher nur öffnen musste, um zu erfahren, was soll, kann, was darf nicht, ist verschwunden. Es gibt gar kein Ich mehr. In der Literatur, wo das Ich der Schrift alles ist, sind die Folgen katastrophal. Das Ich ist aus mir hinaus ausgewandert und in die Welt hinein, dort steht es mir fremd gegenüber zum Verwechseln ähnlich mit den vielen anderen da draußen." Und unter diesen vielen sind eben nicht nur die Guten: "Das Schreiben altert nicht gut, man sieht es an sich selbst, sieht es an vielen Beispielen anderer."

Doch da ist und bleibt Rainald Goetz, der approbierte Arzt, ein präziser Beobachter, liegt darin seine zuweilen zornige Geistesgegenwart. Er ist ein mit hoher Musikalität versehener Lauschender.

Was er tagaus tagein so vernimmt und notiert - in seinen Büchern registriert er vor allem die Stimmen und Töne der Medien -, empfindet er als zumeist eher unerquicklich. Das macht ihn umso reizbarer gegenüber allem "Gelabere", vor allem, wenn es sich politisch gibt, und bloßes "Meinen" mit den Weihen des Schriftstellers und Künstlers zu heiligen sucht. Ihm ist die gegenwärtige "Freude an der Rückkehr des politischen Schriftstellers" schon wieder suspekt, denn er ist sich der vielfach gebrochenen Erfahrungen und schließlich der zähen Langsamkeit der Prozesse bewusst, deren jede Kunst bedarf.

Ein Chronist der Gegenwart und ihrer Kultur

Und prompt meldet sich Goetz, der Orator und Citoyen zurück: "Wenn man sich anschaut, wie Autoren, die politische Bücher geschrieben haben, jetzt zu den großen Themen und Weltkrisen öffentlich die parapolitischen Trivialitäten, die zur Zeit überall erstehen, allen Ernstes als eigene Sätze, die etwas Selbsterdachtes vertreten sollen, in Interviews daherreden und sich dabei sichtlich wohlfühlen, muss man sagen, Auftrag der Sprache, der Schrift, der Literatur verfehlt, Sprechakt eitel, unpolitische Aktion." So konform mit den Aufgaben einer Akademie für "Sprache und Dichtung" wurde das selten gesagt.

Da ist es nur logisch, dass Goetz, der sich laut Preisurkunde "mit einzigartiger Intensität zum Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur" gemacht hat und seinen jüngsten Roman "Johann Holtrop" im Bankenmilieu spielen lässt, das enge Verhältnis von Literatur und Journalismus zur Sprache bringt. Beide können einander zwar befruchten und sogar verehren, so Goetz, doch bleiben sie Konkurrenten um das Wort, die Schrift, den Text - die Literatur auch aus einer "Außenkritik" am Journalismus, die dieser selbst "nicht leisten kann, aber braucht".

Am Ende seiner Rede sang Rainald Goetz dann ein Lied der Wiener Indie-Rock-Band Wanda: "Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!"

© SZ vom 02.11.2015/doer/pak
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