Buchparty für Friedrich Liechtenstein Zwischen Gold und Grießbrei

Friedrich Liechtenstein: "Ich bin kein Schriftsteller."

(Foto: picture alliance / dpa)

Friedrich Liechtenstein hat für einen Supermarkt in Milch gebadet, gesungen und getanzt. Das machte ihn berühmt. In Berlin hat er nun sein erstes Buch, "Selfie Man", gefeiert - ironisch bis zur Sinnleere.

Von Anna Günther , Berlin

Friedrich Liechtensteins Fans jubeln schon, als der Bärtige mit Gold-Brille und Gold-Nägeln sich noch nicht mal gesetzt hat: Er imitiert Kinderstimmchen und räumt einen Brokat-Bademantel vom Stuhl. Im Saal gluckert das Lachen. Liechtenstein entschuldigt sich. Es kann losgehen.

Friedrich Liechtenstein ist eine Komplett-Inszenierung. Seit Jahrzehnten ist er in der Berliner Kunstszene unterwegs, einem größeren Publikum wurde er aber erst Anfang des Jahres bekannt, als er für die Supergeil-Edeka-Werbung in Milch badete. 12,3 Millionen Menschen haben das Video bei Youtube angeschaut. Jetzt hat er auch noch ein Buch geschrieben.

"Selfie Man", der Titel lässt es erahnen, ist ein Bilderbuch, das Tagebuch sein will und auf 174 Seiten jedes erdenkliche Wortspiel mit dem Wort "Tag" unterbringt. Eröffnet von den Dudelklängen einer Elektro-Orgel begann am Dienstagabend die Buchparty des Blumenbar-Verlags im Berliner Babylon-Kino. Flair des Abends war gleich klar: irgendwie anders, skurril - und das ein bisschen zu gewollt.

Junge Mädchen springen ihn an

Auffällig viele Gäste waren in Schwarz oder flatternden Kleidern gekommen, die Haare trugen alle lang und wild - die Männer auch im Gesicht. "Ich trug immerhin schon Bart, als das noch nicht Trend war", sagt Liechtenstein. Auch wenn er damit kokettiert, von jungen Mädchen seit dem Werbespot zuweilen sogar angesprungen zu werden: Die Geschlechter waren gut gemischt.

Die Idee zum Buch entstand, weil man im Blumenbar-Verlag unbedingt etwas mit Friedrich Liechtenstein machen wollte, ihn zu fassen bekam und der Künstler gerade Zeit für ein schnelles Projekt hatte. Die Zeit nannte Liechtenstein einst "Selfie Man", denn nach dem Hype um das Youtube-Video fragten immer mehr Menschen Liechtenstein auf der Straße nach einem gemeinsamen Foto. Also bat der Verlag auf dessen Facebook-Seite um die Bilder und machte binnen zwei Monaten aus ein paar echten und einigen neuen Selfies dieses Buch.

"Ich war auch ganz klein als Kind"

Neben den scheinbar schnell geschossenen Handyfotos mit Fans, Essen oder Gegenständen stehen Liechtensteins mal skurrile, mal überraschend weise Sprüche über das Leben. Da steht dann unter Muttertag "Ich war zum Beispiel auch ganz klein als Kind und bin hingefallen, habe eingemacht und auch Grießbrei gegessen." Oder zum Thema Tag und Nacht: "Es gibt immer Leute, die sagen: 'Oh, die haben's gut, die haben da ihr schniekes Haus', und hinter der Gardine steht die Frau des Hauses und denkt: 'Ich gehe hier zugrunde.'"

Ein Schriftsteller sei er nicht, sagt Liechtenstein. Er nennt sich Performer. Das Nichtschreiben geht so weit, dass er für das Bilderbuch keinen Satz geschrieben haben will. Die Aphorismen habe er Helfern ins Diktiergerät gesprochen und den Gedanken bis dahin einfach mit sich herumgetragen. Das Vorwort, der einzige Text des Buches, der länger ist als zehn Zeilen, hat Liechtenstein auch nicht selbst geschrieben. Aber unterschrieben. "Der zweite Beschiss im Buch", stellte Moderator Hajo Schumacher genüsslich fest und freute sich etwas zu sehr, auch mal Oberwasser im Gespräch zu haben. Als ersten "Beschiss" identifizierte er das Cover des Buchs, denn das Bild ist komponiert und kein Selfie.

Bitte mehr Gesang

Was an diesem Abend im Berliner Babylon Kino ernst gemeint war und was nicht, konnte niemand mehr so genau erkennen. Liechtensteins Kunstform ist die Ironie, und irgendwann schienen alle seine Aussagen derart ironisch gebrochen zu sein, dass sie entleert und in Scherben auf den Kinoboden purzelten. Liechtenstein selbst sieht das Buch als Brücke zwischen dem Kult-Spot und seinen Konzeptalben. Dazwischen gebe es einen großen Graben. "Mit dem Buch bringe ich die Leute allmählich in die Nähe von 'Bad Gastein'", sagt er - näher an sein eigentliches, sein musikalisches Werk. Das neue Album erscheint demnächst auf Platte und CD.

Wie diese Brücke konnte man auch den Abend empfinden, das zuweilen bemühte, längliche Gespräch zwischen Moderator und Performer war der Weg zu den eigentlichen Glanzpunkten: Liechtenstein sang drei Songs mit seiner sonoren Bassstimme und tat damit, was er wirklich kann: Künstler sein und zugleich Kunstobjekt.