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Bildband:Mut zur Brücke

"Ost - West - Wir": Der Fotograf Daniel Biskup hat die Menschen hinter den 17 "Verkehrsprojekten Deutsche Einheit" porträtiert. Sein Bildband zeigt die Architektur des Verbundenseins und Orte mit Erzählkraft.

Von Gerhard Matzig

Es gibt ja den sehr seltsamen Brauch, den hiesigen Brückengeländern in Form eines gravierten Bügelschlosses zu verraten, dass sich Elena und Fabio arg lieb haben. Oder dass Sunny und Pia unzertrennbar einander die ewige Unzertrennbarkeit geschworen haben, indem die Schlüssel bei untergehender Sonne im Fluss versenkt wurden. Manchmal sieht man auch melancholisch gestimmte, einsam wirkende Menschen auf solchen mit Schlössern der Liebe geschmückten Brücken. Man weiß dann nicht: Ist es Pia oder ist es Sunny, die sich wehmütig daran erinnert, dass das schon leicht angerostete, aber immer noch intakte Abus-Modell ("für ultimative Sicherheitsansprüche") die Stürme des Lebens vergleichsweise gut überdauern durfte. Im Vergleich nämlich zur Liebe selbst, deren mangelndes Sicherheitslevel manchmal zu Tränen rührt.

Es ist übrigens naheliegend, dass man hier abschweift ins Reich der Emotionen, obschon es um die durchaus rational, ja formelhaft präzise kalkulierten Träger solcher Gefühle geht. Zum Beispiel um das Brückenbauwerk, das zu jenen Infrastrukturprojekten gehört, die zugleich technischer wie symbolischer Natur sind. Die Brücke als Architektur des Verbundenseins und des Miteinanders ist immer auch ein Ort mit Erzählkraft. Das gilt ebenso für Straßen, die auf den Horizont zielen. Oder für Gleise, die fernwehhaft in die Zukunft weisen. Selbst Tunnel sind mehr als Tunnel, nämlich Narrative. Tatsächlich gäbe es die halbe Kulturproduktion in Form von Romanen, Filmen oder Songs nicht - wenn es nicht auch Brücken, Straßen, Schienen oder Tunnel als magische Szenerien gäbe. Insofern, das mag jetzt überraschen, ist das Verkehrsministerium auch ein Reich der Poesie. (Okay, wer die wenig rühmliche Rolle des amtierenden Verkehrsministers im Maut-Skandal studiert, der ahnt allerdings schon, dass dieses Ministerium sich seiner fiktionalen Abgründe bewusst ist.)

Der Traum der Einheit wurde zum Gründungsdokument der ersten Spatenstiche

Jedenfalls: Im Verkehrsministerium, das auch mit Blick auf die immer noch unterlassene Verkehrswende nur ein Verkehrtministerium ist, hätte man schon lange keine gute Idee und keine schöne Tat mehr verorten wollen. Aber genau das ist geschehen. Es grenzt an ein Wunder.

Zum Tag der Einheit und aus Anlass von "30 Jahre Wiedervereinigung" hatte das Verkehrtministerium mal eine richtig gute und sogar großartige Idee. Die nicht darin besteht, die 17 "Verkehrsprojekte Deutsche Einheit" glanzvoll ins Rampenlicht zu stellen, nachdem man schon jahrelang davor im Stau stand. Sondern es wurde der Fotograf Daniel Biskup, der einen einzigartigen Blick für Menschen hat, damit beauftragt, die Leute vom Bau vor, hinter, auf, unter und vor allem in ihren Werken zu porträtieren. Es geht also um die Baggerfahrerin, den Polier, den Umweltbeauftragten und die Bauleiterin. In Interviews erzählen die Menschen, welche die - zwei Himmelsrichtungen vernähenden - Bauten realisiert haben, von den Begleitumständen der Infrastrukturbauwerke, die immer auch Traumbauten sind. Der Traum der Einheit wurde auch dort zum Gründungsdokument der ersten Spatenstiche, wo die Einheit jenseits der Trassen und Bauten als gesellschaftliche Wahrheit noch auf sich warten lässt. Biskup hat 106 Frauen und Männer fotografiert. Darunter ist auch der Bauleiter, der sich während des Baus der Bahnstrecke Berlin-Hamburg in seine Pensionswirtin verliebt hat. Heute lebt er mit ihr auf einem Bauernhof.

Ob die beiden ein Schloss an einer Brücke brauchen? Immerhin kann die ganze Bahnstrecke diese Liebe zwischen zwei Menschen bezeugen. Und die zwischen zwei Himmelsrichtungen muss halt noch wachsen.

Der Bildband "Ost - West - Wir" mit Fotos von Daniel Biskup ist vom 9. Oktober an über das Verkehrsministerium zu beziehen. Der Selbstkostenpreis beträgt 25 Euro. Info: www.bmvi.de

© SZ vom 06.10.2020
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