Georg-Büchner-Preisträger Rainald Goetz Den angesägten Schädel aufgemeißelt

In den Achtzigern wurde Rainald Goetz rasend schnell berühmt: 1983 schnitt er sich beim Ingeborg- Bachmann-Wettbewerb mit einer Rasierklinge die Stirn auf, im Herbst 1983 erschien sein Roman "Irre".

(Foto: Screenshot ORF)

"1980 sehr viel Bier und Blut": Dieser Satz steht im Lebenslauf von Rainald Goetz' Dissertation. Der Gewinner des Büchner-Preises provoziert gerne - auch schon mal live auf der Bühne.

Von Lothar Müller

Rainald Goetz ist einer der wichtigsten Vertreter deutscher Popliteratur. Jetzt hat ihn die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Zu diesem Anlass zeigen wir Ihnen nochmals, wie alles begann - SZ-Literaturkritiker Lothar Müller über Goetz' Anfänge als Autor in den 80ern.

Jahrzehnte sterben jung. Die sich an sie erinnern, sorgen dafür, dass ihr Nachleben nie zu Ende geht. Manchmal kleben noch Plakate mit Einladungen zu einer "Achtziger-Jahre-Party" an Verteilerkästen. Da ruhen die Nachrufe schon längst im Textarchiv. "Alles, was knallt" hieß im Januar 1992 der Spiegel-Artikel von Rainald Goetz über Maxim Billers Buch "Die Tempojahre", eine Sammlung von Polemiken, Reportagen, Kolumnen und Shortstorys aus der Zeitschrift Tempo. Die Achtzigerjahre nannten das ein "Zeitgeistmagazin".

Der Rezensent nahm das "Buch, das total gute Laune hat" zum Anlass für einen Nachruf: "So waren die achtziger Jahre. Ich habe sie gehasst." Es war aber das Jahrzehnt, in dem der Hass, vorangetrieben von Punk-Rhythmen, von Erfolg zu Erfolg gestürmt war und eine heftige Affäre mit der guten Laune begonnen hatte. Die berühmte Maxim-Biller-Kolumne, die in der Zeitschrift Tempo für die beste Laune sorgte, hieß "100 Zeilen Hass". Nach einer Zeile Hass setzte Goetz seinen Nachruf auf die Achtzigerjahre so fort: "Erst kam Acid, dann kam 1989. Heute ist das Geschichte, tief versunken. Normalität. Kein Mensch muss sich mehr wehren gegen den gnadenlosen Terror der guten Laune, die Massen an Spaß und Meinung und Blödmannskultur. Dieser ganze saulustige Dreck, den einem ein ganzes Jahrzehnt, vielleicht das beste dieses Jahrhunderts, sekündlich immer neu den Hals hinunter rammen wollte mit dem brutalen Gegenwartsrammhammer, liegt heute als friedlich niedlicher Jüngstvergangenheitsmüll in der Gegend herum, zur gefälligen Benützung."

In dem Jahrzehnt, das Rainald Goetz 1992 verabschiedete, war er selbst zum Autor und rasch berühmt geworden. Im Sommer 1983 hatte er sich beim Ingeborg- Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit einer Rasierklinge die Stirn aufgeschlitzt und sein Manuskript blutend verlesen, im Herbst 1983 erschien sein Roman "Irre". Aber wann beginnt eine Autorschaft? Mit dem ersten Roman? Mit einer spektakulären stummen Geste, die in die Chronik des Jahrzehnts und ins Youtube-Archiv eingeht? Autorschaft beginnt damit, dass einer schreibt, schreibt, schreibt, Formate ausprobiert, Standard-Tonarten kopiert, auch mal umformatiert.

Dissertation und Provokation

Rainald Goetz hat seine medizinische Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität in München 1982 vorgelegt: "Das Reaktionszeit-Paradigma als diagnostisches Instrument in der Kinderpsychiatrie". Wie in jeder Dissertation steht auf dem letzten Blatt der selbst verfasste Lebenslauf des Autors. Er endet hier nicht mit dem Standardsatz "Im Herbst 1981 legte ich das 3. medizinische Staatsexamen ab und wurde als Arzt approbiert", sondern so: "Seit 1976 literaturkritische und essayistische Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften. Seit Winter 1979 DAMAGE. 1980 sehr viel Bier und Blut. 1981 Freizeit 81, LIPSTICK, Tempo Tempo, Anarchie. Derzeit Frechheit 82, es geht vorann, aufwiedaschann."

