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Sachbücher über Inseln:Die Möglichkeit einer Insel

Dubai Air Games 2015

Sicherheit und Sauberkeit: Eine der künstlichen "Palm Islands" in Dubai.

(Foto: Ali Haider/picture alliance / dpa)

Woher kommt die Sehnsucht nach Isolation? Ein Arzt und ein Autor suchen in ihren Büchern nach Antworten.

Von Nicolas Freund

Noch vor zehn Jahren spielte die Tatsache, auf einer Insel zu leben, für die meisten Briten keine große Rolle. Klar, geografisch ist Großbritannien eine Insel, oder vielmehr ein Archipel. Aber so richtig zählte das nicht, auch wenn Briten vom Rest Europas noch immer gerne als "the continent" sprechen. Man kann ja mit dem Zug nach Paris fahren und überhaupt: Als Zentrum des ehemaligen British empire ist man natürlich eher so etwas wie ein eigener Kontinent, eine eigene Welt oder mindestens ihr Zentrum.

Der Brexit scheint im kollektiven britischen Bewusstsein wieder klargemacht zu haben, dass man sich tatsächlich auf einer Insel im Atlantik befindet, die mit dem Kontinent eben nicht natürlich verbunden ist. Gleich zwei sehr verschiedene Sachbücher britischer Autoren haben sich nun auf die Spuren dessen begeben, was eine Insel ausmacht, und obwohl es in beiden nicht oder kaum um Großbritannien geht, lesen sie sich doch auch wie Analysen der eigenen Lage.

Alastair Bonnett ist als Professor für Sozialgeografie ein Experte für die Beziehungen von Menschen zu dem Land (oder Wasser), das sie bewohnen. Er hat mehrere Bücher über "Die seltsamsten Orte der Welt" geschrieben, und sein neues Insel-Buch ist durchaus auch eine Fortsetzung dieser Reihe. Bonnett verkündet nicht weniger als "Das Zeitalter der Inseln", wie der Titel seines Buches lautet. Klimawandel und neue technische Möglichkeiten seien bereits dabei, unsere Welt grundlegend zu verändern, und dies zeige sich insbesondere am Entstehen und Vergehen von Inseln, so die These Bonnetts. Eine spannende Prämisse, denn die Menschheitsgeschichte ließe sich, ob kulturell, politisch oder wirtschaftlich, in weiten Teilen als eine Geschichte der Inseln schreiben, angefangen von Odysseus' Insel-Hopping bis zu den populistischen Abschottungsversuchen der Gegenwart.

Die Berichte von knapp zwei Dutzend Inseln und Archipelen bilden ein bedrohliches Panorama

Bonnett besucht zunächst neue, künstliche Inseln wie den Flughafen Hongkongs oder das absurde Luxusbauprojekt "The World" in Dubai. Er spricht mit Einheimischen, geht, sofern sie zugänglich sind, auf den Inseln spazieren und trägt alle verfügbaren Informationen über Entstehung, Sinn und Zweck der Bauten zu einer Art Reportage zusammen. In Dubai zum Beispiel wohnt er bei einem jungen, westlichen Karrierepaar, das sich wegen der Sicherheit und Sauberkeit für ein Haus auf den künstlichen "Palm Islands" entschieden hat, sich nun aber Sorgen macht, da das Kind kaum draußen spielen kann, einerseits wegen der extremen Temperaturen, aber auch, weil es auf der Insel außer Villen und Brackwasserkanälen nichts gibt.

Der Lebensraum der künstlichen Inseln kann den verschwindenden Raum der natürlichen Inseln selten ersetzen: Auf der wegen des steigenden Meeresspiegels vom Untergang bedrohten Pazifikinsel Fafa, beschreibt Bonnett, erodiert eine Seite der Insel derart schnell, dass im Küstenwasser noch die Palmstämme vom letzten Erdrutsch schwimmen.

Alastair Bonnett: Das Zeitalter der Inseln. Von untergehenden Paradiesen und künstlichen Archipelen. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. C. H. Beck Verlag, München 2021. 246 Seiten, 23 Euro.

Diese Berichte von knapp zwei Dutzend Inseln und Archipelen bilden ein bedrohliches Panorama der aktuellen klimatischen und politischen Entwicklungen, kommen über bloße Beschreibungen aber selten hinaus. Bonnetts Buch ist am ehesten eine Phänomenologie der Insel der Gegenwart. Das ist trotz der unterhaltsamen Anekdoten, die er gesammelt hat, oft frustrierend, da die Kapitel meist abbrechen, wenn es interessant wird und er sich zu einer These durchringt.

Fragen und Ansätze für tiefergehende Nachforschungen gäbe es eigentlich genug. Was bedeutet es zum Beispiel, wenn jemand in der Wüste von Dubai "The World" nachbauen möchte? Was macht dieses lähmende Gefühl im Angesicht des Klimawandels mit den Inselbewohnern? Diese Fragen werden nur gestreift. Meist sind es Gemeinplätze, auf die Bonnetts Ausflüge hinauslaufen.

