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Bildband:Reise durch den Jazz

Ein Band zeigt, wie sehr der Jazz zum Leben in Amerika gehörte. Man meint, ihn fast körperlich erfahren zu können.

Es gibt kein Buch, das besser zeigt, wie unmittelbar der Jazz zum Leben in Amerika gehörte. Dabei rückt es so dicht an diese Musik heran, dass man sie beim Blättern fast körperlich erfahren kann. "Jazz Life" ist dieses Buch betitelt (in einer Neuausgabe beim Taschen Verlag, Köln, 2016. 600 Seiten, 49,99 Euro). Und weil die Hipster damals ähnliche Sachen anhatten wie die Hipster heute, versprüht es auch noch eine ganz eigene Gegenwärtigkeit. Der Band besteht aus Texten des deutschen Jazzjournalisten Joachim-Ernst Berendt und Bildern des amerikanischen Fotografien William Claxton. 1960 reisten sie durch Amerika, besuchten die wichtigsten Zentren des Jazz, von denen es damals noch ein gutes Dutzend gab. Man darf Joachim-Ernst Berendt allerdings nicht mit einem Kritiker verwechseln. Er mag als Vermittler für den Jazz im Nachkriegsdeutschland so wichtig gewesen sein wie Marcel Reich-Ranicki für die Literatur, Joachim Kaiser für die klassische Musik und Willibald Sauerländer für die Kunst. Doch es ging ihm selten um das Urteil. Er war eher ein Alexander von Humboldt der Musik. So tauchen zwar die Stars der Zeit auf, Duke Ellington und Billie Holiday, Sonny Rollins und Roland Kirk. Man versteht nach dem Buch auch mehr über diese Musik. Doch die Reise beginnt in den Kirchen auf den Sea Islands in Georgia. Bis man dann über Begräbnisprozessionen in New Orleans, Bands auf dem Gefängnishof von Angola und einer Probe in einem Gewerkschaftslokal in Kansas City bei den Avantgardisten in New York angelangt ist, hat man im Kopf schon die gesamte Entwicklung des Jazz nachvollzogen. Plötzlich erhalten die Bilder von Schlagzeuger Elvin Jones vor dem legendären Birdland Club in Manhattan ( erstes Bild), von den Drummern Philly Joe Jones und Larance Marable bei einer Session in einer Villa in Beverly Hills ( zweites Bild) oder André Previn bei Aufnahmen in Hollywood ( drittes Bild) ein Fundament, das zeigt, dass die Geschichte des Jazz auch eine Historie der amerikanischen Gesellschaft war.