Von den Münchner Punkkneipen "Damage" und "Lipstick", von der Aktionsgruppe "Freizeit 81", die Punk und Politik verschmelzen wollte, führen Wege in den Roman "Irre". Sie sind in den Abhandlungen zur Literatur der Achtzigerjahre beschildert. Aber die Literaturkritiken und Essays, die der Mediziner seit 1976 in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, entstehen parallel zu einer zweiten Dissertation. Der Mediziner hat ein Doppelstudium absolviert und im Fach Alte Geschichte auf Anregung seines Lehrers Hermann Bengtson das Thema "Freunde und Feinde des Kaisers Domitian" bearbeitet, als eine "prosopographische Untersuchung", so nennt man die Analyse von Personengruppen.

Alte scheinbare Sicherheiten einreißen

Mustergültig fällt in dieser im Juli 1978 verteidigten Dissertation am Ende der Lebenslauf aus; den Duktus einer wissenschaftlichen Laufbahnschrift beherrscht ihr 24 Jahre alter Autor vollkommen: "Die Untersuchung ist zu ihrem Ende gekommen. Das prosopographische Material zur Umgebung Domitians wurde zusammengetragen. Die Auseinandersetzung in der Forschung dazu wurde referiert, diskutiert und - wo es möglich schien - durch neue Interpretationsvorschläge erweitert. In einigen Fällen bestand diese Detailarbeit auch darin, alte scheinbare Sicherheiten einzureißen, die Grenzen unseres Wissens zu betonen und die Forschungsaussagen auf das tatsächlich Rekonstruierbare zu beschränken."

Rainald M. Goetz heißt der Verfasser dieser Dissertation, unter diesem Namen publiziert er 1977 in der Süddeutschen Zeitung die dreiteilige Artikelserie "Aus dem Tagebuch eines Medizinstudenten", im Ressort "Gesellschaft und Familie", nicht im Literaturblatt. Aber der Bericht aus der Psychiatrie-Vorlesung beginnt und endet als Paraphrase von Büchners "Lenz", das Auftaktstück "Anatomie" führt in die "Morgue" Gottfried Benns: "Wir haben seinen bereits angesägten Schädel völlig aufgemeißelt. Wir haben die Kalotte abgehoben, die harte Hirnhaut eröffnet, das Gehirn am Stamm abgeschnitten und aus der Schädelbasis genommen."

Infiziert vom Geist der Kritik

Am 19. Oktober 1981 erschien die "Spiegel"-Rezension von Rainald Goetz über das neue Buch von Botho Strauß.

(Foto: SZ)

Der Mediziner und Althistoriker auf dem Weg zur Autorschaft war, während er die wenig verlässlichen Quellen zu den Freunden und Feinden Domitians studierte, ein hingebungsvoller Feuilletonleser, infiziert vom Geist der Kritik. Der junge Autor Rainald Goetz machte die literarische Kritik zu einem seiner Aktionsfelder, zunächst vor allem der Kinder- und Jugendliteratur, so wurde er zum - freundlichen - Rezensenten des im Herbst 1979 erschienenen Romans "Die unendliche Geschichte" von Michael Ende, des ersten großen Bestsellers der Achtzigerjahre. Als er 1981 für Hans Magnus Enzensbergers Zeitschrift Transatlantik seine Reportage "Reise durch das deutsche Feuilleton" schrieb, war er schon Rezensent beim Spiegel und hatte am Beispiel des Romans "Kälte" Thomas Bernhard gegen die gefällige Lesart verteidigt, das Lungenleiden sei nur Modellfall für eine "universale Allegorie". Nein, schrieb der Arzt, das ist Realismus des Körpers und der Institutionen.

Da war er schon auf dem Weg zu dem Text, der im Rückblick als Schlüsselmoment in der Literatur der frühen Achtzigerjahre erscheint: der Spiegel-Rezension zum Prosa-Band "Paare, Passanten" von Botho Strauß im Herbst 1981. Die Freunde mögen das Buch nicht, und er selbst hatte in seinen Notizen Einspruch erhoben "gegen Strauß' Zivilisationslamento, für Fernsehen, für Neon, Plastik und Beton. " Aber gegen diese Bedenken sprach die Gier der Lektüre, der Sog des Buches, der ins "Dickicht des Lebendigen" hineinzog. So bekannte sich der Rezensent als "in den Bann einer eigentümlich festlichen Sprache gezogen, und vollends verführt von der radikalen Unbedingtheit der hier vertretenen Lebenshaltung: eine Unerbittlichkeit und ein Ernst der eigenen Arbeit gegenüber, dem Schreiben; ein maßstabsetzender Moralismus." Die Parole des Romans "Irre war dann: "Don't cry - work."