bedeckt München 24°

Brockhaus am Ende:N-Z: "Wahr für alle Zeit"?

M>arktführer blieb die Brockhaus-Enzyklopädie bis in unsere Tage. Die 20. Auflage kam in 24 Bänden ab 1996 auf den Markt, die 21. ab 2005 in 30 Bänden. Erstmals war hier eine DVD beigelegt. Brockhaus musste sich dem Digitalzeitalter stellen, das erst mit Lexikon-CDs für den Personal Computer, dann mit dem Wikipedia-Projekt das Konzept des Buchwissens völlig revolutionierte.

N>ichts Vergleichbares war in den fast zweihundert Jahren enzyklopädischen Wissens zuvor geschehen.

O>hne Online-Anbindung kam keines der früher führenden Häuser mehr aus. Das Wissen aktualisierte sich ständig selber. Wo früher ganze Wissenschaftsstäbe Artikel verfassten und betreuten und das Wissen, das Einzug in die Druckerzeugnisse erhalten durfte, besonders bewertet und gewichtet, als herausragend und "wahr" (am besten: "wahr für alle Zeit") eingestuft hatten, entspann sich mit Produkten wie etwa der Encarta von Microsoft, die früh über Online-Aktualisierungen verfügten, eine Konkurrenz, die Wissen nicht mehr als Konversationsstoff verstand, sondern auf seinen Gebrauchswert hin fasste.

P>raktisch überholt wurde Brockhaus dann von Nachrichten, die das Projekt Wikipedia, eigentlich ein Crowd-Sourcing für Wissen, mit der Güte von etablierten Enzyklopädien verglichen - und Wikipedia für satisfaktionsfähig erklärten.

Q>ualität und Verbürgtheit des Wissens sind demnach nicht mehr Alleinstellungskriterien, die den Kauf einer 24-bändigen Enzyklopädie rechtfertigen. Hinzu kommt aber noch etwas Anderes. Das Statut des Wissens selber hat sich geändert.

R>eichte von Anbeginn an die Befähigung zum Salon-Talk als Begründung für die Enzyklopädie und ihren Erwerb, so nivelliert sich Wissen mit dem Aufkommen von Online- und CD-Enzyklopädien zum Gebrauchswissen, das bei jeder Gelegenheit abrufbar ist. Niemand kann mehr mit den Feinheiten des Raster-Elektronenmikroskops in einem Gespräch brillieren, wenn jeder diese Feinheiten kennen kann. Das, was man weiß, zeichnet niemanden mehr aus, heißt das. Es geht heute mehr darum, was man aus diesem Wissen macht, wozu es gut und nütze ist.

S>eit dem Aufkommen der Enzyklopädien warnten selbst die Enzyklopädisten davor, dass mit dem gebundenen, gebündelten Wissen zuviel Information in die Welt komme. Denis Diderot, der Autor der ersten modernen Enzyklopädie, der großen französischen Encyclopédie (1751-1772), schrieb: "In den kommenden Jahren wird die Zahl der Bücher kontinuierlich anwachsen", daher komme irgendwann der Moment, "an dem es fast so schwer sein wird, aus Büchern zu lernen, wie aus der direkten Anschauung des gesamten Universums." Dennoch mokierte er sich auch darüber, dass auch seine Enzyklopädie dazu beitrage, die Leute zu blenden. Im Abschnitt "Philopsoph" schreibt Diderot: "Nichts ist heutzutage einfacher, als ein Philosoph genannt zu werden; ein Leben in Obskurität, einige wenige tiefgründige Äußerungen, ein wenig Belesenheit sind genug um jene zu überlisten, die diesen Namen Leuten verleihen, die ihn nicht verdienen."

T>atsächlich ist die Klage über die Informationsflut so alt wie das Wissen selber. Was man bedenken, beherzigen, kennen muss, passt nicht mehr zwischen 48 Buchdeckel, auch wenn sie in Leder ausgeführt sind, das dem Wissensschatz die gebührende Ummantelung gibt und eine bei aller Unabgeschlossenheit dennoch eine Überschaubarkeit und Handhabbarkeit suggeriert, die sozusagen nur auf den passenden Augenblick wartet, um abgerufen zu werden. Doch: die Regalmeter Enzyklopädie für den ausgeruht gepflegten Umgang mit Wissen sind nie da, wo Wissen gerade gebraucht wird.

