Buch über Wellness als Ideologie Wenn Sportlichkeit den Wert eines Menschen bestimmt

Die Großstadt als Fitnesspark: eine Yogagruppe in Hongkong.

(Foto: picture alliance / dpa)

Gesund leben - eine individuelle Entscheidung? Nein, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Carl Cederström. Wir alle haben uns längst einer "Wellness-Ideologie" unterworfen.

Interview von Johanna Bruckner

Sport machen, gesund essen, sich auch um das eigene geistige Wohlbefinden kümmern - das sind längst keine individuellen Lebensstilentscheidungen mehr, das ist eine Ideologie. Sagt Carl Cederström, Assistenzprofessor für Organisationstheorie an der Stockholm Business School. Gemeinsam mit dem britischen Wirtschaftswissenschaftler André Spicer hat er ein Buch zum Thema veröffentlicht.

SZ.de: Herr Cederström, treiben Sie Sport?

Carl Cederström (lacht): Nachdem André und ich unser Buch veröffentlicht hatten, kamen viele Leute zu uns und beschwerten sich: "Ihr kritisiert all diese Dinge - aber habt ihr irgendetwas davon auch selbst ausprobiert?" In meinem Fall lautete die Antwort: nein. André ist tatsächlich schon zwei Marathons gelaufen - und mittlerweile hat er mir gestanden, dass er sich während der Arbeit an unserem Buch mit dem Konzept der Achtsamkeit beschäftigt hat, weil es so stressig war. Wenn man so will, ein kleiner Verrat an unserem Projekt.

Sie sagen: Wellness diktiert die Art und Weise, wie wir arbeiten, leben, studieren und Sex haben. Wellness ist eine Ideologie.

Ja. Und das ist durchaus schon länger so - wobei sich die Ideologie stark verändert hat. 1935 war auf dem Cover des "Jahrbuchs der Hitlerjugend" zu lesen: "Dein Körper gehört nicht dir, dein Körper gehört deinem Land, dein Körper gehört dem Führer. Es ist deine Pflicht, gesund zu sein." Kranke wurden als Gefahr, als Hemmnis für die aufstrebende Nation gesehen. Heute haben wir eine ganz andere Art von Ideologie, auch wenn mancher dafür den Begriff "Gesundheitsfaschismus" verwendet. Ich würde eher von Gesundheitskapitalismus sprechen.

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Wie meinen Sie das?

Gesünder zu leben, ist eine omnipräsente Maxime. Wir begegnen ihr auf Werbeplakaten, hören sie von Politikern, aber auch von Freunden, die uns für ihre neueste Diät begeistern wollen. Wenn wir uns fragen: Warum ist das so, warum sollen wir gesünder leben? - dann ist man schnell bei ökonomischen Zusammenhängen. Ein gesunder Arbeitnehmer ist ein leistungsfähiger Arbeitnehmer, der seltener ausfällt und insgesamt länger arbeiten kann. Das nutzt nicht nur dem Arbeitgeber, sondern auch dem Staat.

In Ihrem Buch beschreiben sie eine schwedische Firma, in der es zwangsweise Fitnesseinheiten gibt.

Ja, zweimal in der Woche wird dort auf Anordnung des Arbeitgebers Sport gemacht. Wer wiederholt nicht teilnimmt, muss mit Sanktionen rechnen: Man wird zu einem sogenannten "Lifecoach" geschickt, muss damit rechnen, dass das Gehalt eingefroren wird, und als letzte Sanktion ist auch eine Kündigung möglich. Das Erstaunliche ist nun: Die Mitarbeiter empfinden das nicht als Gängelung, sondern als Chance - einer sprach mir gegenüber von einer Art "Arbeitslosenversicherung". Die Angestellten haben verinnerlicht, dass ihre Gesundheit ein Teil ihres Kapitals ist.

Gibt es weitere Profiteure?

Natürlich die gesamte Wellness-Branche. Und ich würde auch sagen, dass all jene profitieren, denen es ohnehin schon gut geht: Denn natürlich können eine gesunde Ernährung und Sport das Wohlbefinden und die Lebenserwartung steigern - nur braucht man eben auch den entsprechenden Geldbeutel, um sich einen Yoga-Kurs oder die Mitgliedschaft in einem Crossfit-Studio leisten zu können.

Es gibt also auch Verlierer der Gesundheitsideologie?

Eine Ideologie ist etwas, auf das sich - scheinbar - alle verständigen können. Aber natürlich schließt jede Ideologie auch aus: Es gibt Menschen, die dämonisiert, ja sogar bestraft werden. In manchen Jobs bist du heute nicht mehr willkommen, wenn du rauchst; in mehreren amerikanischen Krankenhäusern ist das der Fall. Es werden Urintests durchgeführt, um zu überprüfen, ob jemand wirklich Nichtraucher ist. Und vor einem Jahr verkündete der britische Premier David Cameron, dass übergewichtigen Sozialhilfeempfängern die Unterstützung gestrichen werden könne, wenn sie sich weigerten, Sport zu treiben.