Bob Dylan Ein Land, das seine industrielle Identität verliert

Die wahre Lehre, die "Trouble No More" (Sony) für den offenen Hörer bereithält, liegt ohnehin ganz woanders, also eben nicht in der Frage, ob der bis heute weit verbreitete Konsens gerechtfertigt ist, dass Dylans Gospeljahre herablassend als Ausrutscher zu bewerten seien. Viel interessanter sind die unbequemen Konfliktlinien, an denen sich Dylan jenseits des Sermons abgearbeitet hat. Eine tief liegende Skepsis gegenüber den (beginnenden) Auswüchsen des Neoliberalismus und der Globalisierung einerseits sowie der damit einhergehende zunehmende Verlust von Spiritualität andererseits - das sind die großen Fragen, die der Lyriker Dylan in seinen Songtexten stellt, lange bevor er für den Gesamtkörper seiner Lyrics im vergangenen Jahr den Literaturnobelpreis verliehen bekam.

In dem Song "Slow Train Coming" - dessen Entstehungsgeschichte mit sage und schreibe sechs Versionen auf "Trouble No More" beispielhaft für die beharrliche musikalische Arbeitsweise in das Zentrum der Narration gestellt wird - singt Bob Dylan die Zeilen: "All that foreign oil controlling American soil / ... / Deciding America's future from Amsterdam to Paris." ("Fremdes Erdöl kontrolliert Amerika / ... / Dessen Zukunft an den Börsen von Amsterdam und Paris entschieden wird.") Man meint fast, Donald Trump predigen zu hören, gleichwohl erinnern wir uns: Diese Zeilen stammen aus dem Jahr 1979, sie weisen also trotz aller Belehrung ein seherisches, diagnostisches Element auf, das die große Erzählung Amerikas als Land, das seine industrielle Identität verlieren wird, spiegelt.

Der unbarmherzige, übellaunige Evangelist Dylan hat auf diesen Verlust von Identität, Spiritualität, Überschaubarkeit und das Verschwinden von menschlichen Dimensionen eine zunächst eindimensionale, religiöse Antwort. Die Analyse indes, den Verweis auf eine tiefe und gefährliche Krise der Spiritualität, haben zeitgleich auch andere Mahner formuliert und in ihrer Kunst thematisiert. Als prägnantestes Beispiel hierfür wäre der russische Filmregisseur Andrej Tarkowski zu nennen, der wie Bob Dylan das weite Themenfeld spiritueller Entwurzelung, des Verlusts von Traditionen und Heimat sowie der Kunst als möglicherweise rettender Erzählung in Filmen wie "Stalker" (1979) und "Nostalghia" (1983) studierte und in ebenso poetische wie starke Bilder wandelte.

Dylan wich schrittweise von seiner extrem dogmatischen Bibelauslegung in den Folgejahren nach 1979 zurück, als er mit den Alben "Saved" und "Shot of Love" die Beschäftigung mit Gott zunächst zwar vertiefte, um sie aber schließlich in eine zugänglichere Spiritualität zu verwandeln, in der auch seine Lyrik wieder an Zärtlichkeit und Kraft zulegte.

Allerdings bleibt die eine Frage, an der sich einst die Geister schieden, bis heute unbeantwortet: Gibt es nicht vielleicht doch so etwas wie einen "neutral ground", eine Art gnostisches Zwischengeschoss, in welchem die Frage nach dem schleichenden Verlust der Spiritualität in der westlichen Welt konstruktiv und erkenntnisstiftend verhandelt und besprochen werden kann? Kein Interviewer hat Bob Dylan je die Frage gestellt, wie er zu Andrej Tarkowskis Idee der Poesie als letzten Rettungsanker des entwurzelten Menschen steht. In seiner gescheiten Literaturnobelpreisrede verwies Bob Dylan lediglich auf Melville, Homer und Remarque, um in der Schlussfolgerung den Lyriker (also sich selbst) zu beschreiben als jemanden, der bloß ein Medium sei, durch den die Muse singe. Was aber bedeutet das im Rückblick für die Unerbittlichkeit seiner christlichen Jahre? Unter diesem Blickwinkel kann man tatsächlich viel Bereicherndes in den voller Inbrunst gesungenen Liedern jener Zeit finden, wie sie jetzt umfassend in "Trouble No More" dokumentiert sind.

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