U>nser Leben ist so sehr zum Wissenleben geworden, unsere Mobilität verlangt derart viele Auskünfte, dass eine Auskunftei im Wohnzimmmer nicht mehr hinreicht, das Leben wissenmäßig zu bewältigen. Wir müssen zu oft nachschlagen, als dass uns die Lederbände noch wirklich helfen könnten, heißt das.

V>iel hat sich geändert: Es geht, und hier ändert sich das Wissensstatut, nicht mehr darum, in aller Ausführlichkeit vom Stand einer Technologie und eines Verfahrens zu erfahren. Denn, Technologie und Verfahren ändern sich zu schnell, als dass sie in Druckerzeugnissen gefasst werden könnten. Enzyklopädien, so traurig das klingt, kommen hier immer ein wenig zu spät und berichten von dem, was mal war. Nicht von dem, was gerade ist.

W>er heute auf Wikipedia nachschlägt, tut dies meist über sein Smartphone, er ist unterwegs, wenn er etwas wissen will. Der Wissensanspruch ist immer akut und kann nicht auf die Salon-Konversation warten, in der ein Phänomen, ein Problem debattiert wird.

X>aver Affentranger war ein 1897 geborener Schweizer Ski-Springer, Nordischer Kombinierer und Skilangläufer, der 1924 bei den Olympischen Spielen in allen drei Disziplinen antrat. Im Enzyklopädischen Zeitalter war das eine Information, die Stirnrunzeln hätte hervorrufen können, wenn man sie auf einer Party verlautbart hätte. Warum weiß jemand sowas? Heute wissen alle, dass man in Wikipedia nach dem Buchstaben "X" gesucht hat, irgendwas mit "X"!, und jeder darauf stoßen wird. Xaver Affentranger ist nicht einmal mehr eine kuriose Information.

Y>psilon stammt aus dem Griechischen und bedeutet "schlichtes i" (ὔ - ψιλον; ψιλον - schlicht, einfach, kahl, leer, bloß). Dieses Y kommt in den Sinn, wenn man heute vom Ende des Brockhaus liest. Denn obwohl es noch unzählige Enzyklopädien in den Bücherregalen des beflissenen Bildungsbürgertums gibt, genauso ist klar, dass es sich hier nur noch um einen kahlen, leeren, einfachen Dialekt des Wissens handelt, eine Ausformung, die eben so vergänglich ist wie die Webstühle am Ende des 19. Jahrhunderts.

Z>uletzt seien die Brockhaus-Lexika vor allem über den Direktvertrieb vermarktet worden, sagte eine Sprecher in Gütersloh. Damit werde nun der größere Teil des Geschäfts aufgegeben. Es sei nur ungenügend gelungen, neue Kunden zu gewinnen und den bestehenden Kunden neue Produkte zu verkaufen, räumte Bertelsmann ein. Die Marke Brockhaus gehört zum Wissenmedia Verlag. Der ist wiederum Teil des Direktvertriebsunternehmens InmediaOne. Das wird seine Arbeit in den kommenden zwölf Monaten schrittweise einstellen. Ein Großteil der 300 Arbeitsplätze an den Standorten Gütersloh und München fällt weg. Dazu kämen noch rund 300 selbstständige Handelsvertreter, sagte Fernando Carro der Neuen Westfälischen in Bielefeld. Er ist bei Bertelsmann verantwortlich für das Club- und das Direktkundengeschäft. Ein Sozialplan soll erarbeitet werden. "Die Zukunft der Marke Brockhaus ist noch unklar", sagte Pressesprecher Matthias Wulff. Denkbar sei, eine Lizenz für die Marke Brockhaus zu vergeben. "Denn Brockhaus ist ja eine gute Marke."