Kirsten Boie:Kein Preis von der falschen Seite

Kirsten Boie

Kirsten Boie lebt in Hamburg. Sie schreibt für Kinder und engagiert sich für die Leseförderung.

(Foto: Markus Scholz/dpa)

Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie verwahrt sich gegen eine Auszeichnung des Vereins Deutsche Sprache, dessen Bundesvorsitzender öffentlich von "Lügenpresse" und "Genderwahn" spricht.

Von Peter Burghardt, Hamburg

Seit einem knappen Jahr ist Kirsten Boie Hamburger Ehrenbürgerin, die Kinderbuchautorin steht seither in einer Reihe mit Johannes Brahms, Helmut Schmidt oder Uwe Seeler. Sie vermittle jungen Menschen Toleranz und Verständnis und schaffe damit die Grundlage "für ein friedliches Miteinander in einer offenen und demokratischen Gesellschaft", lobte im Dezember 2019 Peter Tschentscher, der Bürgermeister. "Diese Ehrung signalisiert in meinen Augen auch, wie wichtig unserer Stadt Kinder und das Engagement für sie sind", sagte Kirsten Boie bei der Verleihung im Rathaus und nahm die Ehrung an.

Den Elbschwanenorden des Vereins Deutsche Sprache dagegen will sie nicht haben. An diesem Mittwoch sollte Kirsten Boie diese Auszeichnung bekommen, aber die Schriftstellerin hat abgelehnt. "Ich glaube, der VDS hat sich in mir geirrt", schreibt sie. "Das ist kein Verein, von dem ich einen Preis annehmen möchte." Sie bedaure sehr, "dass ich mich erst so spät gründlicher über den Verein Deutsche Sprache informiert habe. Aber wegen der rechtspopulistischen Äußerungen des Bundesvorsitzenden und der eher puristischen Auffassung von Sprache, die sich diametral von meiner unterscheidet, möchte ich den Preis nicht annehmen."

Eine "verkürzte und realitätsfremde Vorstellung von Sprache"

Sie erinnert in ihrer Absage an Zitate des VDS-Vorsitzenden Walter Krämer, der vom "aktuellen Meinungsterror unserer weitgehend linksgestrickten Lügenpresse", der "Überfremdung der deutschen Sprache" oder dem "Genderwahn" sprach oder schrieb. "Mehr noch als die verkürzte und realitätsfremde Vorstellung von Sprache", so Kirsten Boie, "erschreckt mich, wie genau sie sich ausgerechnet in einer Zeit, in der wir mit Sorge einen Rechtsruck in Teilen der Bevölkerung beobachten müssen, in deren Argumentationsgänge einfügt."

Laut Hamburger Abendblatt ist der Hamburger VDS-Regionalleiter Hans Kaufmann "sehr betrübt" und meint, dies sei "nicht unser Hamburger Stil". Allerdings habe laut der Zeitung auch er in seiner Replik vom "linken Meinungsterror" geschrieben, der die Gesellschaft spalte, "ebenso wie das ,Gender-Deutsch', diese ideologische motivierte Sondersprache".

Unter den Elbschwanenorden-Trägern sind unter anderem die Hamburger Wasserwerke, Rainer Moritz, der Hamburgs Literaturhaus leitet, der Musiker Achim Reichel, die Stadtreinigung Hamburg und der verstorbene Publizist Hellmuth Karasek. Kirsten Boie, 70, hat beliebte Kinderbuchreihen wie "Möwenweg" und "Ritter Trenk" verfasst und ist für ihr Werk vielfach ausgezeichnet; sie hatte auch eine Petition an das Bundesministerium für Bildung und Forschung gestartet, Motto: "Jedes Kind muss lesen lernen!" Dass sie nun mit sehr klaren Worten die Ehrung durch einen Sprachverein ausschlägt, dessen Mitglieder sich öffentlich mit Schlagwörtern wie "Lügenpresse" und "Genderwahn" äußern, rechnen ihr viele Leser hoch an. Auf Twitter gab es dafür Applaus: "So geht Haltung gegenüber Rechtspopulismus. Danke Kirste Boie", hieß es, und: "Heute ist ein guter Tag, um ein Buch von Kirsten Boie zu kaufen."

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