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Bildband:Versammelte Glockenstudien

Der Rundfunk-Journalist Georg Impler hat eine Enzyklopädie über die Geläute geschrieben

Von Rudolf Neumaier

Kirchenglocken, wenn man mit ihnen aufgewachsen ist und das Totenglöcklein hier mal geflissentlich überhört, erzeugen die angenehmsten Gemütszustände und rufen die behaglichsten Erinnerungen hervor. Feierabendstimmung zum Beispiel am Abend. Oder Sonntagfrüh diese frisch geduschte und gebenedeite Feierlichkeit, die bayerischen Landkatholiken einmal angeboren war. Das schönste Bild aber, das beim Klang von Kirchenglocken vor dem inneren Auge entsteht, ist eine Portion Paprikaschnitzel mit Semmelknödeln - und die innere Nase wird betört von einem Aroma, gegen das Weihrauch ein fades Düfterl ist. Die Großmutter in ihrer kleinen Küche trug den Sonntagsschmaus auf, und im Radio kam das Zwölf-Uhr-Läuten. Auf Bayern 1. Herrlich. In Ewigkeit, Amen.

In den vergangenen zehn Jahren hat beim Bayerischen Rundfunk Georg Impler die sonntäglichen fünf Minuten betreut, er war bis Ende Juni Redakteur fürs Zwölf-Uhr-Läuten. In seinen Weihnachts-Spezialsendungen, die eine Viertelstunde dauerten, lieferte er legendäre Beiträge wie im Mozart-Jahr alle bayerischen Geläute, die Mozart selbst nachweislich gehört haben muss, und zum Wendejubiläum 2009 die Glocken der Kathedralen in der ehemaligen DDR. Mit 65 Jahren ist er in den Ruhestand getreten, zur Krönung seines Schaffens hat er ein Buch verfasst: "Glockenland" heißt es, und Impler präsentiert darin "Bayerns klangvollste Kirchengeläute". Eine CD mit Aufnahmen dieser stattlichen Klänge liegt dem opulent illustrierten Band bei.

glockenbuch

Die Glocke: Friedrich Schiller nannte sie in seiner Ballade die "Nachbarin des Donners".

(Foto: Verlag)

Kirchenglocken waren in vielen Gegenden bis ins 20. Jahrhundert, als es weder Rasenmäher noch Autos oder Flugzeuge gab, der einzige mechanisch erzeugte Klang im öffentlichen Raum. Schiller verlieh den Glocken in seiner Ballade die Attribute "Nachbarin des Donners" und "Stimme von oben". Heute gehen sie unter im Alltagslärm. Georg Impler beschreibt in seiner Einleitung, wie er als zuständiger Redakteur mit anfangs laienhaftem Verständnis von Campanologie lernte, das Geläut neu wahrzunehmen. Was er in den zehn Jahren seiner Glockenstudien an Wissen und an Geschichten über diese Monumentalinstrumente sammelte, hat er in sein Buch gegossen.

Einer wie Impler kennt den fulminanten Einstieg von Thomas Manns "Der Erwählte", wo es nur so scheppert und klirrt vor Überschwang, genauso gut wie die klangphysikalischen Geheimnisse des Glockentones. Wenn er über das g'' der Landshuter Schwedenglocke und das c' der Donauwörther Johannisglocke die Tonhöhen erläutert, geht's ans Eingemachte. Allerdings wäre diese bayerische Glocken-Enzyklopädie ohne solche technischen Erläuterungen unvollständig.

Nach der Lektüre hat man das Gefühl, alles, aber auch wirklich alles Interessante erfahren zu haben, was es über die Glocke zu sagen gibt. Dazu braucht Impler aber keine 500 Seiten, ja nicht einmal die Hälfte. Als Rundfunk-Journalist weiß er kurz und bündig zu erzählen. Und in die Provinz leuchtet er ebenso hinaus wie er die Glockentürme der Kathedralen und Basiliken erklommen hat. In Leobendorf zum Beispiel, einem zauberhaften Ort im nördlichen Berchtesgadener Land, tat er eine Glocke des Gießers Sebald Hirder aus Neuburg an der Donau auf. Wer die wunderbare Leobendorfer Hirder-Glocke hört, kann sich kaum vorstellen, dass der Schöpfer dieses Klangkunstwerkes auch als Waffenindustrieller reich wurde: Er goss Kanonen. Die Kriegstechnik, schreibt Impler, entwickelte sich seither weiter - die Glockenkunst war schon damals so gut wie vollendet.

Glocken umweht eine heilige Aura. Deswegen ist mit ihnen reichlich Aberglauben verbunden. Zum Beispiel hilft das Schreiben des Namens an eine Glocke gegen Heiserkeit, Ohrenschmerzen und kindliches Bettnässen, während Wasser, in dem ein Glockenschwengel gewaschen wurde, gegen Seitenstechen wirkt. Wer's für Unfug hält, sollte es ausprobieren. Der Glocke auf dem Kärntner Georgiberg wird eine besondere Voodoo-Kraft zugeschrieben: Zu ihr pilgern junge Frauen, wenn sie sich einen bestimmten Mann wünschen, der sie aber verschmäht - schon bei ihrer Heimkehr ist der ersehnte Bursche verzaubert.

Selbstverständlich verschweigt Impler nicht, dass die Kirchenglocken auch Gegner haben. Es handelt sich um Menschen, die Kirchenglocken für Folterinstrumente halten. Die alten Chinesen peinigten Delinquenten tatsächlich mit Geläut, sie fesselten die Verurteilten, legten sie unter eine große Glocke und läuteten, bis sie wahnsinnig wurden und starben. Im Internet gibt es eine Seite, nachtruhe.info, auf der sich Glockenfeinde tummeln. Dort bekommen Glockengegner genaue Anleitungen für juristische Schritte gegen Kirchengeläut. "Kirchenglocken", heißt es auf einem Link dieser Seite, "sind ein Werk des Teufels." Auch Kuhglocken finden die Aktivisten überflüssig, jedenfalls fordern sie eine klare Lärmbegrenzung: "Die Tierglocken sollen nicht größer sein als eine Frucht, welche vom Tier problemlos in den Mund genommen werden kann." Solche Menschen akzeptieren allenfalls eine Glocke: das Schneeglöckchen, das auf der Wiese blüht und den Frühling einläutet.

Drei Dutzend der imposantesten Geläute Bayerns sind auf einer CD zu hören, die dem Buch beiliegt. Die Einspielung vom Alten Peter ist ein besonderes Tondokument, denn hier läutet noch die sogenannte Jubiläumsglocke, die tontiefste Glocke der Stadt. Wenige Tage nach der Aufnahme barst die Sechseinhalbtonnerin und wartet seither auf ihre Reparatur. München ist gegenwärtig um eine sehr gewichtige Stimme ärmer.

Georg Impler: Glockenland. Bayerns klangvollste Kirchengeläute. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg. 234 Seiten mit CD, 39,95 Euro.

© SZ vom 27.08.2015
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