Er stellt fest, künstliche Inseln seien oft keine öffentlichen Räume, sondern abgeschottete Bereiche. Gleichzeitig versuchten sie häufig, mit Naturschutzgebieten oder -projekten eine verloren gegangene Verbindung zwischen Mensch und Natur wiederherzustellen. Selbst diese Gedanken werden aber von Bonnett kaum weiterverfolgt. Spätestens beim Einbeziehen der Müllteppiche, die auf vielen Ozeanen treiben, wird zwar die Dramatik des menschlichen Einflusses auf die Weltmeere noch einmal verschärft, der Inselbegriff wird damit aber endgültig zu beliebig. Bonnett hat viele Inseln besucht und beschrieben, zu ihrem Wesen durchgedrungen ist er nicht.

Gavin Francis: Inseln. Die Kartierung einer Sehnsucht. Aus dem Englischen von Sofia Blind. Dumont Verlag, Köln 2021. 256 Seiten, 28 Euro.

Anders sein Landsmann Gavin Francis, Arzt und Schriftsteller. Auch er hat Dutzende Inseln besucht, viele davon real, manche auch nur in Büchern oder auf Karten. Zusammengetragen hat er aus Dokumenten, Reiseerlebnissen und der Literatur so etwas wie die Seele des Insularen oder, wie er es nennt, "Die Kartierung der Sehnsucht".

Eine Suche nach dem richtigen Maß zwischen Isolation und Verbundenheit

Neben vielen Karten und Zitaten stehen da Sätze wie: "Ein paar Monate nach meiner Shetland-Reise traf ich, während ich per Anhalter die Hebrideninsel Lewis überquerte, eine neunzehnjährige Französin, die ein staatliches Stipendium erhalten hatte, um durch Schottland zu reisen und Elfen zu suchen." Francis hat auch kein nüchternes Sachbuch über Inseln geschrieben, sondern versucht mit den Mitteln Literatur, Geografie und Reisen dem besonderen Gefühl, das Inseln auslösen, auf die Spur zu kommen.

Er besucht die Orkney-Inseln und ein abgelegenes griechisches Kloster, er beobachtet den Sonnenaufgang an einer Klippe auf den Färöer-Inseln und fragt sich, warum sich bei Robinson Crusoe und dessen Vorbild Alexander Selkirk eigentlich immer alle nur für die Zeit auf der einsamen Insel interessieren. Er stellt mehr Fragen, als er beantwortet, aber die Inseln sind bei ihm mehr als Sandhaufen im Meer, auf denen jemand einen Flughafen oder ein Luxusressort gebaut hat.

Bei Francis geht es um eine Suche nach dem richtigen Maß zwischen Isolation und Verbundenheit, in dem man durchaus die Sinnsuche des Menschen der Gegenwart wiedererkennen kann, zwischen ständiger Erreichbarkeit und gleichzeitigem einsamem Starren auf einen Bildschirm. Mit seinem eigenwilligen, poetisch-assoziativen Verfahren, in knappen literarischen Skizzen eine Stimmung zu erzeugen, wird Francis dieser Sehnsucht gerecht, die Inseln noch immer auslösen. Ein Buch, das einfach aussieht, vom Leser aber erst erschlossen werden muss. Die Reise lohnt sich.

Im Wunsch nach der eigenen Insel ist das Scheitern schon angelegt

In einer Idee finden diese beiden unterschiedlichen Bücher zusammen und schließen unbewusst an den Brexit an: Francis stellt anhand der BBC-Radiosendung "Desert Island Discs", in der Prominente ihre Songs für die einsame Insel vorstellen müssen und die seit 1942 gesendet wird, die Frage, ob es auch eine Lust am Schiffbruch und der einsamen Insel gibt. "Liegt hier der ewige Reiz von Robinson Crusoe? Dass wir alle danach dürsten, uns in der Einsamkeit zu definieren? Dass wir davon träumen, endlich Schiffbrüchige zu sein?"

Auch Bonnett spielt ganz am Ende, als er versucht, die Ohnmacht und Gleichgültigkeit dem Klimawandel gegenüber zu erklären, mit der Idee von einer Art Todeswunsch der Menschheit. Er führt den Science-Fiction-Roman "The Drowned World" von J. G. Ballard an, in dem es die Menschheit instinktiv zurück in den Ozean zieht, aus dem sie gekommen ist - "ein ursprünglicher Drang, an den Ort zurückzukehren, an dem wir entstanden sind, und in das Fruchtwasser des Ozeans zu gleiten, zu schlittern und zu stürzen", schreibt er.

Die Katastrophe als Chance auf den Neuanfang. Das erklärt vielleicht auch die etwas rätselhaften Aussprüche von Gilles Deleuze und D. H. Lawrence, den Bonnett zitiert, die beide die Essenz der Insel auf das Ei zurückführten. Das Eiland als Ort der Wiedergeburt. So hatte sich wahrscheinlich mancher auch den Brexit vorgestellt. Wie neugeboren aus dem Ei zu schlüpfen.

In diesem Punkt kommen die Bücher aber zum selben Schluss: Vor dem Neuanfang liegt erst die Zeit des Schiffbruchs und der einsamen Insel. Francis muss viele Inseln besuchen, bevor er sich schließlich doch mit seiner Familie in der Stadt niederlässt. Viele der künstlichen Inselprojekte, die Bonnett beschreibt, sind nie fertiggestellt worden oder bereits jetzt vom Untergang bedroht. Die Erkenntnis der Briten: Im Wunsch nach der eigenen Insel ist das Scheitern schon angelegt.

© SZ/fxs/cat
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